Michael Butter – Nichts ist, wie es scheint

„Man spricht heute vielfach von einer Vertrauenskrisis der Humanität, einer Krisis des Vertrauens, das bis jetzt noch in die Menschlichkeit gesetzt wird; sie ließe sich auch eine Panik nennen, die im Begriffe ist, an die Stelle der Sicherheit zu treten, das wir imstande seien, unsere Angelegenheiten in Freiheit und mit Vernunft zu Führen.“, so Robert Musil in einem Vortrag über „Die Dummheit“ in Wien im März 1937.
Die Geschichte wiederholt sich, könnte man meinen. Zumindest sind Verschwörungstheorien historisch gesehen nichts Neues, wie Michael Butter in seinem Buch „Nichts ist, wie es scheint – über Verschwörungstheorien“ aufzeigt. Es scheint sich zudem um eine spezifisch europäische Denkart zu halten, die zur Zeit des Imperialismus in alle Welt exportiert wurde. Die explosionsartige Verbreitung in der Gegenwart, ist den neuen medialen Möglichkeiten zu verdanken. Komplexe Theorien, die laut Butter „vom Ende gedacht konstruiert“ werden, entfalten sich nicht allein über private Kommunikation. Ein idealer Nährboden sind daher soziale Medien als schneller Multiplikator, Selbstbestätigung und Filterblase ohne alternativen Resonanzboden. Da oft vage bleibt, wer denn nun für all das verantwortlich ist, kann sich jeder selbst Gedanken machen, ob es die politischen Eliten sind oder fremde „Invasoren“. Eine entscheidende strukturelle Parallele zwischen Populismus und Verschwörungstheorie sieht Butter darin, dass versucht wird, das politische Feld radikal zu vereinfachen. Hier wird die soziologische Erkenntnis ignoriert das soziale Systeme ein Eigenleben führen und Effekte generieren, die niemand intendiert hat. In „Nichts ist, wie es scheint“ werden systematisch die Mechanismen und Wirkungsweisen von Verschwörungstheorien aufgezeigt. Durch die fortschreitende Fragmentierung der Gesellschaft haben sich allerdings auch unterschiedliche Öffentlichkeiten entwickelt, in der es unterschiedliche Wahrheitsbegriffe gibt. Dies führt automatisch zur Spaltung der Gesellschaft und einer Lähmung der politischen Kultur. Effekte die man zurzeit deutlich in unserem Land beobachten kann.
Auch wenn Michael Butter keinen Lösungsweg in dieser Situation anbieten kann, ist dieses Buch aus dem Suhrkamp Verlag ein wichtiger Erkenntnisgewinn in der aktuellen Situation. Pflichtlektüre für jeden, der für eine rationale Debatte eintritt.

Text: Ulf Engelmayer
Michael Butter – Nichts ist, wie es scheint, TB, 18,00€
Suhrkamp, 978-3-518-07360-5

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*