Michelle Obama – Becoming Meine Geschichte

Sie ist zur Zeit der absolute Superstar unter den Buchautoren, füllt riesige Hallen und ist in allen namhaften US-Talkshows präsent. Michelle Obama, die letzte First Lady (tja, man muss es wohl so sagen), hat ihre Autobiografie veröffentlicht. Es läuft gut für sie, niemand in den USA ist beliebter, ihre Stimme hat Gewicht. Kurz: sie ist eine moralische Autorität. Jetzt stellt sie ihre Geschichte in Buchform vor. Hier erfährt der Leser vieles und detailliertes über ihre Herkunft und ihren beruflichen Aufstieg. „Du musst als Schwarze doppelt so gut sein, um halb so viel zu erreichen“, dies wird zeit ihres Lebens ihr Erfahrungshorizont. Schon während ihres Studiums in Princeton, das sie dank eines Stipendiums antreten kann, macht sie die Erfahrung wie es sich anfühlt einer Minderheit anzugehören. Der berufliche Aufstieg kommt dennoch schnell,eine erste Anstellung in einer Anwaltskanzlei erfolgt. Dort kommt es zur schicksalhaften Begegnung. Sie lernt Barack Obama kennen, er ist Praktikant. Obamas Aufstieg in der Politik beginnt. Dies bleibt bei dem jungen Paar nicht ohne Auswirkungen. Michele Obama beschreibt offen die Probleme. Lange Trennungen, Fehlgeburt und Eheberatung. Dann der unglaubliche Wahlsieg, sie wird die erste afroamerikanische First Lady.
Wenn man den arg strapazierten Begriff „authentisch“ anwenden will, hier ist er angemessen. Dieses Buch hat seinen ganz eigenen, offenen Stil. Die Schilderungen ihrer Herkunft aus der Southside Chicagos sind sehr eindrücklich und zeigen die damalige Verbundenheit der Bewohner untereinander. Diesen Community Gedanken hat Michelle Obama mit ins weiße Haus genommen. Als ein offenes Haus, mit Gemeinschaftsgarten und multikulturellen Feiern – trotz 9/11, wird es in Erinnerung bleiben.
Dieses Buch – 2 Millionen verkaufte Exemplare in den USA – macht Mut. Es zeigt das andere, das offene Amerika. Es ist frei von unnötigem Klatsch, Trump ist nur eine Anekdote. Michelle Obama hat eine Botschaft: Ich gehe nicht in die Politik – never!

Text: Ulf Engelmayer  
Michelle Obama – Becoming MeineGeschichte, HC, 26,-€
Goldmann, 978-3-442-31487-4

Camilla Läckberg – Die Eishexe

Manch alte Geschichte schlummert nur und wartet darauf wieder erweckt zu werden. 30 Jahre ist es her, als ein kleines Mädchen aus Fjällbacka verschwand. Zwei dreizehn jährige Mädchen wurden damals verdächtigt, für den Tod des Kindesverantwortlich zu sein. Die eine blieb im Ort und versuchte unauffällig zu leben, die andere ging nach Amerika und wurde Filmstar. Als Helen hört, dass ihre alte Freundin Marie zurückkommt, um in Schweden einen Film über Ingrid Bergmann zu drehen, ist sie nicht erfreut. Zu lange hat es gedauert, um die alte Geschichte ruhen zu lassen und ein halbwegs ruhiges Leben führen zu können. Helen hat es nie richtig geschafft. Zwar hat sie einen älteren Manngeheiratet, einen Freund ihres Vaters und einen Sohn bekommen, aber die Menschen in Fjällbacka haben nicht vergessen. Helen läuft, trainiert für Marathon. Dabei kann sie sich verausgaben und ablenken. Auch Marie hat ein Kind bekommen und hat ihre Tochter mit nach Schweden gebracht. Diese nachfolgende Generation hat es nicht leicht. Beides sind Außenseiter. Helens Sohn hat einen Vater, der als Soldat im Auslandseinsatz war und als Held verehrt wird. Von einemdurchtrainierten Mann mit stählernem Charakter ist der junge Mann weitentfernt. Auch Maries Tochter leidet unter der Berühmtheit ihrer schönen Mutter. Verunsichert weiß sie nie, ob entgegengebrachtes Interesse wirklich ihr gilt. Marie ist kein Muttertyp, sie ist viel zu sehr auf ihr Äußeres bezogen, das ist in ihrem Beruf ihr Kapital. Die beiden Außenseiter lernen sich kennen und verstehen sich gut. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden. Jetzt sind sie nicht mehr allein.
Eines Tages verschwindet die kleine Linnea Berg. Nach einer groß angelegten Suchaktion wird Linnea im Wald an der gleichen Stelle gefunden wie vor 30Jahren das andere verschwundene Kind. Beide Kinder lebten im gleichen Haus. Die Bewohner von Fjällbacka sind entsetzt und haben Angst. Aberglauben aus alten Geschichten und Misstrauen gegenüber Migranten, die in einem nahe gelegenen Asylheim wohnen, macht sich breit. Hauptkommissar Patrik Helström sieht sich schwierigen Ermittlungen gegenüber. Seine Frau, die Schriftstellerin Erica Falck, recherchiert für ihr neues Buch an dem alten Fall. Nach 30 Jahren sind die alten Fallakten nicht vorhanden und der damals ermittelnde Kommissar leb tnicht mehr. Erica kann ihren Mann mit ihren Informationen unterstützen.
Camilla Läckberg ist Schwedens erfolgreichste Autorin. Die Eishexe ist bereits der 10. Falck-Hedström Krimi. Der neue Roman befasst sich mit tiefem Misstrauen, Angst vor Unverständlichem und der vorschnellen Verurteilung von Mitmenschen. Der Tod von Linnea Berg reißt alte Wunden wieder auf und zerstört das Leben vieler Menschen in Fjällbacka. Camilla Läckberg setzt ihre Charaktere fast unerträglichen Situationen aus und steuert die Geschichte in eine Katastrophe. Dabei baut sie gekonnt die Szenerie auf und führt den Leser immer wieder in andere Richtungen. Am Ende wird die Frage beantwortet: Wie konnte es nur soweit kommen?

Text: Jutta Engelmayer  
Camilla Läckberg – Die Eishexe, TB, 11,-€
Ullstein, 978-3-548-29066-9

Reinhard K. Sprenger – Das anständige Unternehmen

Fakt ist, es läuft in den Unternehmen nicht rund. Rückzug ins Private durch Demotivation, hohe Krankenstände mit zunehmenden psychischen Erkrankungen, allgemeine Unzufriedenheit insbesondere mit den Führungskräften, Verlust von Freiräumen und erhebliche Arbeitsverdichtung.
Für Reinhard K. Sprenger, dem sicherlich renommiertesten Wirtschaftsdenker in diesem Land, ist dies alles kein Zufall, sondern Ergebnis der Verhältnisse in den Unternehmen. In seinem neuen Buch „Das anständige Unternehmen“ nimmt er nicht die Korruption, das öffentliche Fehlverhalten, die Profitorientierung ins Visier, sondern das Innenverhältnis der Organisation zu seinen Mitarbeitern. Sprenger macht einen Überschuss an Zudringlichkeit und bürokratischer Übergriffigkeit aus, die sich bis in die Gesundheitsfürsorge der Mitarbeiterhineinzieht. Dies mag man zunächst als überzogen betrachten, je tiefer man in das Buch vordringt, desto schlüssiger wird diese These. Für Ihn ist ebenfalls die Vorstellung naiv „man könne jemandem über Trainingsprogramme, Rollenspiele oder Feedback wirklich Führungsfähigkeit vermitteln“. Seine klare Haltung dazu: „Diese Programme blenden nicht nur die Realität veränderungsresistenter Einstellungen aus, sondern auch die Komplexität sozialer Interaktionen. Ein weiteres Beispiel: für den Autor ist zum Beispiel ein Zuviel an Identifikation gleichzeitig ein Mangel an Distanz. Dies fördert eine Ja-Sager-Kultur, die die Grenze zwischen Individuum und Organisation verschwimmen lässt. Wer ganz und gar in etwas eintaucht, läuft Gefahr darin unterzugehen, so Sprenger. Sein Fazit: mehr Gelassenheit gegenüber den Abläufen in der Organisation. Dazugehört auch das gezielte Unterlassen die Mitarbeiterschaft permanent verbessern oder erziehen zu wollen. In den Zeiten disruptiver Veränderungen erscheint dies keine erfolgreiche Strategie mehr zu sein.
„Das anständige Unternehmen“ ist ein Buch in dem Sprenger seine jahrelangen Managementerfahrungen ungeschminkt zu Papier gebracht hat. Eine Pflichtlektüre für jeden Personaler.

Text: Ulf Engelmayer  
Reinhard K. Sprenger – Das anständige Unternehmen, PB, 18,-€
Pantheon, 978-3-570-55358-9

Nele Neuhaus – Muttertag

Der alte Theodor Reifenrath wird in seiner Villa auf seinem ehemaligen Fabrikgelände tot aufgefunden. Die Todesursache ist unklar. Die Kriminalkauptkommissare Pia Sander und Oliver von Bodenstein werden mit der Untersuchung beauftragt. Theodor Reifenrath hatte einen Malinois, einen belgischen Schäferhund. Der Hund ist im Haus nicht zu finden. Die Polizei sucht auf dem Gelände nach dem Tier und findet ihn fast verhungert in einem Hundezwinger. Im Zwinger liegen Knochenmenschlichen Ursprungs. Der Hund hat in seiner Verzweiflung den betonierten Boden aufgekratzt und die Konchen ans Tageslicht befördert. Die Spurensicherung öffnet den Boden weiter und findet menschliche Skelette. Der Rechtsmediziner und Exmann von Pia Henning Kirchhoff, kann die Knochen schon vor Jahren vermissten Frauen zuordnen. War Theodor Reifenrath ein Serienmörder? 20 Jahre zuvor hatte seine Frau Rita sich das Leben genommen, seid dem lebte er zurückgezogen in seinem Haus. Niemand im Ort kann sich vorstellen, dass der frühere Fabrikbesitzer ein Mörder gewesen sein soll. Er und seine Frau warensozial engagiert. Sie hatten in ihrem Haus Pflegekinder aufgenommen. Rita Reifenrath wurde für ihre Wohltätigkeit hoch ausgezeichnet.
Die Kommissare entdecken nach Durchsicht alter Akten Zusammenhänge zwischen den gefundenen Toten. Alle Frauen verschwanden an einem Sonntag im Mai. Weitere Ermittlungen fördern weitere, noch ungeklärte Fälle auch jüngeren Ursprungs an sLicht. Deshalb glaubt Pia Sander nicht an Theodor Reifenrath als Täter. Die Zeit drängt, es ist wieder Mai und der nächste Muttertag ist nicht mehr weitentfernt.
Nele Neuhaus hat sich mit dem Kommissar Duo Bodenstein und Kirchhoff in die Topcharts der deutschen Kriminalliteratur geschrieben. Die Bücher wurden für das Fernsehen verfilmt.
Der vorliegende Roman „Muttertag“ ist ein psychologischer Thriller der unter die Haut geht. Es ist schwer unter den vielen vorkommenden Charakteren den Täter ins Visier zu nehmen. Immer wieder versteht es die Autorin, durchvertiefende Beschreibungen, die Personen zu be- oder zu entlasten. Ein wahnsinnigspanendender Roman den man nicht aus der Hand legen möchte. Nele Neuhaus wird mit jedem Buch besser.

Text: Jutta Engelmayer  
Nele Neuhaus – Muttertag, HC, 22,-€
Ullstein, 978-3550081033\

Viveca Sten – Flucht in die Schären


Nora Linde ist als Chefanklägerin der Behörde gegen Wirtschaftskriminalität mit einem Fall beschäftigt, der sie extrem fordert. Andreis Kovač wurde von ihr wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Für Nora ein Tropfen auf den heißen Stein, denn Kovač ist ein Drogendealer im großen Stil. Um ihn wegen Drogenhandel und Geldwäsche zu belangen, fehlen die Beweise. Der Zufall kommt Nora zu Hilfe. Kovač misshandelt seine Frau Mina, die schwer verletzt in eine Klinik eingeliefert wird. Nora Linde versucht Mina zu einer Aussage gegen ihren Mann zu gewinnen, aber Mina hat zu große Angst. Sie wurde von ihrem Mann wiederholt schwer verprügelt. Anschließend versucht Andreis mitleidig alles wieder gut zu machen. Minas chafft es nicht von ihm wegzukommen. Sie versucht unterwürfig, ihrem Mann keine Gelegenheit zu bieten, auf sie wütend zu werden. Die beiden haben eine nkleinen Sohn und Mina versucht ihn zu beschützen. Für Andreis hat Familie höchste Priorität und seinen Freunden und Untergebenen verzeiht er Verrat nie. Schließlich kann Mina noch in der Klinik überzeugt werden, ihren Mann zu verlassen. Zusammen mit ihrem Kind wird sie in ein Haus für misshandelte Frauen auf einer Schäreninsel versteckt. Andreis setzt alles daran seine Frau und seinen Sohn zu finden.
Der Kommissar und gute Freund von Nora Linde, Thomas Andreasson wird in den Fall hineingezogen, als ein Mitarbeiter von Kovač ermordet aufgefunden wird. Inzwischen hat Andreis das Versteck seiner Frau aufgespürt. Mina gelingt in letzter Minute die Flucht. Nora Linde versteckt Mina in ihrem Haus auf Sandhamn und bringt sich wieder einmal in höchste Gefahr.
Viveca Sten ist mit ihren Sandhamn Krimis weltweit erfolgreich. Die Bücherwurden für das ZDF verfilmt. Im 9. Band sind die Staatsanwältin Nora Linde und Kommissar Thomas Andreasson mit einem besonders brutalen Fall beschäftigt. Die Themen in diesem Krimi sind häusliche Gewalt, Drogenhandel und Migration. Einfühlsam führt die Autorin ihre Figuren durch diese komplexen, schwierigen Themen. Rückblicke in die Vergangenheit geben Erklärungen, die Bewertung bleibt dem Leser überlassen. Ein exzellent erzählter Kriminalroman.

Text: Jutta Engelmayer  
Viveca Sten – Flucht in die Schären, PB, 15,-€
Kiwi, 978-3-462-05197-1

Der Outsider – Stephen King

Nach „Sleeping Beauties“, dem vorletzten Roman von Stephen King, verfasst zusammen mit seinem Sohn Owen King, jetzt der neue Schocker „Der Outsider“. Es ist, kaum zu glauben, sein 59. Roman. Das schafft man nur mit extremer Disziplin, in seinem Fall 10 Seiten pro Tag. „Der Outsider“ kommt ziemlich fettdaher und startet für King ungewöhnlich als Kriminalroman. Ort der Handlung ist Flint City in Oklahoma. Hier geschieht ein bestialischer Mord. Ein Junge wird sexuell missbraucht und danach verstümmelt. Alle Indizien weisen auf den ortsbekannten und beliebten Baseballtrainer Terry Maitland. Nur dieser hat ein absolut wasserdichtes Alibi und er befand sich zur Tatzeit in einer anderen Stadt. Nach einer spektakulären Verhaftung während eines Baseballspiels durch den Ermittler Detective Anderson, geraten die Dinge schnell völlig außer Kontrolle. Der für King typische Horror beginnt.
„Der Outsider“ gehört klar zu den großen Romanen Kings. Brilliant zeichnet er das amerikanische Kleinstadtmilieu. Die trostlosen Seniorenheime kommen uns seltsam vertraut vor. Der wahre Horror lauert nicht nur im Unbekannten und Übersinnlichen, sondern im Alltag. Der erste Stephen King Roman der Trump Ära. Da geht noch mehr.

Text: Ulf Engelmayer  
Der Outsider – Stephen King, HC, 26,-€
Heyne, 978-3-453-27184-5