Pier Paolo Pasolini – Petrolio

Pier Paolo Pasolini war ein Intellektueller, der sich nie geschützt hat. Er suchte die Öffentlichkeit, den Konflikt, den Widerspruch. Kommunist und Katholik, Dichter und Filmemacher, Homosexueller in einer zutiefst konservativen Gesellschaft – Pasolini war immer zugleich Teil und Gegner seiner Zeit. Und er wusste, dass diese Haltung gefährlich war.

Als er 1975 ermordet wurde, hinterließ er ein unvollendetes Manuskript: Petrolio. Kein Roman im klassischen Sinn, sondern ein offenes Gefüge aus Notizen, Erzählfragmenten, Essays und bewussten Brüchen. Pasolini arbeitete bis zuletzt an diesem Text – wissend, dass er literarisch wie politisch eine Grenzüberschreitung war.

Im Zentrum steht die Figur Carlo, ein Ingenieur im Machtfeld der italienischen Erdölindustrie. Doch Carlo ist keine stabile Figur. Er spaltet sich, verliert Identität, wird zum Träger widersprüchlicher Rollen. Pasolini nutzt diese Figur, um ein System zu beschreiben, in dem Macht anonym, verschleiert und strukturell wirkt.

Petrolio ist ein Roman über Korruption, über sexuelle Gewalt, über politische Netzwerke – und über das Verhältnis von Körper und Kapital. Erdöl wird zur Metapher für eine Gesellschaft, die von Interessen gesteuert wird, die sich der Kontrolle entziehen. Pasolini deutet Verbindungen zwischen Industrie, Politik und Geheimdiensten an. Er nennt keine Namen. Aber er schreibt so, dass sie lesbar werden.

Diese Andeutungen machten den Text hochbrisant. Schon kurz nach der Veröffentlichung wurde Petrolio nicht nur literarisch, sondern politisch gelesen. Viele sahen darin einen Schlüsseltext zur sogenannten „Strategie der Spannung“ im Italien der Nachkriegszeit – einer Phase, in der Terror, staatliche Akteure und wirtschaftliche Interessen ineinandergreifen.

Pasolini selbst hatte sich in seinen letzten Lebensjahren zunehmend radikalisiert. Er sah im Konsumkapitalismus eine neue Form des Faschismus – subtiler, totaler, zerstörerischer als der alte. Seine Texte wurden direkter, seine Warnungen schärfer. Petrolio ist das literarische Dokument dieser Zuspitzung.

Die Rezeption des Romans war lange gespalten. Viele hielten ihn für unlesbar, obszön, überfrachtet. Heute wird gerade seine Fragmenthaftigkeit als Stärke gesehen. Petrolio bildet eine Welt ab, die selbst zerrissen ist. Macht erscheint nicht als klarer Gegner, sondern als Geflecht. Und der Körper wird zum politischen Schauplatz.

Petrolio bleibt ein offenes Werk. Ein Text, der misstrauisch macht. Gegenüber Systemen, gegenüber Ideologien, gegenüber scheinbarer Ordnung. Und er erinnert an einen Autor, der Literatur nicht als Schutzraum verstand, sondern als Risiko.

Das Buch ist als Paperback bei Wagenbach erschienen hat 700 Seiten und kostet 20 €

Text: Ulf Engelmayer
Pier Paolo Pasolini – Petrolio, PB,20€
Wagenbach, 978 3 803127426

 

Please follow and like us:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.