Lorenz Jäger – Walter Benjamin – Das Leben eines Unvollendeten

Den Namen Walter Benjamin werden viele kennen, über das Wirken dieses Kunstkritikers, Philosophen und Essayisten herrschen in der breiten Kulturöffentlichkeit nur rudimentäre Vorstellungen. Jetzt nimmt sich der ehemalige FAZ-Redakteur und Adorno Biograf Lorenz Jäger dieses Themas an. Walter Benjamin, im Jahr 1892 in Berlin als Sohn eines Antiquitäten- und Kunsthändlers geboren, machte sich nach seinem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte schnell einen Namen als deutscher Übersetzter von Baudelaire Gedichten. Zeitgleich erregte sein Assay „Zur Kritik der Gewalt“ ziemliches Aufsehen unter den Fachleuten. Dem Biographen Lorenz Jäger gelingt es in seinem Buch, dem Leser ein Gefühl für diese Epoche des geistigen Auf- und Umbruchs zu vermitteln. Walter Benjamin war fester Bestandteil der intellektuellen Mitteleuropäischen Bohème zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zudem stark geprägt durch seine jüdische Herkunft und den Umgang mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Von den Schweizer Dadaisten, den französischen Surrealisten um Luis Aragon, bis hin zu den Köpfen der deutschen und osteuropäischen Linken, wie Berthold Brecht und Hannah Ahrendt. Eine weitere prägende Rolle in seinem Leben nahmen starke Frauen und oft glücklose Liebschaften ein. Durch den aufkommenden Faschismus musste Benjamin emigrieren. Die Flucht endete mit seinem tragischen Selbstmord an der französisch spanischen Grenze im Juli 1940. Der deutsche Soziologe Jürgen Habermas hat Benjamin „zu jenen unübersichtlichen Autoren“ gezählt „deren Werk auf eine disparate – also widersprüchliche – Wirkungsgeschichte angelegt ist“. Dies ist auch das Handicap der Biografie von Lorenz Jäger. Wirkliche Klarheit gewinnt man nicht. Im Gegenteil: manche Passagen erschließen sich dem Leser ohne eine gewisse Kennerschaft definitiv nicht. Ein Trost: diesen Eindruck gewannen auch die Gutachter von Benjamins Habilitationsarbeit, die abgelehnt wurde. Der Philosoph Hans Cornelius merkte dazu an: „Ich bin … teils überhaupt nicht im Stande, den Sinn der Arbeit wiederzugeben…, dass ich für die Richtigkeit der Wiedergabe einstehen könnte.“ Um diese schmerzliche Lücke zum Verständnis Walter Benjamins zu füllen, wäre eine Ausgabe mit ausgewählten und kommentierten Texten der richtige Schritt, damit dieser großartige Essayist und Kritiker nicht in Vergessenheit gerät. Zu den stärksten Kapiteln dieses Buchs gehört zweifelsohne die sensible Schilderung vom letzten Lebensjahr Benjamins. Interniert in der Nähe von Paris, desillusioniert vom Stalinismus, dennoch ein radikaler Vertreter marxistischer Positionen, bleibt nach dem Einmarsch der Deutschen nur der Weg in die Ausweglosigkeit – „Die letzte Passage“ – der Freitod. Hier erschließt sich der Titel des Buches „Walter Benjamin – Das Leben eines Unvollendeten“. Was hätte er wohl über die Nachkriegszeit geschrieben?
Text: Ulf Engelmayer
Lorenz Jäger – Walter Benjamin – Das Leben eines Unvollendeten, geb, 26,95€
Rowohlt, 17.02.2017, ISBN 978-3871348211

Alex Beer – Der zweite Reiter – Der erste Fall für August Emmerich

Wien 1919. Der 1. Weltkrieg ist verloren, die Monarchie abgeschafft. Hinter den Fassaden der einst prächtigen Metropole herrscht Armut und bittere Not. Nur wenige Menschen können noch im Wohlstand leben. Viele Soldaten kehren verletzt an Leib und Seele von den Schlachtfeldern zurück. Es herrscht Arbeitslosigkeit und die Grundversorgung für die Bevölkerung leidet. Selbst Menschen mit Arbeit können nur schwer den Unterhalt für Wohnung, Lebensmittel und Heizmaterial aufbringen. Der Polizeiagent August Emmerich wurde im Krieg von einem Granatsplitter verwundet. Starke Schmerzen unterdrückt er mit gestohlenem Heroin. Sein Chef und seine Kollegen wissen nichts von seiner Invalidität. Emmerich wird mit seinem neuen Assistenten Ferdinand Winter, der aus einem vormals gutsituierten Haushalt stammt, auf den Anführer eines Schleichhändlerrings angesetzt. Veit Kolja organisiert Vorräte, versteckt sie an geheimen Plätzen und tauscht die Ware gegen Wertgegenstände ein. Damit hat er und seine gut organisierte Bande bereits ein Vermögen ergaunert. Emmerichs Chef will unbedingt Erfolge sehen. Bei der Verfolgung entdeckt Winter eine Leiche. Zunächst wird der Tote für einen Selbstmörder gehalten, aber Emmerich ist misstrauisch. Als weitere tote Männer auftauchen beginnt Emmerich zusammen mit Ferdinand Winter die Todesfälle zu untersuchen. Die beiden Ermittler entdecken Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen, alle waren im Krieg als Soldaten in Galizien in einer Einheit eingesetzt. Eines nachts wird Emmerich überfallen und seine Dienstwaffe gestohlen. Mit dieser Pistole wird ein weiterer Mord begangen und Emmerich wird als Tatverdächtiger festgenommen. Dem Polizeiagenten gelingt die Flucht und ausgerechnet Veit Kolja, der Kopf der Schieberbande kann ihm helfen.
Die Autorin Alex Beer hat Archäologie studiert und lebt in Wien. „Der zweite Reiter“ ist der erste Krimi mit dem Polizisten August Emmerich. Ein sarkastischer, hartnäckiger Ermittler der sehr eigenständig arbeitet. Die düstere Atmosphäre der Nachkriegszeit ist gut recherchiert und lebendig erzählt. Die Charaktere sind prägnant gezeichnet. Von der ersten Seite an wird der Leser in die Story gezogen. Eine Fortsetzung ist in Planung. Alex Beer ist mit diesem Krimi ein Roman gelungen der bei richtiger Besetzung verfilmt werden könnte.

Text: Jutta Engelmayer
Alex Beer – Der zweite Reiter, geb, 19,99€
Limes, 27.03.2017, ISBN 978-3-8090-2675-4

Gareth Murphy – Cowboys & Indies

Das Pop mittlerweile Geschichte ist bzw. einen fast hundert Jahre alten historischen Kern hat, gewinnt man sehr schnell nach den ersten Kapiteln des Buches Cowboys & Indies. Hier werden im Gegensatz zum üblichen Veröffentlichungsgebaren nicht Legenden über Popstars gestrickt, sondern es werden die Personen hinter den Musikern portraitiert. Es sind diese Record Men, denen zu verdanken ist, dass so mancher Song überhaupt die breiten Massen erreicht hat. Diese Leute, die ständigen technischen Innovationen und viele Zufälle bewirkten den kometenhaften Aufstieg der Musikindustrie. Gareth Murphy schlägt in seinem Buch einen weiten historischen Bogen. Von den ersten „sprechenden Maschinen“ Mitte des 19. Jahrhunderts, über die Phonografen und die verschiedenen Vertriebsformate wie Schellack, Vinyl und CD. Die Entwicklung des Musikbusiness – so viel wird beim Lesen klar – war und ist immer geprägt von Boomzeiten und schweren Krisen. Das Aufkommen des Radios und später der elektronischen Tauschbörsen sind typische Beispiele. Dennoch: die Geschichte der Popmusik wurde von großen Persönlichkeiten geschrieben, die eine tiefe Begeisterung für Musik hatten und die richtige Nase für Hits. Es ist der Verdienst von Gareth Murphy in Cowboys & Indies diesen Leuten ein Gesicht gegeben zu haben. Den Elvis Entdecker Sam Phillips, der mit seinem legendären Label Sun Records zahllosen Rock n` Roll Größen zum Durchbruch verhalf. Oder Paul Morley, der englische Musikguru und Communication Director von ZTT, ohne den es den gigantischen Erfolg von „Frankie goes to Hollywood“ wohl nicht gegeben hätte. Ebenso David Manusco, laut Village Voice der „Guru of the club underground“, einer der entscheidenden Impulsgeber der Disco/Clubszene. Cowboys & Indies ist ein unverzichtbares Kompendium zum Verständnis der Geschichte der Popmusik, des Kampfes von Mayor und Indielabels um die Künstler, der Macher hinter den Kulissen. Wahrlich eine Reise ins Herz der Musikindustrie. Eine Hardcover Ausgabe hätte diesem fast 500 Seiten starken Buch noch besser zu Gesicht gestanden.

Text: Ulf Engelmayer
Gareth Murphy – Cowboys & Indies, Broschur, 16,99€
Heyne Hardcore, Feb. 2017, ISBN 978-3-453-67704-3

Joachim Meyerhoff – Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Nach „Amerika“ und „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ ist dies der dritte Teil, der auf sechs Zyklen aufgebauten Erzählung „Alle Toten fliegen hoch“. Mit 20 Jahren muss der Erzähler sich entscheiden. Zivildienst im Krankenhaus rechts der Isar, leben im Schwesternwohnheim oder eine drei Jahre dauernde Ausbildung an der Schauspielschule und wohnen bei den Großeltern in München. Ein unerklärlicher Zufall, dass sich beide Wege auftaten. Die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule stand zunächst unter keinem guten Stern. Von drei für die Aufnahmeprüfung geforderten Rollen konnte er nur eine vorstellen. Danton aus Georg Büchners Danton`s Tod. Diese eine Darstellung hinterließ bei ausreichend vielen Prüfern den Eindruck, diesen großen, jungen Sportler zu einem Schauspieler ausbilden zu können. So zog der Erzähler bei seinen Großeltern in eine alte Münchner Villa ein. Ein Haus in dem die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Die Großmutter war eine bekannte Theaterschauspielerin, hatte die Bühne aber Mitter der 60er Jahre verlassen. Ihre darstellende Kunst übertrug sie oft auf ihren Alltag. Der Stiefgroßvater war ein emeritierter Professor der Philosophie. Die Villa war ihr Refugium das sie nur zwei Mal im Jahr verließen um Urlaub zu machen. Der junge Schauspielschüler zog in das rosa Zimmer der Großmutter ein und wohnte dort drei Jahre lang. Dazwischen lag die Ausbildung, die ihm die unmöglichsten Dinge abverlangten, „Du musst lernen mit den Brustwarzen zu lächeln“ und die sich täglich wiederholenden Rituale der Großeltern. Dazu gehörte ein fester Ablauf von Trinkgewohnheiten: Champagner zum Frühstück und am frühen Abend ein Whisky. Der Weinkeller war gut bestückt und zum Einschlafen gab es eine Auswahl von Tabletten.
Auch in diesem Buch sind Leben und Tod dicht miteinander verwoben. Vergangenheit und Gegenwart prägen den jungen Mann für seinen weiteren Weg. Diese drei Münchener Jahre, die selbst schon wie ein Theaterstück erscheinen, werden wunderbar formuliert erzählt. Die Worte erzeugen Bilder im Kopf, der Leser sitzt im Theater und schaut dem Protagonisten bei seinem Leben zu – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Text: Jutta Engelmayer
Joachim Meyerhoff – Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, TB, 10,99€
Kiwi, 09.03.2017, ISBN 978-3-462-05034-9

Julie Lescault – Rosalie und der Duft der Provence

Die Friseurin Rosalie kehrt wegen einer Erbschaft zurück nach Vassol, einem kleinen Ort in der Provence. Sie kommt nicht gern in die Kleinstadt, Rosalie hat keine guten Erinnerungen an ihre Familie. Bei einem schweren Autounfall starb ihre Stiefmutter. Rosalie saß am Steuer. Obwohl sie keine Schuld an dem Unfall hatte, konnte ihr Vater der Tochter nie verzeihen. Jetzt ist sie Erbin der alten Babette. Bei ihr lernte sie das Friseurhandwerk. Die ältere Cousine ihres Vaters war für Rosalie eine Vertraute. Von ihrem Freund betrogen, verlassen und bestohlen bleibt Rosalie keine andere Möglichkeit als das Erbe anzunehmen. Haus und Salon stehen ihr sofort zur Verfügung, allerdings muss sie mindestens fünf Jahre in Vasoll bleiben um auch das Vermögen von Babette zu erhalten. In der Stadt trifft sie alte Bekannte wieder und schließt neue Freundschaften. Vincent ein gutaussehender aber schüchterner Apotheker und Rachid ein aus Algerien eingewanderter Gemüsehändler. Als der Winzer Rivas brutal ermordet wird, gerät ein Verwandter von Rachid unter Mordverdacht. Der ermittelnde Kommissar ist ein Stiefbruder von Rosalie. Die beiden haben sich nie gut verstanden. Rosalie glaubt fest an die Unschuld des Tatverdächtigen und beginnt eigenständig mit ihren Freunden Vincent und Rachid zu ermitteln. Julie Lescault ist in der Provence geboren. Die Liebe zu dieser Landschaft überträgt sie in ihren Roman. Ihre Charaktere sind sympathisch dargestellt. Allerdings erzeugt die sich steigernde Zuneigung der beiden Männer zu Rosalie mehr Spannung als der Mordfall. Rosalie und der Duft der Provence ist der erste Fall der temperamentvollen Friseurin.
Text: Jutta Engelmayer
Julie Lescault – Rosalie und der Duft der Provence, TB, 9,99€
Goldmann, 20.02.2017, ISBN 978-3-442-48532-1

Niklas Kämpargård – Raus aufs Land – 100 Schritte zu einem naturverbundenen Leben

Der schwedische Journalist und Fotograf Niklas Kämpargård ist in einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen. Er lernte noch von seinen Eltern Garten- und Feldarbeit, Tierhaltung und Improvisierung. Nichts wurde auf dem Land weggeworfen, aus Altem wurde Anderes, Nützliches hergestellt. Nach dem Leben in der Stadt zieht es den Autor als Erwachsenen wieder zurück aufs Land. Er lebt mit seiner Familie auf einem Bauernhof. Als Journalist und Fotograf nutzt er die Möglichkeit seine Erkenntnisse als Landwirt zu dokumentieren und zu veröffentlichen. In seinem Buch „Raus aufs Land – In 100 Schritten zu einem naturverbundenen Leben“, stellt er seine Erfahrungen vor. Vom Planen, Bauen, Reparieren, zur Tierhaltung und Verwertung, über Pflege und Kultur von Gemüse und Obst, bis zur Erzeugung von Strom und Holzwirtschaft reicht sein Repertoire. Gewürzt mit vielen nützlichen Tipps aus altbewährten Methoden. Niklas Kämpargård transportiert nicht nur sein Wissen, sondern auch eine Lebenseinstellung. Das informative und praxisorientierte Nachschlagewerk ist mit der in Halbleinen gebundenen Aufmachung und den vielen Fotos äußerst ansprechend gelungen.
Text: Jutta Engelmayer
Niklas Kämpargård – Raus aufs Land, geb., 29,95 €
DVA, 27.02.2017, ISBN 978-3-421-04056-5