Naomi Alderman – Die Gabe

Es geschieht plötzlich und unerwartet. Mädchen entdecken zufällig, dass sie mit ihren Händen bei Berührungen Stromstöße abgeben können. Ein Mädchen wird von einem Mann in einem Einkaufszentrum belästigt. Als er damit nicht aufhört, berührt sie ihn und er liegt zuckend auf dem Boden. Weltweit entdecken immer mehr Mädchen diese Fähigkeit. „Die Gabe“ kann in ihrer Stärke trainiert werden. Damit sind die Frauen in der Lage leichteste Vibrationen bis hin zum tödlichen Stromstoß einzusetzen. Ältere Frauen haben diese Macht nicht, können aber von jungen Mädchen geschult werden. Die Frauen erkennen weltweit ihre Chancen diese Macht zu benutzen. Nicht immer für positive Änderungen. Die Machtverhältnisse und das Zusammenleben ändern sich drastisch. Jungen verkleiden sich aus Angst als Mädchen. Tarnen und täuschen ist an der Tagesordnung. Frauen vergewaltigen Männer. Gewalt und Rache sind überall spürbar. Es kommt weltweit zu politischen Umstrukturierungen. Frauen sind an der Macht und nutzen sie. Die britische Autorin Naomi Alderman zeigt in diesem fiktiven Zukunftsroman was Macht bewirken kann. Die Frauen sind nicht besser als die Männer. Sie setzten ihre Stärke ein, weil sie es können. Die Frage nach dem „Was wäre wenn?“, erscheint wie ein böses Märchen. Dennoch hat dieser dystopische Roman etwas Philosophisches. Die Erkenntnis wie negativ eingesetzte Macht wirkt, kann ein Anstoß zum Umdenken sein. Positiv eingesetzte Macht bedeutet Verantwortung zu tragen und kann für das Gemeinwohl bedeutend sein.
Text: Jutta Engelmayer
Naomi Alderman – Die Gabe, TB, 16,99€
Heyne, 978-3-453-31911-0

Antonin Varenne – Äquator

Es gibt sie noch, Autoren die große Abenteuerroman schreiben können. Antonin Varenne hat mit „Äquator“ so ein Meisterstück abgeliefert. Nebraskar im Jahr 1871. Der Held des Romans Pete Ferguson ist auf der Flucht. Als Deserteur im Bürgerkrieg und des Totschlags verdächtig, muss er seine Heimat verlassen. Eine Odyssee beginnt. Er schlägt sich als Büffeljäger durch, kommt mit Mexikanern und Indianern in Konflikt, ist auf der Suche nach dem gelobten Land, den Äquator. Dort hofft er sich von der Last seiner Vergangenheit befreien zu können. Es bleibt dabei nicht aus, dass er von einem Abenteuer ins Nächste gerät. In Guatemala wird er zum Unterstützer im Kampf gegen die dortigen Oligarchen und lernt dort die Indianerin Maria kennen und lieben. Die Reise führt die Beiden über französisch Guayana bis nach Brasilien. Doch irgendwann holt Pete Ferguson seine eigene Geschichte ein. Antonin Varenne hat mit dem Vorgängerbuch „Die sieben Leben des Arthur Bowman“ schon Standards gesetzt. Sein neustes Buch darf man getrost als Abenteuerliteratur bezeichnen. Originell die Idee, die nicht abgeschickten Briefe oder besser die Tagebuchaufzeichnungen des Protagonisten in den Handlungsstrang einzubauen. Was sich Anfangs noch relativ schlicht darstellt, entwickelt im Zuge des Plots wirklichen literarischen Charakter. Zudem ist die Atmosphäre des Buches ziemlich dicht und nah am Leser. Man spürt förmlich den Dreck, den Geruch, die Plagen denen Pete und Maria ausgesetzt sind. Varenne gelingt es mit diesem Roman große Fragen zu verhandeln. Die Frage nach der persönlichen Integrität, nach Wahrhaftigkeit und dem Blick auf die raue Natur, die vom Menschen angenommen und bewältigt werden will. Ein Buch, dass noch lange nachwirkt.
Text: Ulf Engelmayer
Antonin Varenne – Äquator, geb., 20€
C.Bertelsmann, 978-3-570-10340-1

Christof Weigold – Der Mann der nicht mitspielt

Der Autor entführt den Leser in das junge, aber bereits berühmt und berüchtigte Hollywood. Hardy Engel ist ein deutscher, erfolgloser Schauspieler, der wie viele Andere auf seine Change wartet. Vergeblich, deshalb eröffnet er in seiner schäbigen Mietwohnung ein Detektivbüro. In Deutschland war er vor dem ersten Weltkrieg Polizist, anschließend Soldat. Diese Kenntnisse will er in seinen neuen Beruf einbringen. Durch eine Empfehlung klopft eines Tages eine junge, schöne Frau an seine Bürotür. Hardy Engel erhält von ihr den Auftrag Virginia Rappe, ein Starlet mit fragwürdigem Ruf, zu suchen. Das Starlet ist als Partygirl stadtbekannt. Er findet sie in San Franzisko in einem Luxushotel. Dort feiert der berühmte Komiker „Fatty“ Roscoe Arbuckel eine frivole Party. Kurze Zeit später ist Virginia tot. Fatty wird verdächtigt die Schauspielerin mit einer Flasche vergewaltigt zu haben. Das Starlet starb an den Folgen der Verletzungen. Der berühmte Komiker wird in den folgenden Prozessen nicht verurteilt, ist aber beruflich ruiniert. Hardy Engel wird in den Sumpf der großen Studios hineingezogen und was er dort entdeckt ist ein riesiger Skandal. Christof Weigold verknüpft in seinem ersten Roman mit dem Ermittler Hardy Engel reale Mordfälle in Hollywood mit Fiktion. Wer die Bücher „Hollywood Babylon“ von Kenneth Anger kennt, der sich ausgiebig mit den Skandalen in der Filmmetropole befasst hat, darf sich noch auf einige Fälle freuen, die der deutsche Detektiv Hardy Engel zukünftig zu lösen hat. Dieser Auftakt Roman hat alles was einen guten Krimi ausmacht: einen glamourösen, skandalträchtigen Schauplatz und einen vielschichtigen Detektiv, der bei der Aufklärung seiner Fälle jede Menge einstecken muss.
Text: Jutta Engelmayer
Christof Weigold – Der Mann der nicht mitspielt, geb., 640 S., 22€
Kiepenheuer und Witsch, 978-3-462-05103-2

Markus Metz und Georg Seeßlen – Freiheit und Kontrolle

Vorab: Es hat seine Zeit gedauert, um mit diesem Buch fertig zu werden. Wie schon seinerzeit in dem gemeinsamen Textmonster „Blödmaschinen – Der Fabrikation der Stupidität“, verlangen die Autoren Metz und Seeßlen dem Leser einiges ab. Allerdings kommt ihr neues Traktat „Freiheit und Kontrolle – Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven“ ziemlich schnell zum Kern. Keine seitenlangen Erklärungen über das entsprechende wissenschaftlich, soziologische Verfahren, um sich den Begriffen zu nähern. Die Autoren nutzen die Möglichkeiten des Essays um sich das ewige Thema Freiheit und Kontrolle von allen Seiten einem kritischen Blick zu unterziehen. Über allem steht die große bürgerliche Metapher: Der Weg zur Freiheit führt über die Kontrolle. Nun hatte und hat der Begriff Freiheit zu allen Zeiten eine unterschiedliche Betrachtung und Gewichtung erfahren. In der Jetztzeit scheint sich die Gewichtung von der politischen mehr auf die individuelle Freiheit zu verlagern. Das heißt, der Staat erlaubt seinen Bürgerinnen und Bürgern nach ihrem Geschmack zu leben. Daraus kann nach Ansicht der Autoren die „Freiheit im Neoliberalismus sein, sich nicht benehmen zu müssen“, oder aber, als Troll alles uneingeschränkt äußern und in die Welt hinausposaunen zu dürfen, was einem unreflektiert durch den Kopf geht. Dem gegenüber steht eine neue Form der Kontrolle. Sie zeigt sich z.B. in der Statistik, einem Mittel, eine Gesellschaft zu beherrschen, ohne die subjektive Freiheit des Einzelnen anzutasten. Das heißt auch: Die Götter sind in Form von Mikroprozessoren und Algorithmen wiedergekehrt. „Freiheit und Kontrolle“ ist eine unglaubliche Fundgrube voller Ideen, Querverweisen und klugen Gedanken zum Thema. Ein Buch zum Suchen, Wiederfinden, neu lesen, neu denken und nachschlagen. Eigentlich zu schade für ein Paperback. Unabdingbar für jeden Homo Politicus, der auch einmal das Schwadronieren über einen Sachverhalt aushalten kann.

 

Text: Ulf Engelmayer
Markus Metz und Georg Seeßlen –  Freiheit und Kontrolle, TB, 461S., 20€
Suhrkamp, 978-3-518-12730-8

Timo Blunck – Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern

Wer erinnert sich noch an Timo Blunck? Richtig – das war der Bassist der Avantgarde Band „Palais Schaumburg“, die Anfang der 80er Jahre auch international Aufsehen erregte. Jetzt hat er mit „Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern“ einen autobiografischen Roman vorgelegt. Es geht, schlicht gesagt, auf den über 400 Seiten um „Sex, Drugs & Rock n` Roll“ und zwar genau in dieser Reihenfolge. Im Zwiegespräch mit seiner Therapeutin breitet der Ich-Erzähler sein Leben aus. Zwischen Beziehungsdramen, Sexkapaden, Bandleben und Werbeagentur. Da bleibt es nicht aus, dass viele Anekdoten rüberkommen. Kuriose Auftritte von Brigitte Nielsen im Tonstudio, die Haushaltsqualitäten von Depeche Mode, Dancecontest mit John Lurie im Studio 54, die Streitigkeiten in der eigenen Band hier „Villa Hammerschmidt“ genannt. Hauptthema ist das mitunter seltsame Paarungsverhalten der Boheme, hier unentwegt präsent durch das sexuelle Rumgeprotze des Autors und seine absolute Beziehungsunfähigkeit. Man kennt diese Typen ja noch aus der eigenen Jugendzeit. Gutaussehend, Womanizer, eloquent und Mitglied in einer Band. Nur wird die wenig variierte Schilderung des immer Gleichen, bei der Länge des Buches, relativ nervtötend. Auch wenn das Drogenwrack Blunck doch irgendwie die romantische Liebe sucht. Fazit: das Buch ist zu lang. Dennoch größtenteils, gerade wegen der Schonungslosigkeit die der Autor an den Tag legt, kurzweilig zu lesen. Es zeigt sich. Es gab eine Zeit da gehörte Pop, Drugs & Sex untrennbar zusammen. Originell – am Ende des Buches gibt es ein alternatives Inhaltsverzeichnis. Für die Rezipienten die gern linear lesen.

Text: Ulf Engelmayer
Timo Blunck – Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern, HC, 22€
Heyne Hard Core, 978-3-453-27137-1