Matias Faldbakken –The Hills

Er gilt als der bedeutendste Gegenwartskünstler Skandinaviens: Matthias Faltbakken. Doch ein Universum reicht ihm nicht. Im Jahr 2001 gab er mitdem Roman „The Cocka Hola Company“ sein Autorendebüt. Sein neues Buch „The Hills“spielt in einem fiktiven Osloer Restaurant. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Hierarchie ist klar geregelt. Es gibt den altgedientenKellner – hier auch der Hauptprotagonist – und nüchterne Beobachter der Geschehnisse im Restaurant. Ein Pianist sorgt für die entsprechende Hintergrundmusik, das gut informierte Personal an der Bar für die entsprechenden Getränke. Ein aus der Zeit gefallenes Lokal, in dem jeder – also auch die Gäste – einen bestimmten Platz hat und eine bestimmte Rolle spielt. Diese eingespielten Routinen geraten ins wanken, als eines Tages eine unbekannte junge Frau die strikte Ordnung durcheinander bringt.
Faltbakken gelingt in „TheHill“ eine meisterhafte Beschreibung menschlichen Verhaltens, in diesem von der Zeit überholten Restaurants. Die Atmosphäre überträgt sich intensiv auf den Leser, die Charaktere treten immer deutlicher hervor. Dazu die lakonischen Kommentare des altgedienten Kellners, der erst unter dem Druck, der sich verändernden Verhältnisse beginnt, sein tägliches Umfeld zu erkunden.

Dieses Spannungsverhältnis zwischen dem Neuen und der wahrscheinlich untergehenden alten Welt, ist der große Reiz dieses sehr anregenden Buchs. Alles verpackt in eine optisch sehr ansprechende Hülle. Einer der Top Romane 2018 

Text: Ulf Engelmayer  
Matias Faldbakken – The Hills, HC, 22€
Heyne Hardcore, 978-3-453-27190-6dlocke


Liebe ist das Schönste Geschenk – Ivy Pembroke

In der Christmas Street lebt schon seid ewigen Zeiten der alte Mr. Hammersley. Er hat bereits viele Nachbarn kommen und gehen gesehen. Seid seine Frau gestorben ist, lebt er zurückgezogen und verbittert in seinem Haus. Nur Jack, ein Mischlingshund, geht bei ihm und auch bei anderen Bewohnern der Straße, ein und aus. Überall holt sich Jack seine Streicheleinheiten und sein Futter. Eines Tages zieht Sam mit seinem Sohn Teddy in das leerstehende Haus neben Mr. Hammersly ein. Die Vorbesitzer waren Haus- und Hundeeigentümer. Das Haus wurde verkauft, der Hund zurückgelassen. Sam lebte lange in den USA. Nach dem Tod seiner Frau kehrte er nach Großbritannien zurück, um seinem Sohn eine Familie zu bieten. Teddy lernt Jack kennen und lieben. Er beobachtet, wie der Hund bei dem alten Nachbarn Mr. Hammersly versorgt wird. Auch andere Kinder in der Straße kümmern sich um Jack. Bei dem Mischlingshund hat der Begriff Straßenhund eine völlig andere Bedeutung. Er gehört der ganzen Christmessstreet. Teddy ist eifersüchtig und möchte Jack ganz für sich haben. Sein Vater ist froh, dass sein Sohn sich langsam in der Schule und im neuen Zuhause eingewöhnt. Viel trägt Teddys Lehrerin Ms. Quinn dazu bei. Als Sam die attraktive Lehrerin in einem Supermarkt kennenlernt, ist er begeistert. Um sich in der Christmas Street zu etablieren, lädt Sam die Anwohner zu einer kleinen Party ein. Die meisten sind völlig verwirrt über die Einladung, aber auch neugierig. Langsam entwickelt sich zwischen den Nachbarn eine Annäherung, auch wenn es manchmal Streit gibt. Die Situation spitzt sich zu, aber dann bekommt der alte Mr. Hammersley ausgerechnet Weihnachten einen Herzinfarkt und muss in ein Krankenhaus eingeliefert werden.
Die Amerikanerin Ivy Pembroke ist Juraproffessorin und schreibt schon ihr Leben lang. Dies ist kein Liebesroman im herkömmlichen Sinn. Ivy Pembroke schmiedet einen Haufen von Individualisten zu einer Gruppe von Menschen zusammen, die es schaffen ein Miteinander aufzubauen. Zusammengeführt hat die Gruppe ein von Anwohnern zurückgelassener Hund. Die Geschichte zeigt: Gemeinsamkeit ist schöner als Einsamkeit und allein sein muss nicht heißen verlassen zu sein.

Text: Jutta Engelmayer  
Liebe ist das Schönste Geschenk – Ivy Pembroke, HC, 18€
Wunderlich, 978-3-805-20022-6

Mein Bullet Planer – Jasmin Arensmeier

Suchen sie noch ein Geschenk mit dem man lange Freude und Beschäftigung findet? Dann sind sie mit dem kreativen Journal zum Ausfüllen und Gestalten von Jasmin Arensmeier bestens bedient. Hierbei handelt es sich nicht um einen üblichen Kalender, auch wenn das Din A5 große Buch Einteilungen für Wochen und das Jahr bietet. Auf den ersten Seiten befindet sich zunächst ein persönliches Anschreiben, das erklärt, was man mit einem Bullet Planer alles machen kann. Damit die Übersicht für Wünsche, Träume, Finanzen und Termine erhalten bleibt folgt ein Index mit Inhalt und Seitenzahlen. Obwohl die Seiten mit Pastellfarben und Zeichnungen versehen sind, bleibt noch genug Platz für eigene kreative Ideen. Wer den Bullet Planer Seite für Seite füllt, wird auch Jahre später noch Freude an diesem individuell gestalteten Buch haben – jedes ein persönliches Unikat.

Text: Jutta Engelmayer
Mein Bullet Planer – Jasmin Arensmeier, PB, 15€
Südwest Verlag, 978-3-517-09776-3

Die Pest – DVD Serie – Regie Alberto Rodriguez

An Historienserien herrscht zur Zeit auf dem Fernseh- und Streaming markt kein Mangel. Seltener sind hochwertige Plots, die Geschichte und Bilder stimmig zusammenbringen. Die sechsteilige spanische Serie „Die Pest“, gehört definitiv in diese Kategorie. Sevilla, Ende des 16. Jahrhunderts. Die reiche Stadt ist das Tor zur neuen Welt, der Sehnsuchtsort für viele Arme, die hoffen dem Elend entkommen zu können. Doch in den Vierteln der Stadt, in denen die Namenlosen dicht gedrängt hausen, bricht die Pest aus. Mitten im Geschehen Mateo Nunez, der wegen des Drucks verbotener Schriften der Ketzerei bezichtigt wird. Sein Leben hängt von einem Deal mit dem Generalinquisitor der Katholiken ab. Mateo soll einen Serienmörder aufspüren, der die Stadt in Atem hält. Zusammen mit seinem Schützling, dem Bastard Valerio, begibt er sich in die Abgründe von Sevilla. Einer Welt, in der Intrigen, Mord, Verrat und Exzesse regieren. Dem Regisseur Alberto Rodriguez ist mit „Die Pest“ ein opulentes Sittengemälde gelungen. Wirkmächtige Bilder, stimmig bis in die Details, ziehen den Zuschauer sofort tief in das Geschehen hinein. Auch wenn die Geschichte oft Längen hat, kann man sich diesem Sog nur schwer entziehen. Der Kampf Jeder gegen Jeden, die Krisengewinnler, die amoralische Haltung der Kirche, der tägliche Kampf ums Überleben, dies alles wird in optisch beeindruckenden und beklemmenden Szenarien aufgerollt. Nach der Sky Premiere jetzt bei Polyband auf DVD. Eine zweite Staffel ist in Auftrag gegeben worden. Bleibt die Erkenntnis: Im Mittelalter zu lebe war keinerlei Vergnügen, auch wenn historische Märkte und Ritterspiele oft das Gegenteil suggerieren.

Text: Ulf Engelmayer  
Die Pest – Regie Alberto Rodriguez, 2 DVDs, 300 Minuten Spieldauer, 16,99€
Polyband

Jennifer Clement – Gun Love

Das Mädchen Pearl lebt mit ihrer Mutter seit nunmehr 14 Jahren in einem alten Ford Mercury. Heimat kann man dieses Trailerpark-Leben in Florida kaum nennen. Pearl wächst in einer Umgebung auf, in der der Umgang mit Waffen normal und selbstverständlich ist. Sei es in der Kirche, in den Wohnwagen im Trailer Park oder im Umgang mit den Ordnungshütern. Dennoch gelingt es Pearl einen regelmäßigen Schulbesuch aufrechtzuerhalten. Alles läuft seinen ruhigen Gang bis eines Tages mit Eli ein Mann im Leben ihrer Mutter auftaucht, der das Leben aller Beteiligten auf den Kopf stellt. Ein wildes Road Movie beginnt.

Jennifer Clement, aktuelle P. E. N. Präsidentin, in Mexiko lebend, ist ein fulminantes Buch gelungen. Einblicke in das Leben des White Trash, der Waffenfetischismus – mehr noch – das Alltagsleben mit Schusswaffen. All das hat einen beängstigend Aktuellen Bezug zur Situation in Nord- und Mittelamerika. Durch ihre prägnante Sprache ist der Leser sehr dicht dran an den Protagonisten und am Geschehen. Der Clou: Clement zeigt nicht den üblichen Weg der Migration, sondern das Gegenteil davon. Und das ist das Schockierendste am ganzen Buch.

Eine Ballade über Gewalt und Heimatlosigkeit, mit einer Intensität wie man sie in der zeitgenössischen Literatur selten erlebt.

Text: Ulf Engelmayer  
Jennifer Clement – Gun Love, HC, 22,00€
Suhrkamp, 978-3-518-42832-0

Dörte Hansen – Mittagsstunde

Ingwer Feddersen kehrt zurück nach Brinkebüll. Das Dorf seiner Kindheit gibt es nicht mehr. Einzig unverändert ist sein Großvater Sönke. Alt geworden, aber bodenständig. Großmutter Ellas Geist verabschiedet sich. Ihre Vergangenheit ist jetzt ihre Gegenwart. Ingwer lebt seit 25 Jahren in Kiel in einer Wohngemeinschaft. Er ist Hochschullehrer geworden. Jetzt hat er ein Sabbatical genommen. Er will sich um Vadder und Mudder kümmern, dass ist er ihnen schuldig. Die beiden waren die einzigen Eltern, die er hatte. Altenpflege kennt er und Geduld bringt sein Beruf als Archäologe mit sich. So trifft der in Brinkebüll ein. Dem Dorf, das vertraut und verändert ist. Die alte Gaststätte der Großeltern hat immer noch geöffnet. Gäste sind rar. Der Holzfußboden im Saal ist kaputt getanzt. Eine Line Dance Gruppe aus dem Ort nutzt die Räume zum Üben. Ein bisschen wilder Westen im deutschen hohen Norden. Ingwer hadert mit seinem Leben. Kurz vor dem magischen 50. Geburtstag zieht er Bilanz. Was er entdeckt ist nicht beruhigend. Er muss für seine Zukunft dringend sein Leben ändern, aber erst einmal ist er für seine Großeltern da. Ein Fest steht vor der Tür. Ella und Sönke stehen kurz vor ihrem 70. Hochzeitstag. Die Gnadenhochzeit wird geplant und soll gefeiert werden.
Dörte Hansen studierte Linguistik und arbeitete als NDR Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print. Mittagsstunde ist ein Roman der eine Geschichte erzählt, die viele Menschen kennen, aber oft schon vergessen haben. Eine Reise in die Vergangenheit, in eine Zeit als das Leben auf dem Dorf noch die Welt war. Es gab Bauernhöfe, die Dorfgaststätte, den Tante-Emma-Laden, die Schule für alle Altersgruppen und einen Dorfschullehrer. Jeder kannte jeden und Feste wurden zusammen gefeiert. Nicht weil alle sich so nett fanden, sondern weil das auf dem Dorf ebenso war. Dörte Hansen nimmt den Leser mit nach bringt Brinkebüll. Sie beschreibt den Ort, die Landschaft, die Menschen und die Veränderungen des Dorfes über die Zeit. Dabei setzt der Autorin die Sprache Perfekt ein. Ihre Metaphern sind treffend. Die Beschreibungen lassen schnell Bilder entstehen. Die Charaktere sind eigenwillig und glaubhaft. Die eingeschobenen Dialoge in Plattdeutsch unterstreichen das norddeutsche Colorit vortrefflich. Mittagsstunde ist nicht nur Zeitgeschichte, sondern eine Geschichte über die Zeit. Ein Buch voller Wärme und Weisheit.

Text: Jutta Engelmayer
Dörte Hansen – Mittagsstunde, HC, 22,00€
Penguin, 978-3-328-60003-9