James Ellroy – Jener Sturm

James Ellroy ist der wohl exzentrischste Kriminalschriftsteller der USA. Allein sein Leben wäre schon Drehbuch genug für einen mehrstündigen Film. Seine Mutter fiel 1958 einem Sexualmord zum Opfer, der nie aufgeklärt wurde. Armand Ellroy, der Vater, schlug sich mit Buchmacherjobs durchs Leben. In den Endvierzigern arbeitete er kurzfristig für die Hollywoodschauspielerin Rita Hayworth. James Ellroy ist mit den True Crime und Hard-boiled Kriminalromanen der Nachkriegszeit aufgewachsen. Neben den Groschenheften waren das vor allem Romane von Mickey Spillane und Raymond Chandler. Ellroy bleibt in dieser Tradition, nur sind seine Bücher länger und härter. Oft erscheinen seine Bücher als Trio- oder Tetralogie. Die wohl berühmteste Reihe ist „L.A. Confidential“ (deutsch: Stadt der Teufel) verfilmt worden. Jetzt die zweite Reihe L.A. Quartett. Nach Perfidia ist der zweite Band „Jener Sturm“ erschienen.
Los Angeles im Jahr 1942, die USA sind nach dem Pearl Harbour Desaster in den zweiten Weltkrieg eingetreten. Die meisten US-Japaner sind interniert, Kalifornien befürchtet eine Invasion der japanischen Armee. Vor diesem Hintergrund agiert das L.A. Policedepartment. Als einer der wenigen Japaner, die noch beruflich aktiv sein können, wird der brillante Polizei Forensiker Hideo Ashida mit einem Mordfall konfrontiert, der weit in die Vergangenheit reicht. Weitere Protagonisten aus Perfidia tauchen auf: der skrupellose Ermittler Dudley Smith, immer einem lukrativen Nebengeschäft nicht abgeneigt. Die Handlung, in der man noch die Bekanntschaft mit einigen Hollywoodgrößen macht, ist wie von Ellroy gewohnt, komplex, oft statisch und für Quereinsteiger in das Werk des Autors schwer zu durchschauen. Es ist das atmosphärische dieses fast 1000 Seiten dicken Romans, das den Leser, die Leserin in den Bann zieht. Dazu der gewöhnungsbedürftige, aber sehr effektive Stakkato Schreibstil Ellroys. Kurze Sätze, oft nicht länger als eine halbe Zeile. Dies ist besonders bei den expliziten Szenen sehr wirkungsvoll. Wer von Ellroy einen klassischen Kriminalroman erwartet, ist hier fehl am Platz. Keine Frage, „Jener Sturm“ ist zu lang geraten, aber als historischer Kommentar zum Zustand der amerikanischen Gesellschaft zu lesen. Die Ellroy Liebhaber wird es freuen, dass dieser wirklich unabhängige Autor wieder voll da ist.

Text: Ulf Engelmayer
James Ellroy – Jener Sturm, HC, 35€
Ullstein, ISBN 978-3-550-05041-1

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