Ildiko von Kürthy – Hilde – Mein neues Leben als Frauchen

Das zartrosa Buchcover mit einer in pudrigen Tönen gekleideten und geschminkten Autorin, neben einem hellen, flauschigen Hundemädchen, schmeichelt dem Auge. Das also ist Hilde – cremefarben, lockig, mit dunklen Augen, schwarzer Nase und Caramelohren. „Die hätte ich auch genommen“, wird manche potenzielle Leserin denken und schon ist das Buch an der Ladenkasse. Der Inhalt eine Tagebuchaufmachung. Datum, Monat und die Ereignisse aus dem neuen Leben als Frauchen. Dieses Buch bietet die große Bandbreite von Begebenheiten, wenn ein junger Hund ins Haus einzieht. Vom richtigen Futter über die verdaute Beseitigung des Selbigen, über Welpenschule, wohlmeinende Ratschläge von Passanten im Park, Beschimpfungen, Raufereien auf der Hundewiese bis zur Teilnahme an Seminaren. Über Hundehaltung und Erziehung versteht sich.
Hilde selbst ist eigentlich ein Mischling. Die Mutter ein Golden Retriever, der Vater ein Zwergpudel, was anatomisch gesehen eine künstliche Befruchtung notwendig machte. Ein aktuell moderner Lifestyle Hund, der viel Geld kostet. Das Thema Hund ist heutzutage vielschichtig. Lebte früher ein Hund auf dem Hof und ernährte sich von Fleisch und Resten aus der Küche, gibt es heute eine riesige Auswahl an Hundefutter. Dabei hört der mögliche Konsum aber nicht auf. Zubehör wie Kleidung, Halsband und Leine, Körbchen, Spielzeug und Ausbildung kann die Finanzierung der Hundehaltung ins unermessliche steigen lassen.
Aber Hilde verdient mit diesem Buch ihr Futter. Ildiko von Kürthy beschreibt das ganze Spektrum, dass einen Hundebesitzer erwartet. Das tut sie mit charmanten Humor, aber auch mit Selbstzweifeln das Richtige getan zu haben. Auf jeden Fall hat Hilde ihre Familie erobert. Könnte sie lesen würde sie sagen: Wau wow.

Jutta Engelmayer
Ildiko von Kürthy – Hilde – Mein neues Leben als Frauchen, HC, 19,95€
Wunderlich, 978-3-8052-0013-4

Berlinale Shots 2018

Manchmal werden Wünsche wahr: Deniz Yücel wieder frei. Mittwoch noch Autokorso und Buchvorstellung mit Herbert Grönemeyer, Anne Will und vielen Anderen, am Donnerstag auf der Berlinaleeröffnung klare Worte von Dieter Kosslick. Jetzt ist Deniz Yücel wieder in Deutschland. Dies kann nur der Anfang sein.

Berlinale 2018 Master Of Ceremony – Dieter Kosslick

Auf den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Berlin wird in diesem Jahr nicht nur von der ewigen Frage beherrscht, welche Stars auf dem roten Teppich zu sehen sein werden. Wichtiger scheint zu sein, wer sie dort begrüßen wird. Der Vertrag mit dem jetzigen Festivaldirektor Dieter Kosslick endet 2019, seine Nachfolge soll bis Mitte dieses Jahres feststehen. Neuen Diskussionsstoff gab es nach einer Erklärung von 79 deutschen Regisseuren Anfang diesen Jahres die darin eine programmatische  Erneuerung fordern.

Dieter Kosslick,seit Mai 2001 Direktor der Berlinale ist kein klassischer Vertreter des Filmbusiness. Ein studierter Kommunikationswissenschaftler, der als Referent des Hamburger Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose erste Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erzielte. Nach einer kurzen Stipvpisite als Kuturredakeur bei der Monatszeitschrift Konkret begann er eine Tätigkeit in der Filmförderung Hamburg und danach in Nordrheinwestfalen. Im Jahr 2000 wurde er vom Land Berlin gebeten, die Leitung der Internationalen Filmfestspiele von Berlin zu übernehmen.

In den langen Jahren seither hat Kosslick da Festival eindrücklich und nachhaltig geprägt. Zum einen auf der organisatorischen Seite. Klare Strukturen und Regel für die 4000 Journalisten, weg vom Chaos der Vorjahre zum Versuch allen Berichterstattern faire Bedingungen zu garantieren. Gut geglückt auch der Einstieg in die digitale Welt, sei es im Kino, sei es bei der Vorbereitung auf die Berlinale mittels der genialen Berlinale App. Das Programm wurde massiv ausgeweitet, zahlreiche neue Sektionen und Spielstätten geschaffen. Der deutsche Film rückte mehr in den Mittelpunkt, nicht nur im Wettbewerb sondern auch beim Nachwuchs mit der Sektion „Perspektive deutsches Kino“. Größtes Verdienst von Dieter Kosslick war die Schaffung des Berlinale Campus, einem Treffpunkt und Arbeitsplatzes für den jungen internationalen Filmnachwuchs. Das größte Pfund mit dem Kosslick wuchern kann ist jedoch sein unglaubliches Kommunikationstalent. Menschen und Themen zusammenbringen, Neugier an den Dingen und an den Menschen, dies gepaart mit einer klaren Sicht der Dinge. Da bleibt nicht aus, dass man auch einmal Menschen auf die Füße tritt. Der sehr spezielle Kosslicksche Humor hatte ebenfalls nicht nur Anhänger. Diese Spassbremser (O-Ton Kosslick) erreichten wahrscheinlich auch, das die Präsenz des Festivaldirektors auf der Eröffnungsveranstaltung deutlich reduziert wurde. Die Folge: nachdem es dort zudem nicht einmal mehr musikalische Zwischentöne gibt ist diese Veranstaltung zur völligen Belanglosigkeit verkommen.

Dennoch: als langjähriger Teilnehmer und Beobachter dieses Festivals bemerkt man  die langsame Erosion. Der Wettbewerb enthält oft mehr Fragezeichen als Begeisterung, das immer weiter ausufernde Programm mit Spielstätten in der ganzen Stadt macht eine Planung immer schwieriger, die Inhalte bestimmter Sektionen werden zum reinen Insiderprogramm. Aufreger Fehlanzeige, das Thema Popkultur und Film findet nicht mehr statt, von Genrefilmen ganz zu schweigen. Zudem stellt sich die Frage ob es wirklich sinnvoll ist wenn bestimmte Regisseure jedes Jahr auf dem Festival ihren neuen Film aufführen. Schnell wird da vom jeweiligen Sektionsleiter nicht mehr kuratiert sondern nur noch präsentiert. Das der Stillstand mittlerweile die Mannschaft um Kosslick erreicht hat ist deutlich zu spüren. Der langjährige Panorama Chef Wieland Speck ist nicht mehr dabei, die Sektionschefs gaben in diesem Jahr vor der Berlinale nur Videostatements ab, Kosslick selbst bestritt die völlig uninspirierte Pressekonferenz fast im Alleingang. Was bleibt ist das wichtigste: Die Berlinale ist das weltweit wichtigste A Festival mit Publikumsbeteiligung und zwar im relevanten sechstelligen Bereich. Dies weiter ausgebaut und mit persönlichem Einsatz und Begeisterung gefördert zu haben ist der größte bleibende demokratische Verdienst von Dieter Kosslick, nörgelde Regisseure hin oder her. Da kann uns Cannes oder Venedig ziemlich egal sein. Aber: in einer Zeit in der sich „etwas Großes und Unsicheres nähert“, in der sich die „Welt verändert, radikal und rasant“, so Klaus Brinkbäumer  im neuen Spiegel, da reicht eine linksliberale kritische Haltung und Distanz zur Welt nicht mehr aus. Da braucht es auch im Kulturbereich mehr. Hoffentlich sieht das auch die Auswahlkommission für den neuen Festivaldirektor.

Ulf Engelmayer

Anne Perry – Letztes Stunde im Hydepark

Staatsschutzleiter Thomas Pitt wird von höchster Stelle um einen Auftrag gebeten. Die Königin wünscht das Pitt den Tod eines Mannes untersucht, den sie selbst beauftragt hatte, einen Vertrauten ihres Sohnes zu beschatten. Jetzt ist dieser Spion unter merkwürdigen Umständen ums Leben gekommen. Sein Tod wird als Bootsunfall mit tödlichem Ausgang deklariert. Pitt kann den Fall nicht ablehnen und er beginnt in höchsten Kreisen Informationen zu sammeln. Der Vertraute des Prinzen ist ein dubioser Mann, der erfolgreich Pferde züchtet. Die Besten Tiere bekommt der Prinz. Der Kronprinz ist Anhänger von Pferderennen und lässt nichts auf seinen Freund kommen. Als er erfährt, dass Pitt Nachforschungen anstellt ist er sehr ungehalten. Pitt untersucht den Bootsunfall und stellt, dass die Todesursache verdächtig nach Mord aussieht. Er muss außerordentlich vorsichtig agieren um Beweise für seine Vermutung zu sammeln. Er entdeckt ein Verbrechen von weit größerem Ausmaß, der das Imperium in große Gefahr bringen kann. Anne Perry gehört zu den Grand Dame der britischen Kriminalliteratur. Ihre Romane mit Thomas Pitt spielen im spätviktorianischen England. Der vom Kriminalkommissar zum Leiter des Staatsschutzes aufgestiegene Pitt ist mit dieser Geschichte vielleicht bei seinem letzten Fall angekommen. Immerhin ist die 1938 geborene Autorin in ihrem 80igsten Lebensjahr. Gewohnt souverän erzählt ist dieser Fall, der die Monarchie in höchste Gefahr bringt. Und wenn Pitt wirklich das letzte Mal ermittelt, sollte man diesen Roman Zeile für Zeile genießen. Es lohnt sich.
Text: Jutta Engelmayer
Anne Perry – Letztes Stunde im Hydepark, TB, 416 S.,9,99€
Heyne Verlag, 9-783-453422254

Oskar Röhler – Selbstverfickung

Der Regisseur, Journalist und Autor Oskar Röhler hat mit „Selbstverfickung“ seinen dritten Roman vorgelegt. Wie auch seine Vorgänger gespickt mit autobiografischen Versatzstücken. Es ist ein schmutziges Buch, das keine Rücksichten auf moralische Befindlichkeiten oder political correctnes nimmt. Erzählt wird die Geschichte des abgerockten Regisseurs Gregor Samsa – nicht ganz zufällig diese Namensleihe von Franz Kafka – der sich völlig desillusioniert vom Filmgeschäft den täglichen Exzessen in Berlin hingibt. Seien es Einkaufsorgien in den einschlägigen Konsumtempeln der Hauptstadt oder die Bordelle in Charlottenburg. Doch auch das Alter mit Ende Fünfzig zollt dem exessiven Leben seinen Tribut. Eine Darmspiegelung steht an, die Angst vor dem Versagen beim Dreh beherrscht ihn. Die Rumhurerei führt zum Verdacht einer HIV Infektion. Einziger Halt in diesem wahrlich verfickten Leben ist seine Tochter. Will man diesem Buch eine Handlung unterstellen, würde man zuviel versprechen. Der Protagonist lebt im Jetzt ohne Ziel und Sinn, sich mit dem betäubend, was eine Konsumgesellschaft einem solventen Kunden so bietet. Wie auch in den vorherigen Büchern, geht es aber auch nicht ohne eine gehörige Portion Komik ab. Dies gepaart mit einer knallharten Abrechnung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Ein unbequemer Autor zur rechten Zeit!

Text: Ulf Engelmayer
Oskar Röhler – Selbstverfickung, HC, 272 S.,20,-€
Ullstein Verlag, 978-3-55005-013-8