Frank Biess – Republik der Angst

Im angelsächsischen Sprachgebrauch ist der Begriff „German Angst“ eine feste Größe. Man bezeichnet damit vermeintlich typisch deutsche, gesellschaftliche, politische und kollektive Verhaltensweisen. Das diese Zuweisungen ihren inhaltlichen Kern haben, ist Thema des Buches „Republik der Angst“. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Der Autor Frank Bliess ist Professor für Europäische Geschichte an der University of California, San Diego. Er versucht in der Tat in seinem Buch die Geschichte der Bundesrepublik, als eine Geschichte, geprägt von kollektiven Ängsten zu erzählen. Das beginnt im Nachkriegsdeutschland mit der Angst vor Vergeltung und Rache für die deutschen Kriegsgräuel. In den 50er Jahren folgten skurrile Ängste, wie zum Beispiel die vermutete Zwangsrekrutierung von Deutschen für die französische Fremdenlegion. An der Schnittstelle zum Ostblock war Kriegsangst ein beherrschendes Thema. Der totale Atomkrieg und das Wettrüsten in den 80er Jahren. Die Deutschen haben nach Sicht des Autors keine Zivilisationsangst ausgelassen: Kernenergie, Automationsangst, Kulturpessimismus. Das Phänomen setzt sich bis in die heutige Zeit fort. Die AfD als politischer Ausdruck der „German Angst“.
Die von Frank Biess beschriebenen Ängste schlagen sich auch in Umfragen nieder. In den 80er Jahren gab es eine angstgetriebene Mehrheit in der Bevölkerung. Die Liste westdeutscher Pathologien könnte noch endlos weitergeführt werden. Sie scheinen zu unserer jüngsten Geschichte zu gehören. Eine Erkenntnis dieses Buches ist, dass Ängste immer in Verbindung mit einer sich wandelnden Erinnerungskultur zu sehen ist, die einhergeht mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus. Der nimmt für sich in Anspruch, die Zukunftsängste der Bevölkerung zu kennen.

Wer diese Zusammenhänge besser verstehen will, dem sei das Buch „Republik der Angst“ von Frank Biess unbedingt zu empfehlen.

Text: Ulf Engelmayer
Frank Biess – Republik der Angst, HC, 22€
Rowohlt, 978-3-498-006785

John Grisham – Das Bekenntnis

Was passiert wenn ein guter Mensch einen anderen guten Menschen tötet? Was ist der Grund?
Pete Banning ist ein angesehener Bürger. Er ist Kriegsveteran, Landbesitzer, Vater und ein angesehenes Gemeindemitglied. Eines Morgens wacht er auf, fährt in die Stadt und erschießt Reverend Dexter Bell von der Methodistengemeinde. Anschließend stellt er sich. Keiner kann die offensichtlich geplante Tat begreifen, erfassen, nachvollziehen.
Pete Banning kommt ins Gefängnis. Er gesteht die Tat und wird zum Tode verurteilt. Nie erwähnt er den Grund seines Handelns. Seine Kinder sind auf sich gestellt und müssen mit dieser unfassbaren Tat leben. Sie verlieren nicht nur ihren Vater, sondern ihr Land, ihr Zuhause und ihren guten Namen. Mit diesem Drama müssen sie weiterleben.
Der amerikanische Bestsellerautor John Grisham erzählt in diesem Roman die Geschichte einer Familientragödie. Der Protagonist ist Besitzer einer Baumwollplantage in Mississippi. Er ist Kriegsveteran und war lange Zeit verschollen. Er ist Vater von zwei Kindern und lebt von seiner Frau getrennt. Sie ist durch ihn in eine Nervenklinik eingewiesen worden.
Das ist viel Stoff für einen Roman und leider vertieft sich Grisham sehr in den Charakter seines Protagonisten, ohne zu viel preiszugeben. Es ist in einigen Teilen des Romans schwierig Bannings Charakter zu folgen. Die Motive sind verständlich, aber schwer zu begreifen. Der Schluss ist unerwartet und stimmt nachdenklich. Es stellt sich die Frage: Was wäre, wenn?

Text: Jutta Engelmayer
John Grisham – Das Bekenntnis, HC, 24€
Heyne, 978-3-453-27213-2

Joe Fischler – Der Tote im Schnitzelparadies

Inspektor Arno Bussi sieht gut aus und ist liebenswert. Bussi, Bussi wird er oft geärgert, deshalb wird er lieber bei seinem Vornamen genannt. Die Frauen finden schnell gefallen an dem attraktiven Mann. Seine dunklen Haare und Augen hat er unbekannten italienischen Genen zu verdanken. Auch Arno Bussi liebt die Frauen, leider oft unglücklich. Eine kurze Affäre mit der Frau des Innenministers hat für Bussi extreme Konsequenzen. Er wird für einen Vermisstenfall ins hinterste Tiroler Tal versetzt. Aus der Traum von Wien aus die Welt zu erobern wird nichts. Ade Paris, ade London. So fährt er mit seiner 300er Vespa von Wien nach Tirol. Er betrachtet die 600km lange Strecke als Krisenbewältigung. In Hinterkitzlingen wird er schon erwartet. Ein Kollege übergibt ihm den Schlüssel zu seiner neuen Wirkstätte. Ein baufälliges Haus, das die Beste Zeit hinter sich hat. Es ist Polizeiwache und Wohnung in einem. Nach der Schlüsselübergabe setzt der Kollege sich schnell wieder ab. Arno Bussi ist kilometerweit der einzige Polizist.
Am nächsten Morgen erwacht er gerädert und kaffeedurstig. Draußen ist ein Unwetter aufgezogen und es regnet in Strömen. Bussi hört ein hämmern an der Tür und eine kreischende Frauen Stimme die nach ihm schreit. Die Frau, die er nach dem Öffnen der Tür sieht, ist einem Alptraum entstiegen. Eine Blondine, mit Lockenwicklern auf dem Kopf, bekleidet mit Bademantel und Flip-Flops, steht vor ihm und fordert ihn auf mitzukommen. Die Frau heißt Resi Schupfgruber und ist die Wirtin des Schnitzelparadieses. Nach einer holländischen Kochshow ist sie berühmt geworden, vor allem in den Niederlanden. Ihre Wienerschnitzel sind gewaltig und mit dem selbstgemachten Kartoffelsalat sensationell lecker. Der Grund für Resis hysterisches Verhalten findet sich in einer ihrer Gefriertruhen. Tiefgefroren und in einer Plastiktüte verpackt, findet sich der Kopf des von Inspektor Bussi gesuchten Vermissten. Es handelt sich um den Hotelier und Bürgermeister von Vorderkitzlingen. Während Arno Bussi sich auf die Suche nach dem Mörder begibt, wird das Unwetter immer stärker. Das Tal ist durch Erdrutsche von der Umwelt abgeschnitten. Gut, dass Resi eine attraktive Tochter hat, zu der sich Arno schnell hingezogen fühlt. Dann geschieht ein zweiter Mord und Resi Schupfgruber wird entführt. Für den Inspektor beginnen dramatische Ermittlungen, denn die Bewohner des Tals haben große Geheimnisse.

Joe Fischler lebt in der Nähe von Innsbruck. Der Österreicher machte sich 2007 als Autor und Blogger selbstständig. 2015 startete er eine Krimireihe um Valerie „Veilchen“ Mauser.
„Der Tote im Schnitzelparadies“ ist der erste Band mit Inspektor Arno Bussi. Fischler gelingt es, seinen Protagonisten im ersten Band großartig einzuführen. Gutaussehend, charmant und tough genug, um Morde aufzuklären. Dieser neue Ermittler erscheint vielversprechend.

Text: Jutta Engelmayer
Joe Fischler – Der Tote im Schnitzelparadies, TB, 10€
Kiwi, 978-3-462-05151-3

Heinrich Breloer -Brecht

Wer kennt die Theaterstücke von Bertholt Brecht nicht aus der Schule? Sie waren Bestandteil des Deutschunterrichts: „Der kaukasische Kreidekreis“ oder „Das Leben des Galilei“. Über das Leben des wirkmächtigen Autors Bertholt Brecht ist allerdings wenig bekannt. Diese Lücke hat jetzt der Autor Heinrich Breloer gefüllt. Parallel zum zweiteiligen Film auf Arte, erschien das reich bebilderte Buch. Breloer ist kein Unbekannter. Er gilt als Vertreter des Doku-Dramas, einer Mischung aus Spielfilm und Originalszenen. Zu den bekanntesten Produktionen gehört die „Staatskanzlei“, ein Doku-Drama zur Barschel Affäre und „Die Manns – ein Jahrhundertroman“. Jetzt der literarische Gigant Berthold Brecht.
Buch und Film zeigen die Jugendjahre von Brecht (dargestellt von Tom Schilling), im beschaulichen Augsburg. Brecht, aufgewachsen in einem sicheren, kleinbürgerlichen Milieu, entwickelte sich schnell zu einem literarischen Talent und belesenem Schüler. Die Teilnahme am ersten Weltkrieg blieb ihm erspart. Trotz erster patriotischer Artikel wandte er sich bald von der Produktion von Texten für die Lokalzeitung ab. Wichtig war ihm sein Augsburger Freundeskreis, der teils ein Leben lang hielt.
Ein Leben lang – und hier setzt Breloer an – hielt auch Brechts Hang zuzahllosen Liebschaften und Frauengeschichten an. Er war teils fürsorglich, teils rücksichtslos und berechnet. Seine Jugendliebe wurde früh schwanger und Brecht wurde Vater eines Sohnes.
Dieser Hang zeigt sich besonders im zweiten Teil der Nachkriegskarriere Brechts in der DDR. Brecht (hier dargestellt vom brillanten Burkhard Klaussner), hat ein gespaltenes Verhältnis zu den Machthabern im Ostdeutschen Staat. Trotzdem gelingt es ihm, mit dem Berliner Ensemble sein eigens Theater zu bekommen. Wieder sind es Frauen wie Helene Weigel, die ihm seine weitere Karriere und seinen Weltruhm ermöglichen.
Breloer ist ein fesselndes, ungewohntes und überraschendes Portrait gelungen, das lange nachhallt. Zahlreiche Bilder aus der Filmproduktion lockern den Text auf und erhöhen das Lesevergnügen. Fazit: Das Buch animiert Brecht neu zu entdecken, den Film zu sehen und einige seiner Theaterstücke anzuschauen.
Die Zentrierung Breloers auf bestimmte Zeitabschnitte, hat das Erleben Brechts deutlich verdichtet und intensiviert. Daher erscheint ein Weglassen der Emigrationszeit folgerichtig.

Text: Ulf Engelmayer
Heinrich Breloer – Brecht, HC, 26€
Kiwi, 978-3-462-05198-8