Jodi Taylor – Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv

Manchmal bestimmen kleine Momente das Schicksal. So passierte es Madeline „Max“ Maxwell in der Schule. Sie war als Schülerin auffällig und hatte mehrere Verweise. Ihr Verbleib in der Ausbildungsstätte stand auf der Kippe. Sie war misstrauisch und argwöhnisch. Eine letzte Chance bot ihr die Direktorin Mrs. De Winter, die Max Fähigkeiten erkannte. Sie wusste, dass die Schülerin durch häusliche Umstände beeinträchtigt wurde. Max war intelligent und zeigte nur wenig Angst. Die Direktorin forderte von ihr eine Aufgabe. Sie sollte sich mit dem alten Ägypten beschäftigen und eine Arbeit schreiben. Dies war der Anfang einer neuen Leidenschaft. Max studierte Archäologie. Anschließend suchte sie nach abenteuerlichen Aufgaben, als nur im Museum Artefakte zu sortieren. Sie reiste und sammelte Erfahrungen. Max erlangte an der Thirsk Universität ihren Doktorgrad.
Eines Tages erhielt Max eine E-Mail von ihrer alten Direktorin. Sie forderte Max auf, sich am St. Mary`s-Institut für historische Forschung, zu bewerben. Interessiert beschaffte sich Max einen Vorstellungstermin und ihr Leben änderte sich radikal. Am Institut arbeiteten bemerkenswerte Menschen. Jeder war auf seinem Bereich eine Kapazität. Trotzdem wurden neue Kräfte gesucht. Max erkannte warum. Sie lernte ihre Mitbewerber kennen. Die Schulung bestand aus Theorie, Praxis und körperlichen Herausforderungen, die Max alles abverlangten. Die harte Ausbildung hatte einen atemberaubenden Grund. Das Institut besaß Zeitreisemaschinen. Was Max lernte, war auf einer Reise lebensnotwendig. Ihre Ausbilder waren Techniker, Ärzte und Sicherheitspersonal. Die Auszubildenden wurden zu Zweierteams zusammengesetzt und waren im Notfall aufeinander angewiesen. Max war fasziniert von ihrer neuen Aufgabe. Sie begriff schnell, dass der neue Job lebensgefährlich war. Wissenschaftler, die aus der Vergangenheit zurückkamen, waren zum Teil verletzt. Todesfälle kamen vor. Die Teams bekamen immer Aufgaben. Sie beobachteten und dokumentierten Vorgänge für ein besseres Verständnis der Geschichte. Beeinflussung der Vergangenheit war verboten.
Max fühlte sich fit und bestand erste Kurzreisen. Sie wartete gespannt auf ihren großen Einsatz. Sie reiste ins Mittelalter, in den 1. Weltkrieg und bekam eines Tages den Auftrag mit ihrem Partner in die Kreidezeit zu reisen. So weit zurück war bislang kein Wissenschaftler gereist, in die Welt vor siebenundsechzig Millionen Jahren.
Jodi Taylor war Verwaltungschefin der Bibliotheken von North Yorkshire County. Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv ist ihr erstes Buch, dass sie als E-Book selbst veröffentlichte. Das Buch wurde ein voller Erfolg und ein Verlag bot ihr ein unwiderstehliches Angebot an.
Die Protagonistin Max macht nichts halbherzig. Sie begibt sich ständig in Gefahr. Sie ist wissbegierig und mutig. Eigenschaften, die sie oft in Schwierigkeiten bringen. Gehorsam ist nicht ihre Stärke. Was Max auf ihren Reisen erlebt, erzählt die Autorin bildhaft und erweckt eine längst untergegangene Welt zum Leben. Abenteuer, Intrigen und Liebe bestimmen die Handlung. Dabei erzeugt Jodi Taylor eine Spannung bis zur Atemlosigkeit. Ein faszinierendes Erstlingswerk mit dem Potential für Fortsetzungen. Der englische Buchtitel verspricht es bereits: „Just one Damned Thing after Another. The Chronicals of St. Mary`s Book 1″

Text: Jutta Engelmayer
Jodi Taylor – Miss Maxwells kurioses Zeitarchiv, TB, 9,99€
blanvalet, 978-3-7341-6208-4

Elly Griffiths – Grabesgrund

Barry West bearbeitet ein unebenes Gelände voller Krater und Furchen mit seinem Bagger. Die Sonne scheint heiß vom Himmel und die Arbeit ist schwer. Ein Baugelände soll auf diesem geschichtsträchtigen Boden vorbereitet werden. Plötzlich kratzt die Baggerschaufel über Metall. Barry sieht etwas aus dem Boden aufragen. Etwas Großes schaut aus der aufgewühlten Erde. Barry holt eine Schaufel und gräbt vorsichtig per Hand weiter. Er entdeckt eine Scheibe. Als er das Glas reinigt schaut er in das Gesicht eines Menschen. DCI Nelson wird informiert. Er bittet Dr. Ruth Galloway um Unterstützung. Ruth ist neben ihrer Tätigkeit als Universitätsdozentin zusätzlich der Abteilung für Schwerverbrechen der North Norfolk Polizei als forensische Archäologin zugeteilt. Die amerikanische Maschine stammt aus dem zweiten Weltkrieg und scheint abgestürzt zu sein. Ruth untersucht den Toten im Flugzeugwrack. Dabei stellt sie fest, dass der Tote ermordet wurde und nicht in diesem Flugzeug gestorben sein kann. Die Baustelle wird zum Unmut des Bauunternehmers für weitere Untersuchungen gesperrt. DNA Untersuchungen des Toten identifizieren ihn als Fred Blackstock. Er entstammt einer Familie die ganz in der Nähe einen Landsitz bewohnt. Fred ist der ältere Bruder des noch lebenden Besitzers. Die Polizei nimmt Kontakt mit den Blackstocks auf. Die Familie dachte, Fred ist über dem Meer abgeschossen und getötet worden. Wie kam er in die gefundene Maschine?
Das Gelände des Herrenhauses wird im Auftrag der Polizei von Ruth Galloway untersucht. Als ein Mitglied der Familie überfallen wird, scheint der Fall aus der Vergangenheit in der Gegenwart angekommen zu sein. Die Blackstocks hüten ein altes Geheimnis. Wieder einmal arbeiten DCI Harry Nelson und Ruth Galloway zusammen.

Die britische Autorin Elly Griffiths stellt mit „Grabesgrund“ den 7. Fall mit der Archäologin Ruth Galloway und DCI Harry Nelson vor. Wieder einmal schafft es die Autorin Geschichte und Gegenwart miteinander zu verknüpfen und ihre Akteure unter Einsatz ihres Lebens agieren zu lassen. Trotzdem ist wilde Action hier nicht an der Tagesordnung. Die Handlung fließt wie ein ruhiger Fluss ohne Langeweile zu erzeugen. Dabei werden die Beziehungen der Protagonisten seid dem ersten Fall kontinuierlich, aber behutsam weiterentwickelt. Der Fan kann sich auf Fortsetzungen freuen.

Text: Jutta Engelmayer
Elly Griffiths – Grabesgrund, TB, 12€
rororo, 978-3-499-21852-1

Kristin Höller – Schöner als überall

Wer kennt das nicht: Der Blick auf die dörfliche Idylle, wo alles geordnet und sortiert ist und seinen monotonen Gang geht. Wo jeder den Nachbarn kennt und die Gärten ordentlich sind. In diese alte Heimat geraten Martin, Geografie Student in München und sein alter Kumpel Noah, Egomane und Jungschauspieler. Sie sind dabei die Folgen einer durchzechten Münchner Nacht in einem Kies See zu beseitigen. Nein, es handelt sich um keine Leiche. Kristin Höllers Debütroman „Schöner als überall“, beschäftigt sich mit den banalen Dingen des Alltags. Dem entrinnen wollen der ewiggleichen Tristesse der Provinz. Dem Gefühl, da muss doch noch etwas anderes sein. Aus dem Kurztrip in die Vergangenheit, wird ein längerer Aufenthalt. Martin trifft seine große Liebe Mugo wieder, die mit großen Illusionen den Weg in die Metropole Wien gesucht hat, dort aber gescheitert ist. Kristin Höller gelingt es, eine „Coming of Age“ Geschichte aufzulegen, die den Nerv des Lesers trifft. Verzweiflung, aber auch Hoffnung auf Gemeinsamkeit wechseln sich in diesem Roman ab. Alle Personen scheinen in ihren Zwängen gefangen zu sein. Dennoch wird für Martin die Reise in seine Heimat, eine Reise in eine neue Zukunft.
Höller weiß, wie Provinz aussieht. Das Buch, oft zwischen Melancholie und bissigem Humor schwankend, zeichnet ein sehr anrührendes Bild des Alltagslebens. Es zeigt sehr scharf die Deformation der Menschen und Fassaden, die aufrechterhalten werden, um den Schein zu wahren. Alles inmitten der bürgerlichen Siedlungsödnis. Dem gegenüber steht die Wut der Unangepassten, die Angst haben diesen Verhältnissen nicht entrinnen zu können.
„Schöner als überall“ ist ein gelungener Debütroman.

Text: Ulf Engelmayer
Kristin Höller – Schöner als überall, HC, 18€
Suhrkamp, 978-3-518-46995-8

Inge Löhnig – Unbarmherzig

Gina Angelucci arbeitet in der Abteilung für ungelöste Fälle in München. Ihr Ehemann Konstantin „Tino“ Dühnfort, zurzeit Kommissar in Elternzeit, betreut die kleine Tochter Chiara. Auf die Polizistin wartet ein neuer, alter Fall.
In Altbruck, einem idyllischen Dorf in der Nähe von München wurden von einer Radfahrerin Knochenfragmente auf einem Abladeplatz für ausgehobene Erde von Baustellen gefunden. Untersuchungen ergeben, dass es sich um die Knochen von einer Frau und einem Mann handelt. Die Fragmente sind zwischen 70 – 80 Jahre alt. Damit ist der Fund auf die Zeit Ende des 2. Weltkriegs datiert und Ginas Vorgesetzter sieht keinen Grund für weitere Ermittlungen. Gina findet Verbindungen zu einer Munitionsfabrik in Altbruck. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier Zwangsarbeiter beschäftigt. Gina will weiter ermitteln. Sie stößt auf eine alte Familienfehde, die bis in die Gegenwart reicht. Die Bewohner des Dorfes verbergen Geheimnisse und behindern damit die Ermittlungen.

Inge Löhnig machte ihr Hobby schreiben zu ihrem Beruf. Inzwischen ist sie erfolgreiche Autorin von Kriminalromanen. „Unbarmherzig“ ist der zweite Fall von Gina Angelucci. Die Autorin trennte das Team Dühnfort-Angelucci als gemeinsam ermittelnde Kommissare. Gina Angelucci hat nach der Geburt der gemeinsamen Tochter, ihren Beruf in einer anderen Abteilung für Cold Chases aufgenommen. Hinter den ungelösten Fällen stecken menschliche Schicksale und Gina ist es wichtig diesen Toten eine Identität zu geben. Die Story erfordert immer wieder Zeitsprünge in die Zeit des Nationalsozialismus und ist eng verknüpft mit der Geschichte zweier Familien, die immer noch im Dorf Altbruck leben. Die Charaktere sind schlüssig und die Vergangenheit ist gut recherchiert. Die Schauplätze sind gut vorstellbar und unterstützen die Atmosphäre. Der Spannungsbogen wird immer wieder unterbrochen und die Spuren in andere Richtungen gelenkt. Das Privatleben der ermittelnden Kommissarin ist etwas zu ausführlich beschrieben. Die parallel verlaufende Story der Stalkerin, die Ginas Familie bedroht, erscheint für die gesamte Handlung überflüssig. Ansonsten ist der Krimi unterhaltend und spannend erzählt.

Text: Jutta Engelmayer
Inge Löhnig – Unbarmherzig, TB, 12,99€
Ullstein, 978-3-548-29097-3

Heinz Bude – Solidarität

„Die Zukunft einer großen Idee“, so der Untertitel des neuen Buchs von Heinz Bude. In seinem neuen Assay nimmt der Autor den Begriff „Solidarität“ unter die Lupe. Ein Wort, das in Zeiten der Selbstoptimierung, der Ich-AG`s, der tiefen sozialen Spaltung der Gesellschaft, einem massiven Bedeutungsverlust unterliegt. „Das Wir der Nachkriegssolidarität nach 1945 scheint sich genauso aufgebraucht zu haben, wie das Wir der Aufbruchssolidarität“, so der nüchterne Befund des Kassler Soziologen. Dem Autor gelingt in seinem Buch ein intelligentes ausleuchten dieses Begriffs entlang der Nachkriegsgeschichte. Nach dem Zusammenbruch galt die Losung: „Allen soll es bessergehen“. Schon mit Blick und als Alternative zu den sozialistischen Ländern. Dies führte zu bemerkenswerten Zwangskoalitionen. Als ein Beispiel ist das Stuttgarter Verhandlungspaar Bleicher / Schleyer zu nennen. Willi Bleicher war 1959 bis 1972 Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, und als Kommunist und Gewerkschafter, acht Jahre im Konzentrationslager Buchenwald.
Hans-Martin Schleyer, der von der RAF ermordete Arbeitgeberpräsident, war im NS-Staat Parteimitglied und brachte es bis zum SS-Untersturmführer. Trotzdem waren beide gezwungen miteinander auszukommen und Kompromisse zu schließen, die der Bundesrepublik lange Zeit einen sozialen Frieden garantierte.
Bude gelingt es mit der Analyse von Clanstrukturen, sozialem Leben im Dorf und in der Stadt, den Blick für den Begriff „Solidarität“ zu schärfen und neu auszurichten. Dazu gehört die gesellschaftliche Verständigung auf gemeinsame Dinge, die wir teilen.
Ein wichtiges Buch, dass eine neue Sicht auf den etwas verstaubten Begriff „Solidarität“ ermöglicht.

Text: Ulf Engelmayer
Heinz Bude – Solidarität, HC, 19€
Hanser, 978-3-446-26184-6

Shaun Usher – Speeches of Note

Ein Buch in dem nur Reden abgedruckt sind, braucht man das? „Reden, die die Welt veränderten – Speeches of Note“, so dieser Prachtband von Shaun Usher. Nein – trotz Großformat (20-30cm) ist dies kein klassisches Coffee Table Book. Ja – dieses Buch ist spannend zu lesen, hier findet man Überraschendes. Nicht nur Reden von Prominenten bzw. Personen der Zeitgeschichte. Unter den 75 Protagonisten finden sich zu Tode verurteilte, Dragqueens und Kermit der Frosch anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der New Yorker Long Island University. Politische Intellektuelle kommen ebenso zu Wort wie Intellektuelle, Schriftsteller und Wissenschaftler. Selbst nicht gehaltene Reden sind dokumentiert. In einer Rundfunkrede des renommierten Autors und Englischprofessors William Lyon Phelps heißt es über Bücherfreunde: „Wir können die wahrhaft exklusive Gesellschaft der Welt genießen, wann immer wir wollen.“ In Speeches of Note sind wir dabei, wenn Sokrates seine letzte Rede hält, bevor er zum Schierlingsbecher greift. Speeches of Note ist ein auch optisch opulentes Buch, das sehr nachhaltig wirkt und definitiv zum Nachlesen und Nachblättern inspiriert. Eine der längsten Reden stammt von Nick Cave über „Das geheime Leben des Liebeslieds“.
Dieses Buch mit hohem Erkenntnisgewinn gehört in jede gute Bibliothek!

Text: Ulf Engelmayer
Shaun Usher – Speeches of Note, HC Halbleinen, 35€
Heyne Hardcore, 978-3-453-27139-5

Christof Weigold – Der blutrote Teppich

Hardy Engel ist ein ehemaliger Polizist aus Deutschland, der in die USA ausgewandert ist. Er verdingte sich in Hollywood wenig erfolgreich als Schauspieler. Schließlich machte er sich mit einem Detektivbüro selbstständig. Seine Kenntnisse über die Filmindustrie stellten sich als nützlich heraus. Über Stars und Filmstudios bekommt er Aufträge. Diesmal ist der berühmte Regisseur William Desmond Taylor sein Auftraggeber. Hardy hatte unter seiner Regie als Schauspieler gearbeitet. Der Film war ein Flop. Taylor braucht Hardy Engel als Privatdetektiv. Er verspricht ihm ein großzügiges Honorar und die Aussicht ihn wieder als Schauspieler zu besetzen. Dafür soll Hardy das Haus von Mabel Normand überwachen. Die Schauspielerin war Partnerin von Charles Chaplin und den in einen Skandal verwickelten Komiker Fatty Arbuckle. Sie war in Hollywood für ihren Konsum von Alkohol, Männern und Drogen bekannt. Hardy soll das Haus der Schauspielerin nur beobachten. Kurz vor dem Auftrag hatte sich Mabel Normand mit Taylor in seinem Haus getroffen. Engel nahm den Auftrag an und verbrachte die Nacht vor dem Haus des Filmstars. Er sollte gleich am nächsten Morgen dem Regisseur Bericht erstatten und sein Honorar erhalten. Als Hardy Engel nach einer langen, kalten Nacht das Haus von William Desmond Taylor betritt, findet er den Regisseur tot in seinem Arbeitszimmer. Der Detektiv wird bei der Untersuchung der Leiche vom Butler des Toten vorgefunden und von ihm als Täter verdächtigt und eingesperrt. Hardy Engel wird von Polizei und dem Staatsanwalt verhört und unter Vorlagen wieder frei gelassen. Der Detektiv beginnt zu ermitteln. Taylor hat eine kriminelle Vergangenheit. Seine Recherchen führen ihn in die Kreise der Filmstudios, die alles tun würden, um einen Skandal zu vertuschen. Zu viele große Stars stehen im Zusammenhang mit dem ermordeten Regisseur. Hardy Engel befindet sich in einem Wespennest von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes der Studios und einem korrupten Polizeiapparat.
Christof Weigold schrieb Theaterstücke, war freier Autor der Harald Schmidt Show und arbeitet als freier Drehbuchautor für Film und Fernsehen. „Der blutrote Teppich“ ist der 2. Fall von Privatdetektiv Hardy Engel. Die Kriminalfälle sind echt. Skandale und Mordfälle aus Hollywood sind der Hintergrund. Der Autor nutzt die realen Fälle, um seinen Protagonisten in die skurrile und gefährliche Welt der korrupten Filmindustrie der frühen 20er Jahre zu schicken.  Dabei muss der Detektiv an Leib und Seele vieles einstecken. Stories für einen Film Noir. Hardy Engel ist ein würdiger Nachfolger von Chandlers Philip Marlowe. Wer die Bücher Hollywood Babylon von Kenneth Anger kennt, weiß das noch viele ungelöste Fälle auf Hardy Engel warten.

Text: Jutta Engelmayer
Christof Weigold – Der blutrote Teppich, PB, 16€
Kiwi, 978-3-462-05141-4

Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise

Zeitgenössische tschechische Schriftsteller sind trotz der geografischen Nähe zu Deutschland oft nur den eingefleischten Literaturkennern bekannt. Das sollte sich dringend ändern. Ein guter Einstieg dazu ist Jaroslav Rudiš Roman „Winterbergs letzte Reise“. Eine Reise in Regionen, die oft dem westdeutschen, westeuropäischen Blick verschlossen bleiben, ist das Kernthema des Buches. Winterberg, schwerkrank, macht sich mit seinem Pfleger Jan Kraus auf eine lange Zugreise in seine Vergangenheit. Von Berlin aus reisen beide tief ins Böhmerland, über Bratislava und Budapest nach Laibach. Auch Winterbergs Pfleger Jan Kraus hat osteuropäische Wurzeln. Wie Winterberg, holt ihn auf der Fahrt seine Vergangenheit ein. Der Leser steigt in diesem genialen Roman tief in die bewegte Geschichte Mittel- und Osteuropas ein. Viele Erinnerungen und Schnittpunkte, die in den Jahren des Eisernen Vorhangs verloren gegangen sind, tauchen wieder auf. „Prag schauen wir uns in Wien an“, spricht Winterberg. Überhaupt sprechen: auf seiner „Überfahrt“ genannten Reise, hält Winterberg endlose Monologe. Er zitiert aus alten Reiseführern und erzählt seine äußerst originelle Familiengeschichte. Dies wirkt nicht aufdringlich – natürlich hat dazu der Pfleger Jan Kraus eine andere Meinung. Der Leser wird dadurch tiefer und bildlicher in die Geschichte hineingezogen.
Wer dieses Buch liebt, wird der Verlockung nicht wiederstehen können, einige Städte selbst aufzusuchen und Winterbergs letzte Reise im Zug lesen.

Text: Ulf Engelmayer
Jaroslav Rudiš – Winterbergs letzte Reise, geb, 24€
Luchterhand, 978-3-630-87595-8

Frank Goosen – Kein Wunder

Berlin im Jahr 1989. Endzeit in der DDR, alles scheint möglich. Auch für Fränge, Anfang zwanzig und ein Kind des Ruhrpotts. Wie viele Jugendliche in den 80er Jahren, pendelt er zwischen den Welten. Zum einen im beschaulichen Bochum und der dortigen Sub- und Ruhrgebietskultur, die beginnt ihre Unschuld zu verlieren, zum anderen in der Boomtown des Undergrounds Berlin. Hat man erst die demütigende Transitstrecke überwunden, beginnt das Gefühl unbegrenzter Freiheit. Gemeinsam mit seinen Kumpels Förster und Brocki, erkunden die drei Gefährten die westliche Metropole, genauso wie die Dissidentenszene im Osten Berlins. Dabei spielt der ostdeutsche Campingkocher „Juwel“ eine gewichtige Rolle. Zur Kultur gehört der richtige Stil, die richtige Haltung, die richtigen Filme und die Musik. Turbulent wird es, als Fränge eine Menage à Trois beginnt. Eine Freundin im Osten, eine im Westen. Dazwischen als Ruhepol und analytischer Kopf Förster, Sohn eines Akademikers und einer schönen Mutter mit dem damals üblichen Frankreichfimmel.
Ein wunderbares, witziges und wahres Buch aus dem Frank Goosen Kosmos. Es gelingt ihm brillant, den Esprit dieser Zeit einzufangen. Diese Zeit in der alles möglich war und die Zukunft eine grandiose Vision.

Text: Ulf Engelmayer
Frank Goosen – Kein Wunder, geb, 20€
Kiwi, 978-3-462-05254-1

Nicole Drawer – Plötzlich Inselpolizist

Frank Bartels ist Polizist in Hamburg. Er ist engagiert, mag seinen Job und ist dabei auch noch erfolgreich. Seine Vorgesetzten halten ihn für überambitioniert. Auch wenn er seine Fälle löst, ist das Aufräumen hinterher für seinen Chef zu teuer. Trotz hoher Festnahmequoten wird er nach Neuendiek versetzt. Der aktuelle Beamte auf der Urlaubsinsel begibt sich in kürze in den Ruhestand. Bartels hat eine Woche Zeit seine Angelegenheiten zu regeln. Als er auf die Insel kommt wird er sofort umgarnt und ihm wird ein Ferienhaus als Wohnung angeboten. Er lehnt ab und quartiert sich im Hotel ein. Die Zustände auf der Insel sind für den Hamburger eine Katastrophe. Die Reinigungskraft mischt sich in polizeiliche Tätigkeiten ein, das Dienstfahrzeug ist 30 km/h schnell und sein Vorgänger beäugt ihn misstrauisch.
Eine Leiche wird am Strand gefunden. Bartels kann keine Unterstützung aus Hamburg anfordern. Ein Sturm hat die Insel vom Festland abgeschnitten. Dann wird eine weitere Leiche entdeckt. Der Täter muss sich auf Neuenwiek aufhalten. Die Ermittlungen gestalten sich als schwierig. Die Inselbewohner halten zusammen und Bartels ist ein Außenstehender. Nur die Tierärztin Wiltrud und die kleine Hundedame Ricky sind für Frank Bartels ein Lichtblick.
Nicole Drawer war Kriminaloberkommissarin beim LKH in Hamburg. „Plötzlich Inselpolizist“ ist der erste Fall für Frank Bartels. Der Kontrast zwischen der Metropole Hamburg und dem Leben auf einer Insel ist ein perfekter Hintergrund für den Einstieg dieses neuen Ermittlers. Freundeskreise und Dorfcharakter gegen die Anonymität und Schnelllebigkeit einer Großstadt. Es bleibt die Spannung, wie sich der Großstadtheld in der Idylle weiter entwickeln wird.

Text: Jutta Engelmayer
Nicole Drawer – Plötzlich Inselpolizist, TB, 16€
midnight Ullstein, 978-3-95819-260-7

1 2 3 12