Hans Rosling – Factfulness

Mit Fakten gegen Fake News, so könnte wohl der erste Gedanke sein, wenn man das Buch Factfulness von Hans Rosling das erste Mal in die Hand nimmt. Der Autor – gestorben im Februar 2017 war Professor für internationale Gesundheit am renommierten Karolinska Institut in Stockholm – hat mit dieser Veröffentlichung ein viel weitreichenderes Ziel. Der Untertitel des Buches gibt die Richtung vor: „Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.“ Rosling, der Factfulness zusammen mit seinem Sohn Ola Rosling und seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund geschrieben hat, entwickelte einen kniffligen Fragenkatalog um zu belegen, dass unser Gehirn eher zu einer dramatischen Weltsicht neigt, die nicht immer einer realen Datenlage entspricht. Seine These: „Intelligent zu sein … ist kein direkter Weg zu einem umfassenden Faktenwissen. Experten sind nur innerhalb ihres Fachgebietes Experten. Simple Faktenfragen zeigen nach Rosling oft eine erschreckende Faktenunkenntnis. Auf die Frage: „Wie viele der einjährigen Kinder auf der Welt sind gegen irgendwelche Krankheiten geimpft“ gaben z.B. 69 Prozent der befragten Gesundheitsexperten in Nordeuropa eine extremfalsche Antwort, nämlich 20 Prozent. Die Richtige Lösung lautet: 80 Prozent der einjährigen Kinder sind geimpft. Rosling und sein Team präsentieren in „Factfulness“ eine Fülle von erstaunlichen Fakten. Darüber hinaus gibt es zum Schluss des Buches konkrete Handlungsanleitungen in der Form von zehn Faustregeln, um persönlich zu einer besseren faktengestützten Weltsicht zu kommen und die Fülle der täglich einströmenden Daten besser gewichten zu können.

Die Stärke von Hans Roslings Buch ist zudem, dass der Autor – übrigens Gründungsmitglied der Ärzte ohne Grenzen – viele persönliche Erfahrungen aus seinem Leben als Arzt mit einfließen lässt. Ein Buch das lange nachhallt.
Text: Ulf Engelmayer
Hans Rosling – Factfulness, HC, 24,00€
Ullstein, 978-3-550-08182-8

www.ullstein.de

Jussi Adler-Olsen – Miese kleine Morde

Ein von seiner Frau verlassener Mann zieht Bilanz mit seinem Leben. Er entscheidet sich für Änderungen und damit meint er sich selbst. Er begibt sich in die Hände eines Künstlers, der einen Schönheitssalon betreibt. Dort erhält er ein neues Outfit. Mit seinem neu erworbenen Selbstbewusstsein geht der verschmähte Mann nun voller Optimismus durchs Leben. Er findet, als aufmerksamer Zuhörer in dem Schönheitssalon, ein neues lukratives Geschäftsfeld. Viele enttäuschte Frauen wollen ihren Ehemann lieber tot als lebendig sehen.
Jussi Adler-Olsens Thriller umfassen gewöhnlich mehr als 123 Seiten. Daher kommt dieses kleine Buch des dänischen Bestsellerautors eher wie eine Schreibübung daher. Die Story eifert aber im Kleinen dem Großen nach und enthält alles, was eine unterhaltsame Geschichte benötigt.
Text: Jutta Engelmayer  
Jussi Adler-Olsen – Miese kleine Morde, HC, 10,00€
DTV, 978-3-423-21762-0

David Lynch und Kristine McKenna – Traumwelten

Endlich liegt eine bemerkenswerte Biografie über den amerikanischen Filmemacher und Künstler David Lynch vor. Bemerkenswert in vielerlei Hinsicht. Ghostwriting beim Abfassen von Prominentenbiografien ist nicht nur eine Ausnahme, sondern die Regel. In „Traumwelten“ stehen nicht nur David Lynch und die amerikanische Journalistin Kristine McKenna gleichberechtigt auf dem Cover, beide vereinbarten eine eher unübliche Herangehensweise. McKenna verfasste zunächst ein Kapitel nach herkömmlichen Schreib- und Rechercheregeln. Danach nahm sich Lynch den Text zur Korrektur auf Unstimmigkeiten vor und schrieb danach ein Kommentarkapitel. Typisch David Lynch, denkt man. Der Effekt ist klar ein mehrfaches Erleben der Person und vor Allem des Werks von David Lynch. Eines findet sich hier wohltuend nicht: auf Klatsch und Anekdoten über die Hollywoodszene wurde hier weitestgehend verzichtet. Traumwelten, ein Wälzer von über 700 Seiten, löst nicht das Rätsel um die Person und das Werk David Lynchs, aber es bringt uns seine Kindheit und Jugend nahe und zeigt ihn auf seiner Suche nach Ausdrucksformen als bildender Künstler. Seinen Aufstieg als Filmemacher hat er kurioserweise dem Komiker und Produzenten Mel Brooks zu verdanken, der vorbehaltlos den Film „Der Elefantenmensch“ förderte. Das Lynch eine Lanze, für die von Maharishi Mahesh Yogi entwickelte Transzendentale Meditation bricht, versteht sich von selbst. Weite Teile des Buches nimmt die Entstehung und Weiterentwicklung der epochalen Fernsehserie „Twin Peaks“ ein, ohne die die Geschichte moderner Sequels wohl deutlich anders aussehen würde. Dieses Buch ist ein Geschenk, einem der eigenwilligsten, originellsten und kreativsten Künstler über die Schulter schauen zu dürfen. Geprägt von tiefer Humanität und positiver Sicht sein Schlusskapitel: „Heute passiert so viel Negatives und die vielen Ablenkungen hindern uns daran zu erkennen, was wirklich vor sich geht … wahrer Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern die Abwesenheit von Negativität“, so David Lynch.

Text: Ulf Engelmayer  
David Lynch und Kristine McKenna – Traumwelten, HC, 25,00€
Heyne Encore, 978-3-453-27084-8

Katie und Giancarlo Caldesi – Toskana – Authentische Rezepte

Die Toskana ist für Touristen ein Traumziel. Die Landschaft, das Licht und vor Allem die Küche lohnt es kennenzulernen. Katie und Giancarlo Calderi, der aus der Toskana stammt, haben in ihrem Buch authentische Rezepte zusammengestellt. In der Einleitung des Buches, stellen sie die Region vor. Giancarlo ist hier aufgewachsen. Seine Mutter kochte noch auf einem Rost über offenem Feuer. Das Gemüse stammte aus eigenem Anbau. Diese Tradition gibt es heute immer weniger. Berufstätige Frauen haben nicht die Zeit täglich zu kochen. Aber der Trend, Gemüse wieder selbst anzubauen und zu verarbeiten wächst. Wer diese Möglichkeit nicht hat, kauft frische regionale Produkte ein. Weniger, aber qualitativ hochwertig. Im Kapitel „Toskanische Küchengeheimnisse“ geht es um wesentliche Grundlagen, die es sich zu erlernen lohnt, so die Autoren. Denn wer sie beherrscht, kann den Geschmack der Toskana herbeizaubern. Dieses Kapitel ist reich an Tipps und Tricks. Vieles ist verblüffend einfach, so zum Beispiel die Resteverwertung von Gemüseputzen, Knochen und Fischabfällen. Eingefroren sind diese Zutaten die Grundlagen für Brühen. Die weiteren Kapitel sind unterteilt in Frühstück, Mittagessen, Aperitivo, Hauptgerichte, Beilagen und Desserts. Alle Rezepte werden mit Produkten hergestellt, die gut einzukaufen sind. Jedes Rezept wird mit kleinen Einführungen eingeleitet, die die Zutaten und Hintergründe beschreiben. Die Gestaltung der Seiten ist übersichtlich und optisch ansprechend. Viele Fotos unterstützen die Texte und animieren zum entdecken und ausprobieren.
Die Autoren Katie und Giancarlo Caldesi haben bereits 10 Kochbücher veröffentlicht. Sie sind Restaurantinhaber und betreiben in London eine Kochschule.
„Toskana“ ist ein Kochbuch, das die traditionelle Küche mit moderner Lebensweise verbindet. In diesem Sinne: entdecken, ausprobieren und genießen.

Text: Jutta Engelmayer
Katie und Giancarlo Caldesi – Toskana – Authentische Rezepte, HC, 25,00€
südwest Verlag, 978-3-517-09723-7

Anne Goldmann – Das größere Verbrechen

Gute Kriminalliteratur sagt immer etwas über das Leben, über uns. Sie lotet den schmalen Grat aus, zwischen der Normalität und den plötzlichen Ereignissen, die ein Leben verändern und auf den Kopf stellen können. Welche Formen das annehmen kann zeigt Anne Goldmann in ihrem neuen Roman „Das größere Verbrechen“.
Theres, die Hauptakteurin in diesem fulminanten, nachklingenden Krimi, lebt in einer wohlgeordneten Mittelstandsidylle. Eine Ehe, in der man sich arrangiert hat, die Tochter fängt an ihre eigenen Wege zu gehen. Theres sucht Sinn in ehrenamtlicher Altenpflege. Das Verhältnis zu ihren Eltern ist belastet. Die wohlgeordnete Welt gerät völlig aus den Fugen, als sie eines Tages einen überraschenden Anruf erhält. Ihre Vergangenheit holt sie wieder ein.
Man merkt beim Lesen, dass die Autorin viel in ihrem Leben gesehen hat. Die Wienerin Anne Goldmann, geboren 1961, jobbte als Kellnerin, Küchenhilfe und Zimmermädchen, um sich die Ausbildung als Sozialarbeiterin zu finanzieren. Sie arbeitete in einer Justizvollzugsanstalt und betreut Straffällige nach der Haft. „Das größere Verbrechen“ ist ihr vierter Kriminalroman. Die Geschichte lässt den Leser nicht unberührt. Atmosphärisch dicht – und wahr – die Szenen im Altenheim. Jeder, der Angehörige in solchen Einrichtungen hat, wird dazu beim Lesen seine eigenen Bilder produzieren. Gerade weil es sich um eine alltägliche Geschichte handelt, geht einem das Geschehen nahe. Es gibt kein Entrinnen, erst recht nicht in einer Gesellschaft in der Empathie, Gemeinsinn und solidarisches Handeln antiquiert erscheinen.
Anne Goldmann zählt zu den raren Autorinnen, denen es gelingt, auf die stille, aber beunruhigende Weise Hand an die Verhältnisse zu legen.

Text: Ulf Engelmayer
Anne Goldmann – Das größere Verbrechen, TB, 13,00€
Ariadne Verlag, 978-3-86754-234-0