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In eigener Sache

Ab 08.10.19 läuft die wöchentliche Radioshow der Radio Lounge jeden Dienstag von 20 – 22 Uhr im neuen Webradio Radio Leinewelle. Für das Göttinger StadtRadio werden wir ein monatliches einstündiges Magazin zu bestimmten Themen produzieren. Natürlich bleibt es bei dem bewährten Sound der Show, abseits des Mainstreams. Ein Schwerpunkt neben aktuellen Trends werden Rare Grooves aus den Bereichen Funk n`Soul sein. Dazu gibt es in der Wochenshow aktuelle Infos über die Göttinger Kulturszene, Buch, Filmtipps und Interviews.

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Das Radio Lounge Team

Ben Aaronovitch – Der Oktobermann

Magische Vorgänge gibt es auch in Deutschland. Tobias Winter ist das deutsche Pendant des britischen Zauberlehrlings Peter Grant. Er arbeitet für das BKA in der Abteilung für komplexe und diffuse Angelegenheiten, kurz KDA. Er ist der einzige Mitarbeiter seiner Chefin. Im Dritten Reich wurde unter den Menschen mit magischen Fähigkeiten aufgeräumt. Viele wurden getötet. Heute noch lebende Menschen mit derartigen Begabungen leben sehr zurückgezogen. Aber es gibt sie trotzdem. In den Weinbergen bei Trier wird ein Toter gefunden, der unter übernatürlicher Weise ums Leben kam. Die Leiche wurde als mögliche biologische Gefahr eingestuft. Tobi wird von seiner Chefin für die Ermittlungen in die alte, geschichtsträchtige Stadt geschickt. Dort wird ihm die Polizistin Vanessa Sommer zur Seite gestellt. Die ist von ihrem zauberkundigen Kollegen begeistert. Der Tote wurde in einem Weinberg einer alteingesessenen Familie von Weinbauern gefunden. Jacqueline Stracker hatte das Weingut von ihrem Großvater geerbt. Sie hatte das heruntergekommene Anwesen wieder neu aufgebaut. Die Winzerin erzählt den Polizisten von ihrem Großvater, der dem Fluss unterhalb der Weinberge immer Opfer in Form einiger Flaschen des besten Jahrgangsweins gebracht hatte.
Zusammen mit Vanessa Sommer finden sich schnell eine Reihe von Verdächtigen. Darunter auch eine Flussgöttin und eine Gruppe von Männern, die Mitglieder der Gesellschaft zum Trinken guten Weins waren, genau wie der Tote.

Der britische Autor Ben Aaronovitch war Buchhändler, schrieb Drehbücher für TV-Serien, u.a. Doctor Who und ist Schriftsteller. „Der Oktobermann“ ist der 1. Band mit dem deutschen Ermittler für komplexe und diffuse Angelegenheiten Tobias Winter. Auch in Deutschland gibt es Magie, die untersucht werden will. Die Charaktere sind sympathisch und die Handlung interessant und humorvoll. Der Protagonist steht allerdings noch ziemlich am Anfang seiner Karriere als Zauberlehrling. Gezaubert wird hier noch wenig. Wer seine britischen Kollegen kennengelernt hat, dem fehlt die charismatische Gestalt des britischen Inspektors Nightingale. Das Können von Tobias Winters Chefin zeigt sich in diesem Buch noch nicht. Der Kurzroman kann als Einführung betrachtet werden und macht Appetit auf mehr.

Text: Jutta Engelmayer
Ben Aaronovitch – Der Oktobermann, TB, 9,20€
dtv, 978-3-4232-1805-4

Jodi Taylor – Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv

Manchmal bestimmen kleine Momente das Schicksal. So passierte es Madeline „Max“ Maxwell in der Schule. Sie war als Schülerin auffällig und hatte mehrere Verweise. Ihr Verbleib in der Ausbildungsstätte stand auf der Kippe. Sie war misstrauisch und argwöhnisch. Eine letzte Chance bot ihr die Direktorin Mrs. De Winter, die Max Fähigkeiten erkannte. Sie wusste, dass die Schülerin durch häusliche Umstände beeinträchtigt wurde. Max war intelligent und zeigte nur wenig Angst. Die Direktorin forderte von ihr eine Aufgabe. Sie sollte sich mit dem alten Ägypten beschäftigen und eine Arbeit schreiben. Dies war der Anfang einer neuen Leidenschaft. Max studierte Archäologie. Anschließend suchte sie nach abenteuerlichen Aufgaben, als nur im Museum Artefakte zu sortieren. Sie reiste und sammelte Erfahrungen. Max erlangte an der Thirsk Universität ihren Doktorgrad.
Eines Tages erhielt Max eine E-Mail von ihrer alten Direktorin. Sie forderte Max auf, sich am St. Mary`s-Institut für historische Forschung, zu bewerben. Interessiert beschaffte sich Max einen Vorstellungstermin und ihr Leben änderte sich radikal. Am Institut arbeiteten bemerkenswerte Menschen. Jeder war auf seinem Bereich eine Kapazität. Trotzdem wurden neue Kräfte gesucht. Max erkannte warum. Sie lernte ihre Mitbewerber kennen. Die Schulung bestand aus Theorie, Praxis und körperlichen Herausforderungen, die Max alles abverlangten. Die harte Ausbildung hatte einen atemberaubenden Grund. Das Institut besaß Zeitreisemaschinen. Was Max lernte, war auf einer Reise lebensnotwendig. Ihre Ausbilder waren Techniker, Ärzte und Sicherheitspersonal. Die Auszubildenden wurden zu Zweierteams zusammengesetzt und waren im Notfall aufeinander angewiesen. Max war fasziniert von ihrer neuen Aufgabe. Sie begriff schnell, dass der neue Job lebensgefährlich war. Wissenschaftler, die aus der Vergangenheit zurückkamen, waren zum Teil verletzt. Todesfälle kamen vor. Die Teams bekamen immer Aufgaben. Sie beobachteten und dokumentierten Vorgänge für ein besseres Verständnis der Geschichte. Beeinflussung der Vergangenheit war verboten.
Max fühlte sich fit und bestand erste Kurzreisen. Sie wartete gespannt auf ihren großen Einsatz. Sie reiste ins Mittelalter, in den 1. Weltkrieg und bekam eines Tages den Auftrag mit ihrem Partner in die Kreidezeit zu reisen. So weit zurück war bislang kein Wissenschaftler gereist, in die Welt vor siebenundsechzig Millionen Jahren.
Jodi Taylor war Verwaltungschefin der Bibliotheken von North Yorkshire County. Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv ist ihr erstes Buch, dass sie als E-Book selbst veröffentlichte. Das Buch wurde ein voller Erfolg und ein Verlag bot ihr ein unwiderstehliches Angebot an.
Die Protagonistin Max macht nichts halbherzig. Sie begibt sich ständig in Gefahr. Sie ist wissbegierig und mutig. Eigenschaften, die sie oft in Schwierigkeiten bringen. Gehorsam ist nicht ihre Stärke. Was Max auf ihren Reisen erlebt, erzählt die Autorin bildhaft und erweckt eine längst untergegangene Welt zum Leben. Abenteuer, Intrigen und Liebe bestimmen die Handlung. Dabei erzeugt Jodi Taylor eine Spannung bis zur Atemlosigkeit. Ein faszinierendes Erstlingswerk mit dem Potential für Fortsetzungen. Der englische Buchtitel verspricht es bereits: „Just one Damned Thing after Another. The Chronicals of St. Mary`s Book 1″

Text: Jutta Engelmayer
Jodi Taylor – Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv, TB, 9,99€
blanvalet, 978-3-7341-6208-4

Elly Griffiths – Grabesgrund

Barry West bearbeitet ein unebenes Gelände voller Krater und Furchen mit seinem Bagger. Die Sonne scheint heiß vom Himmel und die Arbeit ist schwer. Ein Baugelände soll auf diesem geschichtsträchtigen Boden vorbereitet werden. Plötzlich kratzt die Baggerschaufel über Metall. Barry sieht etwas aus dem Boden aufragen. Etwas Großes schaut aus der aufgewühlten Erde. Barry holt eine Schaufel und gräbt vorsichtig per Hand weiter. Er entdeckt eine Scheibe. Als er das Glas reinigt schaut er in das Gesicht eines Menschen. DCI Nelson wird informiert. Er bittet Dr. Ruth Galloway um Unterstützung. Ruth ist neben ihrer Tätigkeit als Universitätsdozentin zusätzlich der Abteilung für Schwerverbrechen der North Norfolk Polizei als forensische Archäologin zugeteilt. Die amerikanische Maschine stammt aus dem zweiten Weltkrieg und scheint abgestürzt zu sein. Ruth untersucht den Toten im Flugzeugwrack. Dabei stellt sie fest, dass der Tote ermordet wurde und nicht in diesem Flugzeug gestorben sein kann. Die Baustelle wird zum Unmut des Bauunternehmers für weitere Untersuchungen gesperrt. DNA Untersuchungen des Toten identifizieren ihn als Fred Blackstock. Er entstammt einer Familie die ganz in der Nähe einen Landsitz bewohnt. Fred ist der ältere Bruder des noch lebenden Besitzers. Die Polizei nimmt Kontakt mit den Blackstocks auf. Die Familie dachte, Fred ist über dem Meer abgeschossen und getötet worden. Wie kam er in die gefundene Maschine?
Das Gelände des Herrenhauses wird im Auftrag der Polizei von Ruth Galloway untersucht. Als ein Mitglied der Familie überfallen wird, scheint der Fall aus der Vergangenheit in der Gegenwart angekommen zu sein. Die Blackstocks hüten ein altes Geheimnis. Wieder einmal arbeiten DCI Harry Nelson und Ruth Galloway zusammen.

Die britische Autorin Elly Griffiths stellt mit „Grabesgrund“ den 7. Fall mit der Archäologin Ruth Galloway und DCI Harry Nelson vor. Wieder einmal schafft es die Autorin Geschichte und Gegenwart miteinander zu verknüpfen und ihre Akteure unter Einsatz ihres Lebens agieren zu lassen. Trotzdem ist wilde Action hier nicht an der Tagesordnung. Die Handlung fließt wie ein ruhiger Fluss ohne Langeweile zu erzeugen. Dabei werden die Beziehungen der Protagonisten seid dem ersten Fall kontinuierlich, aber behutsam weiterentwickelt. Der Fan kann sich auf Fortsetzungen freuen.

Text: Jutta Engelmayer
Elly Griffiths – Grabesgrund, TB, 12€
rororo, 978-3-499-21852-1

Michaela Karl – Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen

Sie war das IT Girl in den 50er und 60er Jahren in New York. Modeikone und Starkolumnistin des New Yorker. Geboren in Irland, ihre Eltern waren hochrangige Aktivisten im irischen Freiheitskampf. Als ihr Vater Diplomat der Republik Irland in Washington wurde, nutzte Maeve Brennan die Gelegenheit, um aus der Enge irischer Erziehung und kirchlicher Indoktrination zu entfliehen. Aber erst New York wird zu dem Ort, wo sie sich zu Hause fühlt. Schnell fasst sie Fuß in der Medienlandschaft. Nach einer Anstellung bei Harper`s Bazaar, wechselt sie in die Redaktion des New Yorker. Dort wird sie schnell unter dem Begriff „langatmige Lady“ zur Kultkolumnistin und genauen Beobachterin des New Yorker Lebens. Das kleine Schwarze, Perlenkette und High Heels gehörten zu ihren modischen Standards. Kein Wunder, dass diese hübsche, eigenwillige und hochintelligente Irin zum Männerschwarm der Journaille wurde. Trotz zahlreicher Affären und festen Beziehungen, fand sie nie einen ruhigen Platz. Denn es gab da eine dunkle, chaotische Seite der Maeve Brennan.
Michaela Karl ist mit der Biografie über Maeve Brennan ein großer Wurf gelungen. Ihr ist zu verdanken, dass sich wieder ein breiterer Leserkreis für diese faszinierende Person interessiert. Denn Maeve Brennan war ihrer Zeit voraus. Ein Freigeist, eine Vordenkerin für die unabhängige Frau, eine präzise und scharfzüngige Chronistin. Der Biografin gelingt auf faszinierende, aber unaufdringliche Art, ein Sittengemälde des damaligen New York und den Ereignissen in Irland. Nebenbei erhält man wertvolle Lesetipps.
Übrigens: Die New Yorker Geschichten von Maeve Brennan sind im Göttinger Steidl Verlag neu aufgelegt worden.

Text: Ulf Engelmayer
Michaela Karl – Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen, HC, 22€
Hoffmann und Campe, 978-3-455-50414-9

Kristin Höller – Schöner als überall

Wer kennt das nicht: Der Blick auf die dörfliche Idylle, wo alles geordnet und sortiert ist und seinen monotonen Gang geht. Wo jeder den Nachbarn kennt und die Gärten ordentlich sind. In diese alte Heimat geraten Martin, Geografie Student in München und sein alter Kumpel Noah, Egomane und Jungschauspieler. Sie sind dabei die Folgen einer durchzechten Münchner Nacht in einem Kies See zu beseitigen. Nein, es handelt sich um keine Leiche. Kristin Höllers Debütroman „Schöner als überall“, beschäftigt sich mit den banalen Dingen des Alltags. Dem entrinnen wollen der ewiggleichen Tristesse der Provinz. Dem Gefühl, da muss doch noch etwas anderes sein. Aus dem Kurztrip in die Vergangenheit, wird ein längerer Aufenthalt. Martin trifft seine große Liebe Mugo wieder, die mit großen Illusionen den Weg in die Metropole Wien gesucht hat, dort aber gescheitert ist. Kristin Höller gelingt es, eine „Coming of Age“ Geschichte aufzulegen, die den Nerv des Lesers trifft. Verzweiflung, aber auch Hoffnung auf Gemeinsamkeit wechseln sich in diesem Roman ab. Alle Personen scheinen in ihren Zwängen gefangen zu sein. Dennoch wird für Martin die Reise in seine Heimat, eine Reise in eine neue Zukunft.
Höller weiß, wie Provinz aussieht. Das Buch, oft zwischen Melancholie und bissigem Humor schwankend, zeichnet ein sehr anrührendes Bild des Alltagslebens. Es zeigt sehr scharf die Deformation der Menschen und Fassaden, die aufrechterhalten werden, um den Schein zu wahren. Alles inmitten der bürgerlichen Siedlungsödnis. Dem gegenüber steht die Wut der Unangepassten, die Angst haben diesen Verhältnissen nicht entrinnen zu können.
„Schöner als überall“ ist ein gelungener Debütroman.

Text: Ulf Engelmayer
Kristin Höller – Schöner als überall, HC, 18€
Suhrkamp, 978-3-518-46995-8

Inge Löhnig – Unbarmherzig

Gina Angelucci arbeitet in der Abteilung für ungelöste Fälle in München. Ihr Ehemann Konstantin „Tino“ Dühnfort, zurzeit Kommissar in Elternzeit, betreut die kleine Tochter Chiara. Auf die Polizistin wartet ein neuer, alter Fall.
In Altbruck, einem idyllischen Dorf in der Nähe von München wurden von einer Radfahrerin Knochenfragmente auf einem Abladeplatz für ausgehobene Erde von Baustellen gefunden. Untersuchungen ergeben, dass es sich um die Knochen von einer Frau und einem Mann handelt. Die Fragmente sind zwischen 70 – 80 Jahre alt. Damit ist der Fund auf die Zeit Ende des 2. Weltkriegs datiert und Ginas Vorgesetzter sieht keinen Grund für weitere Ermittlungen. Gina findet Verbindungen zu einer Munitionsfabrik in Altbruck. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier Zwangsarbeiter beschäftigt. Gina will weiter ermitteln. Sie stößt auf eine alte Familienfehde, die bis in die Gegenwart reicht. Die Bewohner des Dorfes verbergen Geheimnisse und behindern damit die Ermittlungen.

Inge Löhnig machte ihr Hobby schreiben zu ihrem Beruf. Inzwischen ist sie erfolgreiche Autorin von Kriminalromanen. „Unbarmherzig“ ist der zweite Fall von Gina Angelucci. Die Autorin trennte das Team Dühnfort-Angelucci als gemeinsam ermittelnde Kommissare. Gina Angelucci hat nach der Geburt der gemeinsamen Tochter, ihren Beruf in einer anderen Abteilung für Cold Chases aufgenommen. Hinter den ungelösten Fällen stecken menschliche Schicksale und Gina ist es wichtig diesen Toten eine Identität zu geben. Die Story erfordert immer wieder Zeitsprünge in die Zeit des Nationalsozialismus und ist eng verknüpft mit der Geschichte zweier Familien, die immer noch im Dorf Altbruck leben. Die Charaktere sind schlüssig und die Vergangenheit ist gut recherchiert. Die Schauplätze sind gut vorstellbar und unterstützen die Atmosphäre. Der Spannungsbogen wird immer wieder unterbrochen und die Spuren in andere Richtungen gelenkt. Das Privatleben der ermittelnden Kommissarin ist etwas zu ausführlich beschrieben. Die parallel verlaufende Story der Stalkerin, die Ginas Familie bedroht, erscheint für die gesamte Handlung überflüssig. Ansonsten ist der Krimi unterhaltend und spannend erzählt.

Text: Jutta Engelmayer
Inge Löhnig – Unbarmherzig, TB, 12,99€
Ullstein, 978-3-548-29097-3

Heinz Bude – Solidarität

„Die Zukunft einer großen Idee“, so der Untertitel des neuen Buchs von Heinz Bude. In seinem neuen Assay nimmt der Autor den Begriff „Solidarität“ unter die Lupe. Ein Wort, das in Zeiten der Selbstoptimierung, der Ich-AG`s, der tiefen sozialen Spaltung der Gesellschaft, einem massiven Bedeutungsverlust unterliegt. „Das Wir der Nachkriegssolidarität nach 1945 scheint sich genauso aufgebraucht zu haben, wie das Wir der Aufbruchssolidarität“, so der nüchterne Befund des Kassler Soziologen. Dem Autor gelingt in seinem Buch ein intelligentes ausleuchten dieses Begriffs entlang der Nachkriegsgeschichte. Nach dem Zusammenbruch galt die Losung: „Allen soll es bessergehen“. Schon mit Blick und als Alternative zu den sozialistischen Ländern. Dies führte zu bemerkenswerten Zwangskoalitionen. Als ein Beispiel ist das Stuttgarter Verhandlungspaar Bleicher / Schleyer zu nennen. Willi Bleicher war 1959 bis 1972 Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, und als Kommunist und Gewerkschafter, acht Jahre im Konzentrationslager Buchenwald.
Hans-Martin Schleyer, der von der RAF ermordete Arbeitgeberpräsident, war im NS-Staat Parteimitglied und brachte es bis zum SS-Untersturmführer. Trotzdem waren beide gezwungen miteinander auszukommen und Kompromisse zu schließen, die der Bundesrepublik lange Zeit einen sozialen Frieden garantierte.
Bude gelingt es mit der Analyse von Clanstrukturen, sozialem Leben im Dorf und in der Stadt, den Blick für den Begriff „Solidarität“ zu schärfen und neu auszurichten. Dazu gehört die gesellschaftliche Verständigung auf gemeinsame Dinge, die wir teilen.
Ein wichtiges Buch, dass eine neue Sicht auf den etwas verstaubten Begriff „Solidarität“ ermöglicht.

Text: Ulf Engelmayer
Heinz Bude – Solidarität, HC, 19€
Hanser, 978-3-446-26184-6

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