Anthony Sarpong – Anthonys Kitchen

Anthony Sarpong wurde in Ghana geboren und ist in Wiesbaden aufgewachsen. Er machte seine Ausbildung zum Koch im Crown Plaza Hotel in Wiesbaden. Seine Kenntnisse vertiefte er in internationalen Sternerestaurants. 2014 eröffnete er in Meerbusch des Anthonys – ein Restaurant und eine Kochschule. Anthonys Kitchen ist ein Einblick in seine Kochkünste. Im Vorwort erklärt Anthony Sarpong seine Motivation. Es geht ihm nicht nur um das Neuerfinden von Gerichten. Ihm geht es darum, seine Gäste ganz individuell zu umsorgen. Dabei legt er einen Hohen Wert auf die Qualität der Produkte, die er verarbeitet. Herstellung und Anbau von Lebensmitteln und die Aufzucht von Tieren müssen für den Sternekoch korrekt sein. Seine besten Rezepte werden in diesem Kochbuch Schritt für Schritt, unterstützt mit Text und vielen Fotos, vorgestellt. Vorzüglich sind die Bilder der fertigen Speisen auf dem Teller. Die Herstellung der Garnierungen, werden zu jedem Rezept ausführlich beschrieben. Das Resultat kann sich sehen lassen – das Auge isst bekanntlich mit. Die Rezepte sind mit Sternen als Schwierigkeitsgrad beschrieben. Wer noch nicht ganz sicher mit der Verarbeitung der Zutaten ist, kann mit einfachen Rezepten anfangen und sich langsam zu aufwändigeren Zubereitungen Vorarbeiten.
Ein Kochbuch, dass bereits beim Durchblättern viel Anreiz bietet die Küche aufzusuchen und loszulegen.

Text: Jutta Engelmayer
Anthony Sarpong – Anthonys Kitchen, HC, 22,00€
Südwest Verlag, 978-3-517-09727-5

Delphine De Vigan – Loyalitäten

Nach ihrem autobiografischen Roman „Das Lächeln meiner Mutter“ blickt die französische Schriftstellerin Delphine De Vigan in ihrem neuen Buch „Loyalitäten“ in die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen. Erzählt wird das Schicksal von Theo, einem eher introvertierten aber guten Schüler und seinem Freund Mathis. Beide teilen ein Geheimnis, das Theo fast zum Verhängnis wird. Da ist Cecile, die Mutter von Theo, eine verunsicherte Frau deren Welt zusammenbricht, als sie per Zufall erfährt, welche dunkle Seite ihr Mann im Internet präsentiert. Hélene ist die Lehrerin der beiden Jungen. Sie bemerkt, dass mit Theo etwas nicht stimmt. Sie findet keinen richtigen Umgang damit und gerät in einen Konflikt zwischen Kollegium und Theos Mutter. Bis sie sich entscheiden muss, wem ihre Loyalität gehört.
Delphine De Vigan ist ein brillantes Buch gelungen, ein schonungsloser Blick hinter die bürgerlichen Fassaden. Dies könnte ein Script für den österreichischen Meisterregisseur Michael Hanecke sein. Vigans verknappte Sprache, die kurzen Kapitel und die Perspektivwechsel tragen zu dem Sogeffekt dieses Romans bei. 170 Seiten, die zeigen wie Literatur auf höchstem Niveau geht.

Text: Ulf Engelmayer
Delphine de Vigan – Loyalitäten, HC, 20,00€
Dumont, 978-3-8321-8359-2

Der Neandertaler in uns

War der Neandertaler klüger, schneller und dem Menschen von heute ähnlicher als bisher angenommen? Mit dieser Frage beschäftigen sich die Paläontologin Ella Al-Shamahi und der Hollywood Star Andy Serkis. Der Schauspieler ist bekannt durch die Trilogie „Der Herr der Ringe“ und hauchte Gollum das Leben ein.
Anhand von Knochenfunden, DNA und Schädelrekonstruktionen wird der Neandertaler in den Jellyfish Picture Studios wieder zum Leben erweckt. Die Wissenschaftler stellen durch Animation und 3D-Technik eine lebendige Version des Neandertalers vor. Die Rekonstruktion enthüllt faszinierende Erkenntnisse. Der Neandertaler war kein primitiver Menschenaffe, sondern ein sozial strukturiertes lebendes Wesen, dem modernen Menschen nicht unähnlich.
Die interessante BBC-Produktion ist als DVD erhältlich und hat eine Laufzeit von 2x 50 Minuten.

Text: Jutta Engelmayer
Der Neandertaler in uns – DVD, BBC Produktion, 2 x 50 Minuten, 17,99€
polyband

Dörthe Binkert – Vergiss kein einziges Wort

Die Familie Strebel lebt im schlesischen Gleiwitz. 1921 wird Luise, das sechste Kind der Familie geboren. Ein für Schlesien schicksalsträchtiges Jahr, denn das Land wird geteilt. Das Kohlevorkommen und die Industrieanlagen in Südost Schlesien fallen an Polen. Weder Polen noch Deutschland sind mit der Teilung einverstanden. Während der Friedensverhandlungen von Versailles hat Deutschland auch im Osten Gebietsabtretungen hinzunehmen. Polen hat ganz Oberschlesien für sich beansprucht. Es kommt zu Aufständen zwischen Polen und Deutschen. Die Bevölkerung in den Grenzregionen wird zerrissen. Wer denkt und fühlt deutsch, wer polnisch?

In dieser Zeit wächst Luise in Gleiwitz bei ihren Eltern und fünf älteren Geschwistern auf. Sie findet ihn Magda, der Tochter einer Gemischtwarenladenbesitzerin eine beste Freundin. Die beiden werden in einer immer schwerer werdenden Epoche junge Erwachsene. Sie lieben, leben und überleben in einer Zeit, in der plötzlich der altvertraute Nachbar als Abschaum oder Feind angesehen werden soll. Die deutsche Elite und die als minderwertig bezeichneten Polen. Aber am Ende des Zweiten Weltkriegs wendet sich das Blatt und Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. In diese Zeit, voller Hass, Denunziation und Gewalt ist die Geschichte der Familie Strebel eingebettet.

Dörte Binkert arbeitete als Lektorin und Programmleiterin für große deutsche Publikumsverlage. Im vorliegenden Roman „Vergiss kein einziges Wort“ beschreibt sie die Geschichte Schlesiens und seiner Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Charaktere der Familie Strebel sind vielschichtig. Dadurch kann die Autorin die Einzelschicksale der Menschen in dieser Epoche gut beschreiben. Auch das soziale und lokale Umfeld in diesem Roman unterstützt die gelebte Geschichte der Menschen vortrefflich. Der Begriff Heimat ist eng mit dem Frieden verknüpft und wird durch den Verlust im Krieg und die Vertreibung als etwas Kostbares erkannt. Gleichzeitig zeigt sich die Vorstellung von Heimat in Grenzgebieten als Staatenunabhängig. Mit der Verschiebung von Grenzlinien wechselt die Staatsangehörigkeit, aber das Heimatgefühl bleibt.

Eine einfühlsam erzählte Geschichte, die auch heute noch in vielen Teilen der Welt traurige Aktualität besitzt.

 

Text: Jutta Engelmayer
Dörthe Binkert – Vergiss kein einziges Wort, HC, 22,00€
dtv, 978-3-423-28964-1

radio lounge am 19.11.

„Return to the Land of Disco“ heißt das Special. Wir spielen rare Tracks aus der Blütezeit des  Disco. Natürlich in den Extended Versions und Special Mixes. Insbesondere von Tom Moulton, einem der profiliertesten Produzenten dieser Zeit, Erfinder des Disco Mix und der Maxisingle. Dazu passend die neue Platte von Chic „It`s about Time“. Nile Rodgers at his best – Knietief in Disco textete die Spex. Enjoy!

Hier die Playlist

Tom Hillenbrand – Bittere Schokolade

Der Luxemburger Koch Xavier Kieffer sieht sich mit seiner Pariser Vergangenheit konfrontiert, als er seine alte Jugendliebe Ketti wiedersieht. Ketti ist Patisseurin und hat sich in der Nähe von Brüssel eine Schokoladenmanufaktur aufgebaut. Obwohl Xavier zunächst kein großes Interesse zeigt Ketti wiederzusehen, ihre Beziehung war mit vielen auf und Abs eher als schwierig zu sehen, reizt es den Koch doch die Schokoladenmanufaktur zu besichtigen. Xavier lernt eine Menge über Schokolade und viel über das Produkt Kakao. Er ist erstaunt über die Produktionswege, bis die Kuvertüre bei den Schokoladenhersteller ankommt. Ketti hat dazu eine kritische Einstellung. Die Kakaoplantagen befinden sich in Südamerika und in Westafrika. Kinderarbeit ist nicht selten. Die Vorverarbeitung der Bohnen ist schwierig. Die Fermentation und Trocknung findet in den Anbauländern statt, die gewinnbringende Weiterverarbeitung aber in Europa. Kakaoanbau ist kompliziert, die Pflanze ist lichtempfindlich und krankheitsanfällig. Die Schokolade, die der Käufer im Supermarkt findet, ist Massenware. Darin liegt der Profit, aber mit hochwertiger Schokolade haben diese Produkte kaum noch etwas zu tun. Xavier fährt mit diesen neuen Erkenntnissen zurück nach Luxemburg. Kurze Zeit später erhält er einen Anruf von Ketti. Ihre Stimme klingt gehetzt. Sie will Xavier an einem nur Ihnen bekannten Ort treffen. Als Xavier dort eintrifft, gerät er in eine Schießerei. Ketti stirbt in Xaviers Anwesenheit. Er fühlt sich verpflichtet dem Tod von seiner alten Freundin nachzugehen. Seine Recherchen führen ihn bis nach Afrika und wieder einmal setzt der Koch sein Leben aufs Spiel.

Tom Hillenbrand hat sich in den letzten Jahren als Bestseller Autor etabliert. Seine kulinarischen Krimis mit dem Luxemburger Koch Xavier Kieffer werden von den Lesern sehnsüchtig erwartet. Das liegt hauptsächlich an dem eigenwilligen Charakter des Protagonisten und den gut recherchierten, gesellschaftskritischen Themen. Tom Hillenbrand serviert Krimis, mit perfekt aufeinander abgestimmten Zutaten.

Text: Jutta Engelmayer
Tom Hillenbrand – Bittere Schokolade, TB, 11,00€
Kiwi Verlag, 978-3-462-05073-8

Elizabeth George – Wer Strafe verdient

In der Kleinstadt Ludlow kommt ein Diakon der anglikanischen Kirche und der Polizeigewahrsam ums Leben. Sein Tod wird als Selbstmord deklariert. Der Vater des Diakons glaubt nicht, dass sein Sohn sich umgebracht hat. Da er gute Beziehungen ins Parlament hat, gelingt es ihm Scottland Yard auf den Fall aufmerksam zu machen. Den Auftrag erhält aufgrund der Brisanz Detective Chief Superintendent Isabelle Ardery begleitet von Sergeant Barbara Havers. Barbara steht immer noch unter strenger Beobachtung ihrer Chefin. Nach einigen unautorisierten Alleingängen des Sergeants möchte Isabelle Barbara am liebsten loswerden. Eine Versetzung in die Provinz ist bereits vorbereitet. Ardery wartet nur darauf, dass Barbara in eine der vorbereiteten Fallen tappt.
Die Polizei von West Mercia ist von der Überprüfung des Falls nicht begeistert. Die Bereitschaft zur Unterstützung ist gering. Barbara ermittelt trotz der bestehenden Gefahr wieder eigenständig. Ihr erscheint der Fall als nicht plausibel. Dabei stößt sie auch auf ein Fehlverhalten ihrer Chefin. Trotz Hinweisen auf Diskrepanzen befindet Ardery den offiziellen Polizeibericht für akzeptabel. Zurück in London schreibt Barbara einen Bericht, der von Ardery nicht akzeptiert wird. Sie soll einige Passagen streichen. Barbara gehorcht, aber verunsichert informiert sie DI Thomas Lynley. Thomas Informiert den Vater des Toten Diakons, der sofort interveniert. Die Untersuchung wird wieder aufgenommen. Diesmal fährt Barbara Havers mit Thomas Lynley nach Ludlow. Die Untersuchungen sind zäh, niemand will sich wieder mit dem Fall beschäftigen. Die Polizisten von Scottland Yard schauen hinter die Fassaden einer scheinbar idyllischen Stadt. Alkoholmissbrauch von Jugendlichen, eine hoffnungslos unterbesetzte Polizei und Eltern die sich zu viel oder zu wenig um ihre Kinder kümmern. Ein Zufall verhilft den beiden Ermittlern den Tod des Diakons als Mord einzustufen. Die Suche nach dem Motiv und dem Täter erfordert höchstes Fingerspitzengefühl.
Elizabeth George ist eine der erfolgreichsten Kriminalautorinnen der USA. Sie ist für ihre akribische Recherche und detaillierte Ausarbeitung der Schauplätze und Charaktere bekannt. Das ist auch im vorliegenden Krimi „Wer Strafe verdient“ der Fall. Die Auseinandersetzungen zwischen Barbara Havers und ihrer Chefin nehmen wieder großen Platz ein. Die Schikanen mit dem Isabel Ardery Sergeant Havers verfolgt grenzen an Mobbing aus höchster Ebene. Davon ist auch Thomas Lynley nicht ausgeschlossen.
Der Schauplatz Ludlow stellt eine Kleinstadt vor die oberflächlich betrachtet beschaulich erscheint, aber hinter den Fassaden herrschen Angst, Macht- und Alkoholmissbrauch. Viele junge Menschen sind verhaltensauffällig. Elizabeth George schaut genau hinter die vermeintliche Idylle und lässt ihre Ermittler die unbeschreiblichen Zustände ans Tageslicht fördern.

Text: Jutta Engelmayer
Elizabeth George – Wer Strafe verdient, HC, 26,00€ Goldmann, 978-3-442-31373-0

Bob Woodward – Furcht

Noch ein Buch über Donald Trump. Nach dem Journalisten Michael Wolff und dem ehemaligen FBI Direktor James Comey hat sich jetzt eine Ikone des amerikanischen Journalismus mit dem Phänomen Donald Trump befasst. Bob Woodward recherchierte zusammen mit Carl Bernstein als Reporter der Washington Post in der Watergate Affäre. Die Enthüllungen führten zum Rücktritt des damaligen Präsidenten Richard Nixon. Furcht ist mittlerweile sein neuntes Buch. Vorab bemerkt sei: Grundsätzlich Neues erfährt man in diesem Buch nicht. Dennoch: Die Wirkung des Buches wird durch den linearen, sachlichen, ja fast lakonischen Erzählstil des Autors verstärkt. Schreiben was war und ist. Woodward beschreibt Trumps Wahlkampf, der nicht wirklich von der Hoffnung auf einen Sieg getragen wurde. Die chaotischen Tage nach dem Triumph, waren erfüllt mit der Suche nach geeignetem Personal. Das Arbeitsklima im Weißen Haus ist geprägt durch eine hohe Misstrauenskultur und die Unberechenbarkeit und Unstetigkeit des Präsidenten.

Unbedingte Loyalität steht vor Fachkenntnis, das Personalkarussell im West Wing dreht sich immer schneller. Um den Präsidenten von unüberlegten Schritten abzuhalten, lassen Mitarbeiter Dokumente verschwinden. Politik verkommt zum Showcase.

Bob Woodward hat für dieses Buch zahllose Interviews geführt und Dokumente eingesehen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass viele Personen aus dem inneren, bzw. ehemals inneren Kreis von Donald Trump, ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis hatten. Den ehemaligen Chefstrategen Steve Bannon eingeschlossen. Die bittere Wahrheit des Buches: der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten hat ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit und zu Fakten.

Keine wirklich beruhigende Erkenntnis.

Text: Ulf Engelmayer
Bob Woodward – Furcht, HC, 22,95€
Rowohlt, 978-3-498074081

Radio Lounge am 06.11.

 

Heute Abend in der Radio Show:

bewährte Tracks aus 20 Jahren Radio Lounge. Dazu neue Tracks von Julia Holter, Thomas / Mayer, Hejira, Cat Power, German Brigante u.a. Die Künstlerin der Woche ist eine alte Bekannte: Anna Calvi. Wir spielen ihr neues Album „Hunter“, dazu O-Töne aus einem Interview mit der Künstlerin. Auch die Buchkritik darf nicht fehlen.

radio lounge mag playlist week 45-18