Ursula K. Le Guin zählt zu den wichtigsten Stimmen der modernen Science-Fiction und zu den Autorinnen, die das Genre zu einem Ort politischer Ideen gemacht haben. Die neu aufgelegte Ausgabe von „Der Tag vor der Revolution“ führt das eindrucksvoll vor Augen. Es handelt sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick sehr verschieden wirken: mal futuristisch, mal poetisch, mal fast schon mythologisch. Doch ein genauer Blick zeigt, dass sie alle von einem gemeinsamen Gedankenkern durchdrungen sind. Le Guin fragt darin immer wieder: Wie leben wir eigentlich zusammen? Und wie könnten wir anders leben? Fragen, die in den Zeiten dystopischer Science-Fiction Literatur immer seltener gestellt werden.
Im Mittelpunkt der titelgebenden Geschichte steht Laia Asieo Odo, die geistige Mutter einer anarchistischen Bewegung. Sie hat Gedanken formuliert, die eine Welt verändern – und steht nun als alte Frau am Ende ihres eigenen Weges. Ursula K. Le Guin zeichnet sie nicht als gefeierte Heldin, sondern als verletzlichen Menschen. Schmerz, Erinnerungen, Zweifel begleiten sie an einem Tag, der vielleicht der letzte ihres Lebens sein könnte – oder der erste einer Revolution. Die Erzählung ist leise, aber voller Kraft. Sie zeigt, dass politisches Denken immer im Inneren beginnt, in den alltäglichen Fragen nach Gerechtigkeit, Nähe und Freiheit.
All das macht deutlich, warum Le Guin der sogenannten „Soft Science-Fiction“ zugerechnet wird. Ihre Literatur ist nicht von Technik angetrieben, sondern von anthropologischer und ethnologischer Neugier. Sie erforscht Gesellschaft, Sprache und kulturelle Vorstellungen. Die Kurzgeschichten dieses Bandes bilden zusammen ein Mosaik ihrer wichtigsten Ideen. Manche davon sind eng mit ihren bekannten Romanwelten verknüpft, etwa mit dem „Planet der Habenichtse“. Andere öffnen neue Räume oder erzählen kleine, intime Lebensmomente. In dieser Vielfalt bleibt immer der Blick auf die Menschen spürbar – auf all jene, die träumen, zweifeln, scheitern und dennoch weiterdenken. Insbesondere der teilweise originelle Blickwinkel macht viele der Kurzgeschichten zu einem interessanten und erkenntnisreichen Vergnügen.
Zur Person:
Ursula K. Le Guin wurde 1929 in Kalifornien geboren und verstarb 2018 in Portland, Oregon. Ihre Laufbahn ist geprägt von ihrem wissenschaftlichen Hintergrund: Als Tochter eines Anthropologen hinterfragte sie stets gesellschaftliche Normen und entwickelte literarische Visionen für gerechtere Zukünfte. Werke wie „Die linke Hand der Dunkelheit“ oder die Erdsee-Romane machten sie weltberühmt und trugen wesentlich dazu bei, Science-Fiction und Fantasy als ernstzunehmende Weltliteratur zu etablieren.
„Der Tag vor der Revolution“ vereint nun noch einmal, was Le Guin ausmacht: die politische Überzeugung, dass eine bessere Welt denkbar ist, und die tiefe Menschlichkeit, mit der sie ihren Figuren begegnet. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass jede Veränderung im Kleinen beginnt – vielleicht in einem einzigen Gedanken, der die Zukunft schon in sich trägt.
Ursula K. Le Guin – Der Tag vor der Revolution ist bei Fischer Tor als Hardcover erschienen (784 Seiten mit Lesebändchen) und kostet 36€.
ISBN 978-3-596-71087-4
Text: Ulf Engelmayer
