Nicola Förg –Wütende Wölfe

Kommissarin Irmi Mangold hat sich ein Sabbatical gegönnt. Ihr letzter Fall ging ihr nah. Auch privat stehen Änderungen an. Irmi lebt zusammen mit ihrem Bruder auf dem von den Eltern übernommenen Bauernhof. Nach 50-jährigem Junggesellendasein hat er geheiratet. Irmi kommt sich wie ein fünftes Rad am Wagen vor. Ihr 60. Geburtstag fiel mit der Hochzeit zusammen. Ihr verheirateter Teilzeitliebhaber Jens ist extra angereist, aber es entwickelt sich eine Distanz zwischen ihnen. Alles Grund genug für eine Auszeit. Als waschechte Bayerin geht Irmi nicht auf Weltreise, dazu ist sie zu bodenständig. Sie hat sich für eine Projektalm entschieden. Zusammen mit einer zweiten Sennerin und einem Doktoranden der bayrischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflegesollen zwei Fragestellungen untersucht werden. Gibt es Qualitätsunterschiede der Milch bei Kühen mit oder ohne Hörner und wie kommen Kühe aus der Laufstallhaltung im Freigang auf einer Alm zurecht? Die Tätigkeiten einer Sennerin haben nichts mit Mord und Todschlag zu tun – denkt Irmi, doch es kommt anders.
Luise, die zweite Sennerin war in ihrem früheren Leben Landrätin. Die beiden Frauen verstehen sich von Anfang an gut. Luise hat eigene Tiere mit auf die Almgebracht, zwei Esel und zwei Maultiere. Verstärkt wird die Gruppe noch durch Irmis zwei Kater und einen zugelaufenen Spitz. Bereits in der ersten Nacht ist in den frühen Morgenstunden der Teufel los. Irgendetwas hat die Tiere in Panik versetzt. Ein Muli ist völlig verstört. Als es hell wird entdecken die Frauen Pfoten Abdrücke, die von einem großen Hund stammen könnten. Der Doktorrand Tobias sieht sich die Abdrücke genauer an. Er glaubt das die Spur auch von einem Wolf stammen könnte.
Endlich treffen die beiden Kuhherden auf der Alm ein und die eigentliche Arbeit kann beginnen. Die Frauen müssen die Herden überwachen, die Weiden prüfen, melken und Käse herstellen. Irmi hatte extra einen Kurs fürs Käsen belegt. Morgens um vier Uhr schlug plötzlich der Spitz an. Auch die Esel und Maultiere warenunruhig. Die Almbewohner eilten nach draußen und hörten ein Geräusch wie aus einem Film. Ein langgezogenes Heulen hallte durch die Berge. Am Waldrand glauben die Frauen die Silhouette eines Wolfs zu erkennen. Kurz darauf ist der Spuk vorbei.
In den folgenden Tagen überschlagen sich die Ereignisse. Wanderer kommen auf die Alm gelaufen und melden einen schweren Unfall. Eine Frau ist von einer der beiden Kuhherden überrannt worden und ist schwer verletzt. Als Irmi und Luise zum Unfallort kommen, entdecken sie einen Hund, der die Kühe jagt. Immer wieder passieren solche Unfälle. Touristen laufen über die Weiden, lassen Gatter offen und führen Hunde nicht and er Leine. Irmi befürchtet nachfolgende Untersuchungen. Steht vielleicht der Wolf im Zusammenhang mit dem Unfall?
Kurze Zeit später findet Irmi beim Gang über die Weiden einen Toten. Der Mann war in eine aufgestellte Wolfsfalle getreten. In seinem Gesicht steht das Entsetzen. Was hatte er gesehen? Irmi bleibt nichts anderes übrig, als mit ihren Kollegen Kontakt aufzunehmen. Das ganze Team, einschließlich der Spurensicherung, muss antreten. Die Ermittlungen laufen. Es wird ein Zusammenhang zwischen dem Toten und der Verletzten gefunden. Beide kannten sich. Ein neuer Fall und Irmi kann sich nicht heraushalten.
Nicola Förg ist Journalistin und erfolgreiche Autorin von Kriminalromanen. „Wütende Wölfe“ ist der 10. Band aus der Alpenkrimireihe mit der Kommissarin Irmgard Mangold.
Die Autorin ist im Tier- und Umweltschutz engagiert. Das merkt man den Handlungen in ihren Büchern an. Im aktuellen Band geht es um die Ökologie in den Alpen. Die moderne Viehhaltung passt im 21. Jahrhundert nicht mehr zu der traditionellen Weidehaltung auf einer Alm. Dies führt immer mehr zum Verfall der Almen. Damit sind nicht nur die Gebäude gemeint. Auch der Bewuchs ändert sich radikal. Der zweite Part im Roman befasst sich mit Wölfen. Von einigen romantisiert, von anderen als der Feind betrachtet, wird die Rückkehr dieses Wildtiers Deutschlandweit heiß diskutiert. Vor diesem Hintergrund hat die Autorin ihren Roman angesiedelt. Geschickt lässt Nicola Förg ihre wunderbar ausgearbeiteten Charaktere in dieser Kulisse agieren. Dabei lernt der Leser so einiges über Tiere und Menschen. Nicola Förgs Krimis sind immer wieder ein lehrreiches und unterhaltendes Vergnügen.
Alle 10 bislang erschienen Krimis gibt es auch als Hörbuch, gelesen von der Schauspielerin Michaela May. Dies ist mein persönlicher Einstieg in die Welt der Hörbücher. Ich wählte mir bewusst eins der Bücher aus, die ich sehr gern gelesen habe. Ein ganzes Buch vorgelesen zu bekommen, empfand ich als Herausforderung. Bereits nach kurzer Zeit war ich überzeugt. Das liegt sicher auch an der passenden Stimme von Michaela May. Die Schauspielerin spricht mit verschiedenen Dialekten und gibt den Hauptpersonen eine eigene Stimme. Die Kombination Nicola Förg (Wort)und Michaela May (Stimme) hat sich hier zu einer wunderbaren Symbiose gefunden.

Text: Jutta Engelmayer
Nicola Förg – Wütende Wölfe, Klappenbroschur, 16,00€
Pendo, 978-3-8661242002

Hörbuch: 5 CDs, 402 Minuten Laufzeit; 
ISBN 978-3-86952-414-6; Osterwoldaudio, Hörbuch Hamburg; 
gekürzte Lesung mit Michaela May

Rita Mae Brown – Die Maus zum Gärtner machen

Ein Sturm zieht über den Blue Ridge Mountains auf. Mary Minor Harristeen ist mit ihrem alten Pickup auf einer Landstraße unterwegs. Sie fährt an einem alten Friedhof vorbei. Dort wacht ein Racheengel über einem monumentalen Grabmal. Harry erschaudert, bereits als Kind fühlte sie sich hier unwohl. Harry will vordem Beginn des Sturms zu Hause sein. Mit an Bord sind ihre Corgihündin Tee Tucker und die Katzen Mrs. Murphy und Pewter. Plötzlich sieht Harry einen Wagen, der viel zu schnell auf der kurvenreichen Strecke unterwegs ist. Harry schafft es knapp auszuweichen. Das entgegenkommende Fahrzeuglandet im Graben. Harry springt aus ihrem Pickup und läuft zur Unfallstelle. Im Unfallfahrzeug erkennt sie Barbara Leader. Sie ist die Krankenpflegerin des ehemaligen Gouverneurs Samuel Holloway. Der alte Mann ist der Großvater von Harrys bester Freundin Susan Tucker. Harry öffnet die Autotür. Die Fahrerin ist tot. Harry benachrichtigt Deputy Cynthia Cooper, Nachbarin und Freundin von Harry. Als die Polizistin den Unfallort erreicht, bestätigt sie den Tod von Barbara Leader. Cynthia rät Harry so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Der Sturm droht schlimm zu werden. Harry hat sich schon immer in Todesfälle eingemischt und so manchen Mordaufgeklärt. Auch dieses Mal macht sie sich Gedanken. Barbara ist jünger als sie und wirkte nicht krank. Ein Herzinfarkt im Alter von Anfang vierzig wäre erschreckend. Harrys alte Spürnase sollte recht behalten. Barbaras Mann wünscht eine Obduktion. Es wird keine natürliche Todesursache bescheinigt. Wer wollte den Tod der Krankenpflegerin? Sie betreute den alten Gouverneur, der an Leukämie erkrankt war. Sam Holloway war dabei sein Leben aufschreiben zulassen.
Einige Tage nach dem Unfall wird der Gouverneur tot auf dem Friedhof gefunden. Er liegt vor dem Grabmal mit dem Racheengel. Hier liegt der im 18. Jahrhundertermordete Francisco Sellise. Ihm gehörte das Anwesen, auf dem heute der Gouverneur und seine Familie leben. Liegt die Wahrheit in der Vergangenheit begraben?
Rita Mae Brown erzählt im 24. Fall der Katzendetektivin Mrs. Murphy und ihren Freunden, dass manche Geschichten aus der Vergangenheit besser nicht ans Tageslicht geholt werden dürfen. Es gibt in der Gegenwart Menschen, deren Existenz durch die Wahrheit gefährdet ist. Sie versuchen alles, damit Geheimnisse nicht entdeckt werden. Aber sie haben nicht mit Harry und ihren tierischen Detektiven gerechnet.
Der aktuelle Krimi der amerikanischen Autorin gehört nicht zu ihren stärksten Büchern. Die Story der Gegenwart ist schleppend und wenig inspirierend. Die Erzählung in der Vergangenheit hat die glaubwürdigeren Charaktere und die spannendere Handlung.

Text: Jutta Engelmayer
Rita Mae Brown – Die Maus zum Gärtnermachen, HC, 19,99€
List, 978-3-471-35176-5�

Michel Houellebecq- Serotonin

Über kaum einen zeitgenössischen Autor gehen die Meinungen so auseinander wie über den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq. Das ist kein Wunder. Er ist hochprovokant, definitiv politisch unkorrekt und gilt als Frauenhasser. Ihm eher freundlich zugeneigte Zeitgenossen würden ihn zumindest als verschroben bezeichnen. Wer die spannungsgeladene Folge „Durch die Nacht mit Hoellebecq und dem katalanischen Opernregisseur Calixto Bieito gesehen hat, kann das nur bestätigen. Aber seine Bücher greifen aktuelle Befindlichkeiten auf und zeichnen oft ein sehr genaues Bild der französischen Gesellschaft.
Jetzt „Serotonin“, einen Roman über den 46jährigen Florent-Claude Labrouste.Der schwer Depressive wird mit einem Medikament namens „Captorix“ behandelt. Einebelastende Nebenwirkung ist der Verlust der Libido. Frustriert von seinen Beziehungen, beschließt er alle engen sozialen Brücken abzubrechen und in ein Hotelzimmer zu ziehen. Dort räsoniert er über sein Leben, verfällt in völlige Apathie und Selbstmitleid. Erst durch den Besuch bei seinem alten Studienfreund Aymeric, der in der Landwirtschaft zu überleben versucht, wird ihm klar, dass auch sein Beruf im Landwirtschaftsministerium wenig mit dem realen Leben zu tun hat.
Beim Lesen passiert es, dass Labrousts lamentieren, seine Frauenklischees und sein Endzeitgerede nerven. Das ändert sich in der zweiten Hälfte des Romans. Seine eindrücklichen Schilderungen über den wirtschaftlichen Absturz der Provinz und die innere Verfasstheit ihrer Bewohner, ist bedrückend intensiv und erklärt wahrscheinlich die aktuellen Entwicklungen in Frankreich. Damit gelingt dem Provokateur Houllebecq wieder ein pointiertes Sittenbild unserer Jetztzeit. Mit einer Ausschüttung des Glückshormons Serotonin ist beim Leser allerdings nicht zu rechnen.

Text: Ulf Engelmayer
Michel Houellebecq – Serotonin, HC, 24€
Dumont, 978-3-8321-8388-2

Kristen Roupenian – Cat Person

Kristen Roupenian ist die amerikanische Autorin der Stunde. Ihre 2017 im New Yorker veröffentlichte Kurzgeschichte „Cat Person“, traf den Nerv der jungen Generation und wurde im Netz über 2,5 Millionenmal geteilt. Jetzt ist in Deutschland im Blumenbar Verlag eine Sammlung von 12 Kurzgeschichtenerschienen.
Roupenian leuchtet ohne Tabus die Beziehungslagen zwischen den Geschlechtern, Freund und Freundin, der Mutter und der Tochter aus. Sind die Verhältnisse in den Zeiten der ständigen Erreichbarkeit, der sozialen Medien, einfacher und übersichtlicher geworden? Eher nicht. Erwartungshaltungen prägen das Bewusstsein, Beziehungen nehmen Warencharakter an und gewinnen eine nicht kontrollierte Eigendynamik. Wo das enden kann zeigt die Eingangsgeschichte „Böser Junge“. Ein junges Paarnimmt einen Freund, der sich von seiner schrecklichen Freundin getrennt hat, vorrübergehend in ihre kleine Wohnung auf. Der Verlust der Intimität des Paares birgt jedoch einige angenehme Überraschungen für die Beiden, bis die Dinge völlig aus dem Ruder laufen.
Die Kurzgeschichten zeigen, dass Kirsten Roupenian eine genaue Beobachterin ihrer Generation ist. Das ist nicht alles nett zu lesen. Die netten Typen habeneinen veritablen Schaden. Dies führt in den Geschichten oft nicht zu dem, was man einvernehmlichen Sex nennt, vom Spaß einmal völlig abgesehen. Nicht jede Kurzgeschichtezündet, vieles ist völlig humorfrei geschrieben. Dennoch ist „Cat Person“ eine der aufregendsten Bestandsaufnahmen menschlicher Beziehungszustände im 21.Jahrhundert, die Titelgeschichte eingeschlossen. Für gute Träume wird dieses Buch allerdings nicht sorgen.

Text: Ulf Engelmayer  
Kristen Roupenian – Cat Person, HC, 20€
Blumenbar Verlag, 978-3-351-05057-3

Linus Geschke – Tannenstein

Krimis sind, wenn sie gut geschrieben sind, immer Beschreibungen gesellschaftlicher Zu- und Missstände. Ist dies der Fall, erhält der Leser neben der Spannung, noch einen nicht unerheblichen Erkenntnisgewinn. Der Krimi „Tannenstein“ von Linus Geschke fällt in diese Kategorie. Der Auftakt ist knallhart und wirft viele Fragen auf. Ein Unbekannter, der „Wanderer“ genannt, lässt sich in Tannenstein nieder, einem abgelegenem Dorf 30km südlich von Dresden. Wochenlanglebt er neben den Einwohnern her. Er wird Teil des Dorfes, aber nicht der Gemeinschaft. Eines Abends betritt er den Dorfgasthof und erschießt alle Gäste, bis auf den Wirt. Das Verbrechen wird nie aufgeklärt. In den nächsten Monaten fallen ein Tankwart im Harz und eine Immobilienmaklerin im Allgäu dem Wanderer zum Opfer. Erst der Expolizist Alexander Born, dessen Geliebte ebenfalls durch den Wanderer umgebracht worden ist, beginnt mit neuen Nachforschungen. Aufgrund seiner guten Kontakte zur Russenmafia, gelingt es ihm auf die Spur des Wanderers zu kommen. Allerdings verlaufen die Dinge anders als geplant.
Linus Geschke ist mit „Tannenstein“ ein grandioser Thriller gelungen. Er führt den Leser in die Welt des organisierten Verbrechens. Hier gibt es kein Entrinnen. Brutal und gnadenlos, mit wenig Hoffnung auf ein gutes Ende. Gerade weil moralische Erwägungen nicht im Vordergrund stehen, entfaltet dieser Thriller so eine enorme Wirkung.

Text: Ulf Engelmayer  
Linus Geschke – Tannenstein, PB, 15,90,-€
dtv, 978-3-423-26218-73;\l