Jean Michel Guenassia – Der Club der unverbesserlichen Optimisten

Ganz neu ist dieses Buch nicht mehr. In Frankreich erschien die Originalausgabe dieses Romans von Jean-Michel Guenassia im Jahr 2009. Der Inselverlag hat mittlerweile die 8. Auflage an den Start gebracht. Aktualität gewinnt das Buch in diesem Jahr durch das Erinnern an die weltweite 68er Revolte der Jugend. Guenassia erzählt in „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ die Geschichte des Heranwachsenden Michel Marini im brodelndem Paris der 60er Jahre. Schule ist für Michel nur eine lästige Pflicht. Er nützt jede freie Zeit um in den Kneipen und Bistros der Umgebung, seiner Leidenschaft, dem Tischfußballspiel nachzugehen. Abseits des drögen Elternhauses lernt er in den Kneipen schnell die spannenden Seiten des Lebens kennen. Rock n` Roll wird seine zweite Passion. Ein älterer Freund, der zum Militär muss, leiht ihm seine Plattensammlung. Eines Tages entdeckt Michel in einem Hinterzimmer eines Bistros „Den Club der unverbesserlichen Optimisten“. Ein loser Zusammenschluss von Ostblock Emigranten. Neue Freundschaften entstehen. Er lernt Schachspielen und Fotografieren. Auch die erste große Liebe lässt nicht lange auf sich warten. In diesem großen Roman gelingt es dem Autor, den Leser tief in die Atmosphäre des Paris der 60er Jahre mitzunehmen. Skurrile Erlebnisse und ein etwas melancholischer Blick auf diese Zeit, machen das Buch zu einem großen Lesevergnügen. Doch Vorsicht, dieser über 600 Seiten starke Roman sollte in einem Stück gelesen werden, sonst verliert man schnell den Überblick bei den handelnden Figuren.

Text: Ulf Engelmayer
Jean – Michel Guenassia – Der Club der unverbesserlichen Optimisten, TB, 14€
Insel Taschenbuch Verlag, 978-3-518-46862-3

Fioly Bocca – Das Glück am Ende des Weges

Niemand scheint den Jakobsweg ohne Grund zu gehen. So auch Alma und Frieda. Sonst haben die beiden Italienerinnen kaum etwas gemeinsam, außer ein gebrochenes Herz. Alma ist jung und hat sich gerade mit der Eröffnung eines Buchladens einen Traum erfüllt. Zusammen mit ihrer Freundin macht sie weit ab von der Stadt einen Reiturlaub. Dort lernt sie Bruno kennen und lieben. Aber so, wie Alma die Stadt und ihren Laden liebt, braucht Bruno das Land, seine Familie und seine Pferde. Nach einem Stadtbesuch bei Alma muss er kurzfristig wegen einem kranken Pferd zurück auf seinen Hof. In der Stadt fühlt er sich nicht wohl. Er möchte Almas Wunschträume mit ihrem Geschäft nicht zerstören und trennt sich von ihr. Alma ist todunglücklich. Bruno ist vor Jahren den Jakobsweg gegangen und hat Alma Details von seiner Wegstrecke hinterlassen. Sie beschließt den gleichen Weg zu gehen um sich über ihre Gefühle für Bruno klar zu werden. Auf dem Jakobsweg trifft sie Frida, eine Psychologin über 50 Jahre alt und seit Kurzem Witwe. Ihr portugiesischer Ehemann war als Mediziner bei den Ärzten ohne Grenzen immer wieder an den Brennpunkten im Ausland unterwegs. Das war seine Passion. Frida ertrug ihre Ängste um ihn Jahr für Jahr. Eines Tages erhielt sie die Nachricht vor der sie immer Angst hatte. Manuel verstarb während einem Einsatz. Plötzlich ist ihr Leben leer. Ihren Beruf als Psychologin kann sie nicht mehr ausüben. Sie beschließt auf dem Jakobsweg bis nach Portugal zu wandern. Auf den Spuren ihres verstorbenen Mannes will sie seine Familie und alte Freunde besuchen. Die beiden Frauen lernen sich auf dem Jakobsweg kennen. Aus Verständnis füreinander entwickelt sich eine Freundschaft. Fioly Bocca ist eine italienische Autorin. Ihr Debütroman „Das Glück der fast perfekten Tage“, war in Italien ein Bestseller. „Das Glück am Endes des Weges“, ist eine still erzählte Geschichte um die Leiden und dem Glück der Liebe. Der Roman gleitet dabei aber nie in den Kitsch ab, sondern erzählt von zwei Frauen, die sich ihren Lebensweg vollkommen anders vorgestellt haben. Schicksalhaft müssen sie mit ihrer neuen, unverhofften Lebenssituation klarkommen. Der Jakobsweg fordert die Frauen mental und körperlich. Ein ganz anderes Zeitempfinden und eine völlig neue Einteilung der körperlichen Ressourcen lassen die Gedanken in neue Bahnen gleiten. Am Ende wartet ein anderes Bewusstsein auf die Sicht der Dinge.
Text: Jutta Engelmayer
Fioly Bocca – Das Glück am Ende des Weges, HC, 18€
Wunderlich, 978-3-8052-0039-4

Bill Clinton und James Patterson – The President is missing

Der US-Präsident Jon Duncan hat große Sorgen. Der Sonderausschuss des Repräsentantenhauses hat ihn zu einer Anhörung geladen, bei der es um ein Amtsenthebungsverfahren geht. Ihm wird vorgeworfen, mit einem international gesuchten Terroristen Kontakt aufgenommen zu haben. Damit gefährdet der 1. Mann im Staat die nationale Sicherheit. Für seine politischen Gegner eine gute Gelegenheit um ihn abzuservieren. Aber Duncan kann zu diesem Thema nicht alles aussagen, denn die USA wird von einer Cyberattacke von gigantischem Ausmaß bedroht. Nur der Präsident selbst und ein sehr kleiner Kreis von Eingeweihten weiß um diese Bedrohung. Um den Angriff auf das gesamte Computernetz der USA glaubhaft zu machen, hat eine Terroristin Kontakt zu der in Paris studierenden Tochter von Präsident Duncan aufgenommen. Sie soll ihrem Vater eine Nachricht überbringen, nur sie kann das direkt. Die Nachricht ist brisant. Ein streng geheimes Passwort, das nur einer kleinen Gruppe im weißen Haus bekannt ist. Duncan nimmt diese Information ernst. Er befürchtet einen Maulwurf in seinem nahen politischen Umfeld. Die Terroristin will ein persönliches Gespräch mit dem Präsidenten und wird von ihm empfangen. Sie macht ihm klar um was es geht. Sie selbst hat einen Virus programmiert, der bereits über lange Zeit von einer Gruppe von Cyber-Terroristen ins amerikanische Netz eingeschleust wurde. Die Söhne des Dschihad wollen die USA vernichten. Ein totaler Zusammenbruch des Computernetzes steht kurz bevor und die Zeit läuft. Duncan lässt sich auf ein Treffen mit ihrem Partner ein. Allein, ohne Personenschutz soll die Zusammenkunft in einem Baseballstadium stattfinden. Der Präsident verschwindet inkognito, ohne jede Begleitung um das Schlimmste was seinem Land passieren kann zu verhindern. Für diesen Roman haben sich zwei berühmte Männer zusammengetan. Bill Clinton war von 1993 bis 2001 Präsident der Vereinigten Staaten und bringt damit detailliertes Insiderwissen ein. James Patterson ist ein amerikanischer Bestsellerautor der mit einer weltweiten Auflage von 375 Millionen Büchern zu den Spitzen der schreibenden Zunft in Amerika gehört. Bereits die ersten Seiten infizieren den Leser mit einem Virus, der vor der letzten Seiten keine Heilung findet. Der Präsident ist der Erzähler des Thrillers. Minutiös wird die Story vorangetrieben, trotzdem gibt es immer wieder ungeahnte Wendungen. Die strategischen Gedanken des Präsidenten werden erst im Handlungsablauf verraten und lassen die Spannung kontinuierlich steigen. „The President is missing“ ist eine fesselnde Geschichte mit ausgefeilten Charakteren, klugen Dialogen und in Zeiten der totalen Vernetzung beängstigend vorstellbar.

Text: Jutta Engelmayer
Bill Clinton und James Patterson – The President is missing, HC, 22,99€ Droemer Verlag, 978-3-426-28197-0

James Comey – Größer als das Amt

Vor der Präsidentschaftswahl in den USA galt er als Erzfeind der Demokraten, der FBI Chef James Comey. Viele sind der Meinung, dass er mit seiner Entscheidung, die Ermittlungen gegen Hilary Clinton in der Endphase des Wahlkampfes wieder aufzunehmen, das Ergebnis massiv beeinflusst hat. Jetzt hat der von Trump entlassene FBI-Chef seine Erinnerungen vorgelegt. Und dies ist wörtlich zu nehmen. Comey hat kein Buch über Trump geschrieben, sondern seine Geschichte und die Entwicklung seines Wertesystems, das lebenslang sein Handeln bestimmte und letztlich durch Trumps Anspruch unkritischer Loyalität zu Fall kam. Comey ist durch sein Jurastudium früh mit dem amerikanischen Rechtssystem vertraut. Als Bezirksstaatsanwalt erwarb er erste Erfahrungen im Umgang mit der Mafia, danach ging seine Karriere steil nach oben. 2003 wurde er stellvertretender Justizminister unter George W. Bush. Im Jahr 2013 wurde er von Barrack Obama zum FBI-Direktor ernannt. Geprägt haben Comey Ereignisse in seiner Jugend. In der Schule gemobbt, muss er zudem einen traumatischen Einbruch des Ramsey Rapist in dem Haus seiner Eltern verarbeiten. Daraus entsteht, durch persönliches Erleben, eine Ethik des Handelns, die sich durch seine gesamte Lebensgeschichte zieht. Schnell wird klar, dass mit diesem aufrechten Gang die Konflikte mit der Trump Administration nicht lange auf sich warten lassen- Comey bestätigt aus der Innensicht was immer deutlicher wird.
Zitat Anfang – „Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit und die Werte unserer Demokratie. Unter seiner Führung verkommt Politik zum reinen Geschäft, er ist egozentrisch und verlangt persönliche Ergebenheit. Was heute vor sich geht, ist nicht normal. Das sind keine Fake News. Das ist nicht in Ordnung.“ – Zitat Ende.
Das lässt auch weiterhin das Schlimmste befürchten. Wer wie ein Mafiaboss agiert – und das legt Comey in seinem Buch nahe – wird sich am ehesten in der Umgebung von Autokraten wohlfühlen und persönliche Deals aushandeln.
Ein wichtiges Buch in schwierigen Zeiten, dass aber auch Hoffnung macht. Solange es Personen wie Comey gibt, funktionieren die demokratischen Institutionen noch.

Text: Ulf Engelmayer
James Comey – Größer als das Amt, HC, 19,99€
Droemer Verlag, 978-3-426-27777-5

Holm Friebe, Detlef Gürtler – Clusterfuck

Die Welt ist kein langer ruhiger Fluss. Im Gegenteil: in unserer hochvernetzten, komplexen, unübersichtlichen und hochtechnischen Welt, ist die Gefahr von unvorhersehbaren Ereignissen und Katastrophen noch immer gegeben. Mehr noch – die Gefahr eines kollektiven Meltdowns von Organisationen und Unternehmen ist jederzeit möglich. Die Autoren Holm Friebe und Detlef Gürtler nehmen in ihrem Buch „Clusterfuck – Warum Katastrophen uns lieben – und eine selten allein kommt“, dieses Phänomen gründlich auseinander. Wie die Beispiele in der Autoindustrie und der BEG Flughafen zeigen. Der Begriff „Clusterfuck“ entstand im Vietnamkrieg, der für die Amerikaner trotz militärischer Überlegenheit nicht zu gewinnen war. Er beschreibt eine chaotische Situation, wo alles schiefzugehen scheint. Die Ursachen sind oft Inkompetenz, Kommunikationsversagen oder eine zu komplexe Umgebung. Für die Autoren ist Clusterfuck ein systemisches Problem., das die Lösungskapazität aller Beteiligten unabwendbar übersteigt. Die Dynamik solcher Systeme sind oft für Experten schwer vorherzusagen. „Unsere intuitive Tendenz zum linearen Denken, funktioniert in solchen Systemen nicht. Ursache und Wirkung verhalten sich oft in keiner Weise linear“, so der Komplexitätsforscher Dirk Helbing. Das macht es natürlich schwierig todsichere Ratschläge und Handlungsanweisungen zu entwickeln, um Clusterfucks und Katastrophen zu verhindern. Die beste Vorsorge ist nach Ansicht der Autoren die Sensibilisierung von Entscheidungsträgern für diese Problematik. Im Anhang, oder hier Exit genanntem Schluss des Buches, werden dennoch eine Fülle von interessanten, oft auch humorvollen Wegen aufgezeigt, um den Alltagsfallen des Versagens aus dem Weg zu gehen. Auch der Autor Ken Kesey, Verfasser des Psychiatrie Romans „Einer flog über das Kuckucksnest“, spielt da eine Rolle. Clusterfuck ist ein hochunterhaltsames, faktenreiches Buch, dem man eine breite Rezeption wünscht.
Text: Ulf Engelmayer
Holm Friebe, Detlef Gürtler – Clusterfuck, fester Einband, 22€
Hanser Verlag, 978-3-446-25951-5

Radio Lounge am 03-07-18

Es gibt wie immer bewährte Tracks aus 19 Jahren Radio Lounge Show u.a. von Nathan Haines, King Britt, der Groove Armada. Künstler der Woche sind De-Phazz, langjährige Begleiter unserer Show mit ihrem neuen starken Album „Black White Mono“. Dazu The Blaze, Get Well Soon und ein Snipet aus dem Sampler 10 Jahre Erased Tapes.
Enjoy & Listen!
Hier geht’s zur playlist

Bas Kast – Der Ernährungskompass

Gleich vorweg: Wer dieses Buch liest braucht keinen Diätberater mehr. Hier geht es um eine Wende in der persönlichen Sicht auf die Ernährung. Auf die Art und Weise wie und was man isst. Der Anlass, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen, hat beim Wissenschaftsjournalisten Bas Kast einen persönlichen Hintergrund. Plötzliche Schmerzen im Brustbereich veranlassten den 40-jährigen, sich gründliche Gedanken über sein Essverhalten zu machen. Dies führte zu einer langjährigen, intensiven Recherche der aktuellen Alters- und Ernährungsforschung. Kast nimmt sich konsequent die drei großen Bausteine Proteine, Kohlenhydrate und Fette vor. Er führt den Leser sehr anschaulich und verständlich an diese sehr komplexen Wirkungsweisen heran. Schnell wird klar, was wir für gesunde Ernährung halten, ist nur eine Marketingmasche cleverer Werbestrategien. Nicht jede Diät ist wirklich nachhaltig und zielfördernd. Vorsicht vor einfachen Rezepten und aktuellen Hypes ist dringend geraten. Es ist das große Verdienst von Kast, aus tausenden von zum Teil sich wiedersprechenden oder irregeleiteten Studien einen Ernährungskompass entwickelt zu haben, der gerade auch dem Laien den notwendigen Halt und Orientierung in diesem unübersichtlichen Nahrungsdschungel gibt. Anhand von Tierversuchen ist deutlich gezeigt worden, dass es nicht nur eine Rolle spielt was wir essen, sondern auch wie lange und wann man etwas isst. Damit die Praxis nicht zu kurz kommt, hat der Autor am Schluss des Buches 12 Ernährungstipps zusammengestellt. Die wichtigste Regel lautet: Essen sie möglichst unverarbeitete Nahrungsmittel – und genießen Sie! Damit das funktioniert, ist für jeden Haushalt Bas Kasts Ernährungskompass als Pflichtlektüre zu empfehlen.
Text: Ulf Engelmayer
Bas Kast – Der Ernährungskompass, geb, 20€
C.Bertelsmann, 978-3-570-10319-7

Sebastian Purps-Pardigol, Henrik Kehren – Digitalisieren mit Hirn

Ein Begriff geistert durch das Berufsleben: „Arbeitswelt 4.0“. Gemeint ist die totale digitale Vernetzung von Elementen in der Produktion, Verwaltung, Logistik, kurz – in allen Formen der heutigen Arbeitsprozesse. Zu diesem Thema hat die Bundesregierung ein Weißbuch herausgegeben. Die entsprechenden Fachministerien beschäftigen sich intensiv mit den notwendigen Rahmenbedingungen. Darüber, wie die notwendigen Transformationsprozesse in die Industrie gebracht und umgesetzt werden können, erfährt man in der Regel wenig. Es ist das große Verdienst der beiden Autoren des Buches „Digitalisierung mit Hirn“, diese Transformationsschritte dem Leser sichtbar und anschaulich zu machen. Beim Lesen wird schnell klar: Treiber dieser Entwicklung sind oft mittelständische Firmen und Unternehmer, wie z.B. der Heizungsanlagenbauer Viessmann oder der Fotokonzern CEWE. Die notwendige Transformationsarbeit ist nur dann erfolgreich, wenn es gelingt die Mitarbeiterschaft für die notwendigen Veränderungen zu begeistern bzw. sie aktiv einzubinden. Dies setzt völlig andere Führungsmodelle und notwendige Kooperationen voraus. „Es ist niemandem angeboren in der digitalen Welt erfolgreich zu sein. Es ist eine Frage, wie intensiv man sich damit auseinandersetzt.“, so Maximilian Viessmann, Gesellschafter und Verwaltungsrat der Viessmann Werke. Hier helfen die gängigen Regeln der Managementlehre nur bedingt weiter. Ohne einen Wandel in der klassischen Unternehmenskultur und eine Neuaushandlung der Arbeits- und Mitwirkungsbedingungen, wird der Wandel nicht nachhaltig sein, so das Fazit der Autoren. Die zahlreichen Beispiele im Buch machen jedoch Mut. Jedem Kapitel ging eine umfangreiche Feldstudie mit Interviews und aktuellen Erkenntnissen aus der neurologischen Forschung voraus. Für alle die sich mit diesem Thema beruflich befassen müssen, ist dieses Buch eine Quelle interessanter Erkenntnisse.

Text: Ulf Engelmayer
Sebastian Purps-Pardigol, Henrik Kehren – Digitalisieren mit Hirn,
geb, 34€
Campus Verlag, 978-3-593-50842-9