David Lagercrantz – Verfolgung

Ein neuer Folgeroman von Stieg Larrsons Millenium Reihe.
Lisbeth Salander muss im Frauengefängnis eine kurze Haftstrafe absitzen. Eine Mitgefangene ist Benito Andersson. Sie ist eine gewalttätige Frau und führt das Kommando über eine Gang, die alle schikanieren. Lisbeth hält sich raus. Erst als sie erlebt, dass die Gang ihre Zellennachbarin quälen greift sie ein und macht sich Benito zur Todfeindin. Lisbeths alter Mentor Holger Palmgren ist schwer krank. Trotzdem schafft er es Lisbeth im Gefängnis zu besuchen. Er hat neue Unterlagen entdeckt, die im Zusammenhang mit Lisbeths Kindheit stehen. Auch Mikael Blomkvist besucht Lisbeth. Sie bittet ihn weitere Recherchen zu führen. Blomkvist soll Erkundigungen über einen Sohn aus gutem Hause einholen. Leo Mannheimer ist Finanzanalyst und sehr reich. Zunächst scheint es keine Zusammenhänge zwischen Mannheimer und Salander in der Vergangenheit zu geben. Doch dann wird Holger Palmgren getötet. Wer hatte Grund einen alten, totkranken Mann umzubringen? Nach Verschwörung, liefert David Lagercrantz hier den 5. Band der Millenium Reihe. Die ersten drei Bände waren Weltbestseller von dem 2004 verstorbenen Schriftsteller Stieg Larsson. Die Familie hatte dem Autor David Lagercrabtz gebeten die Reihe fortzuführen. „Verfolgung“ erzählt die Geschichte von Lisbeth Salander weiter, immer verflochten mit dem Journalisten Mikael Blomkvist. Die Charakterportraits von der Hakkerin und dem Topjournalisten sind schon lange Kult. Die Story hart, komplex und dunkel mit einem Hauch von Licht am Horizont.

Text: Jutta Engelmayer
David Lagercrantz – Verfolgung, geb., 22,99€
Heyne, 07.09.2017, 978-3-453-27099-2

Michael Finkel – Der Ruf der Stille

Dies ist die Geschichte des Christopher Knight, der 27 Jahre lang, völlig unentdeckt in den Wäldern von Maine, im Nordosten der USA verbrachte. Er lebte versteckt in einem Zelt. Alles was er zum Überleben benötigte, wie Nahrung, Kleidung, Decken und Bücher, stahl er aus Ferienhäusern und einem Camp am North Pond See. Die Hausbesitzer haben ihn nie entdeckt, wunderten sich nur über verschwundene Dinge aus ihren Häusern. Knight stahl nie alles aus einem Haus. Er durchsuchte die Häuser nach Nützlichem: haltbare Lebensmittel, Kleidung die ihm passte, Gaskocher und Kartuschen, Armbanduhren, Radio und Batterien, Schlafsäcke und sogar Matratzen. Er hat nie gejagt oder ein Feuer gemacht, um nicht entdeckt zu werden. Sein Tagesablauf war diszipliniert. So überlebte er die Winter im Zelt. Er ging immer dann auf Raubzug, wenn seine Vorräte aufgebraucht waren. Da er nie gesehen wurde, nannten ihn die Ferienhausbesitzer den Eremiten. Nach 27 Jahren wurde er in einem Camp für Jugendliche während einem nächtlichen Raubzug von dem Polizisten Terry Hughes gestellt. Was die Polizisten und seine herbeigerufenen Kollegen sehen wundert sie. Christopher Knight trägt ordentliche Kleidung, ist rasiert und hat geschnittene Haare. Er ist groß und dünn, sieht aber nicht ungepflegt aus. Das dieser Mann der langgesuchte Eremit sein soll, glauben die Polizisten zunächst nicht. Erst als eine vermisste Armbanduhr bei ihm gefunden wird, dämmert den Polizisten, wen sie da gefangen haben. Christopher Knight kommt ins Gefängnis. Er hat 27 Jahre nicht gesprochen, unter Lärm leidet er. Die Stille des Waldes hat sein Gehör geschärft.
Der amerikanische Journalist Michael Finkel wird auf die Geschichte aufmerksam. Sein Interesse an Christopher Knight ist geweckt. Er fährt nach Maine und besucht den Eremiten im Gefängnis und schafft es, mit dem Gefangenen Gespräche zu führen. Finkel erkennt eine Philosophie hinter den Worten und ist von der Person Christopher Knight beeindruckt. Der Autor besucht das Lager des Eremiten im Wald, erkundet die Gegend und spricht mit Bewohnern der Ferienhaussiedlung.  Dieses Buch, „Der Ruf der Wildnis“, ist das Ergebnis seiner Recherchen. Die Lebensphilosophie des Christopher Knight ist beeindruckend.

Text: Jutta Engelmayer 
Michael Finkel – Der Ruf der Stille, geb., 18€
Goldmann, 25.09.2017, 978-3-442-31468-3

Salman Rushdie – Golden House

Er kann ist immer noch: Salman Rushdie, der große Erzähler hat mit „Golden House“ einen neuen hochaktuellen Roman vorgelegt. Ort der Handlung, der Schmelztiegel New York, die neue Heimat des Immobilien Tycoons Nero Golden. Aus einem uns zunächst unbekannten Land ist eher mit seinen drei Söhnen nach Big Apple umgesiedelt um dort schnell im Golden House seinen skrupellosen Geschäften nachzugehen. Nach der Heirat des Patriarchen mit einer jungen Russin gerät der Clan in den Strudel von desaströsen Ereignissen. Alles erzählt aus der Perspektive eines jungen New Yorker Filmemachers, der sich zudem im Wahlkampf für Hillary Clinton engagiert. Zum Ende des Buches wird Nero Golden von seiner Vergangenheit, seiner eigenen Geschichte eingeholt. Salman Rushdie macht es dem Leser am Einstieg das Buches nicht leicht. Es fehlt die klare Linie, oft gleitet die Geschichte ins wilde Fabulieren ab. Rushdie, der gerne ein gewisses Maß an Selbstverliebtheit mit in Spiel bringt und seine extreme Belesenheit dem Leser regelrecht vorführt. Doch dann nimmt der Roman mit großer Eleganz Fahrt auf. Pointierter als Tom Wolfe in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ trifft er den gesellschaftlichen Trend, legt die Nervenbahnen frei und kommentiert mit spitzer Feder den Zeitgeist und die Verhältnisse der amerikanischen Gesellschaft. Im Kern ist dieses Buch eine Erzählung über Identität in jedweder Form. Rushdie hat damit ein nachhaltiges, nachdenkliches und witziges Werk geschaffen, welches als Solitär in der aktuellen Literaturlandschaft herausragt. Mehr geht nicht.

Text: Ulf Engelmayer
Salman Rushdie – Golden House, HC, 25,-€
C.Bertelsmann, 05.09.2017, 978-3-570-10333-3