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Joe Fischler – Der Tote im Schnitzelparadies

Inspektor Arno Bussi sieht gut aus und ist liebenswert. Bussi, Bussi wird er oft geärgert, deshalb wird er lieber bei seinem Vornamen genannt. Die Frauen finden schnell gefallen an dem attraktiven Mann. Seine dunklen Haare und Augen hat er unbekannten italienischen Genen zu verdanken. Auch Arno Bussi liebt die Frauen, leider oft unglücklich. Eine kurze Affäre mit der Frau des Innenministers hat für Bussi extreme Konsequenzen. Er wird für einen Vermisstenfall ins hinterste Tiroler Tal versetzt. Aus der Traum von Wien aus die Welt zu erobern wird nichts. Ade Paris, ade London. So fährt er mit seiner 300er Vespa von Wien nach Tirol. Er betrachtet die 600km lange Strecke als Krisenbewältigung. In Hinterkitzlingen wird er schon erwartet. Ein Kollege übergibt ihm den Schlüssel zu seiner neuen Wirkstätte. Ein baufälliges Haus, das die Beste Zeit hinter sich hat. Es ist Polizeiwache und Wohnung in einem. Nach der Schlüsselübergabe setzt der Kollege sich schnell wieder ab. Arno Bussi ist kilometerweit der einzige Polizist.
Am nächsten Morgen erwacht er gerädert und kaffeedurstig. Draußen ist ein Unwetter aufgezogen und es regnet in Strömen. Bussi hört ein hämmern an der Tür und eine kreischende Frauen Stimme die nach ihm schreit. Die Frau, die er nach dem Öffnen der Tür sieht, ist einem Alptraum entstiegen. Eine Blondine, mit Lockenwicklern auf dem Kopf, bekleidet mit Bademantel und Flip-Flops, steht vor ihm und fordert ihn auf mitzukommen. Die Frau heißt Resi Schupfgruber und ist die Wirtin des Schnitzelparadieses. Nach einer holländischen Kochshow ist sie berühmt geworden, vor allem in den Niederlanden. Ihre Wienerschnitzel sind gewaltig und mit dem selbstgemachten Kartoffelsalat sensationell lecker. Der Grund für Resis hysterisches Verhalten findet sich in einer ihrer Gefriertruhen. Tiefgefroren und in einer Plastiktüte verpackt, findet sich der Kopf des von Inspektor Bussi gesuchten Vermissten. Es handelt sich um den Hotelier und Bürgermeister von Vorderkitzlingen. Während Arno Bussi sich auf die Suche nach dem Mörder begibt, wird das Unwetter immer stärker. Das Tal ist durch Erdrutsche von der Umwelt abgeschnitten. Gut, dass Resi eine attraktive Tochter hat, zu der sich Arno schnell hingezogen fühlt. Dann geschieht ein zweiter Mord und Resi Schupfgruber wird entführt. Für den Inspektor beginnen dramatische Ermittlungen, denn die Bewohner des Tals haben große Geheimnisse.

Joe Fischler lebt in der Nähe von Innsbruck. Der Österreicher machte sich 2007 als Autor und Blogger selbstständig. 2015 startete er eine Krimireihe um Valerie „Veilchen“ Mauser.
„Der Tote im Schnitzelparadies“ ist der erste Band mit Inspektor Arno Bussi. Fischler gelingt es, seinen Protagonisten im ersten Band großartig einzuführen. Gutaussehend, charmant und tough genug, um Morde aufzuklären. Dieser neue Ermittler erscheint vielversprechend.

Text: Jutta Engelmayer
Joe Fischler – Der Tote im Schnitzelparadies, TB, 10€
Kiwi, 978-3-462-05151-3

Heinrich Breloer -Brecht

Wer kennt die Theaterstücke von Bertholt Brecht nicht aus der Schule? Sie waren Bestandteil des Deutschunterrichts: „Der kaukasische Kreidekreis“ oder „Das Leben des Galilei“. Über das Leben des wirkmächtigen Autors Bertholt Brecht ist allerdings wenig bekannt. Diese Lücke hat jetzt der Autor Heinrich Breloer gefüllt. Parallel zum zweiteiligen Film auf Arte, erschien das reich bebilderte Buch. Breloer ist kein Unbekannter. Er gilt als Vertreter des Doku-Dramas, einer Mischung aus Spielfilm und Originalszenen. Zu den bekanntesten Produktionen gehört die „Staatskanzlei“, ein Doku-Drama zur Barschel Affäre und „Die Manns – ein Jahrhundertroman“. Jetzt der literarische Gigant Berthold Brecht.
Buch und Film zeigen die Jugendjahre von Brecht (dargestellt von Tom Schilling), im beschaulichen Augsburg. Brecht, aufgewachsen in einem sicheren, kleinbürgerlichen Milieu, entwickelte sich schnell zu einem literarischen Talent und belesenem Schüler. Die Teilnahme am ersten Weltkrieg blieb ihm erspart. Trotz erster patriotischer Artikel wandte er sich bald von der Produktion von Texten für die Lokalzeitung ab. Wichtig war ihm sein Augsburger Freundeskreis, der teils ein Leben lang hielt.
Ein Leben lang – und hier setzt Breloer an – hielt auch Brechts Hang zuzahllosen Liebschaften und Frauengeschichten an. Er war teils fürsorglich, teils rücksichtslos und berechnet. Seine Jugendliebe wurde früh schwanger und Brecht wurde Vater eines Sohnes.
Dieser Hang zeigt sich besonders im zweiten Teil der Nachkriegskarriere Brechts in der DDR. Brecht (hier dargestellt vom brillanten Burkhard Klaussner), hat ein gespaltenes Verhältnis zu den Machthabern im Ostdeutschen Staat. Trotzdem gelingt es ihm, mit dem Berliner Ensemble sein eigens Theater zu bekommen. Wieder sind es Frauen wie Helene Weigel, die ihm seine weitere Karriere und seinen Weltruhm ermöglichen.
Breloer ist ein fesselndes, ungewohntes und überraschendes Portrait gelungen, das lange nachhallt. Zahlreiche Bilder aus der Filmproduktion lockern den Text auf und erhöhen das Lesevergnügen. Fazit: Das Buch animiert Brecht neu zu entdecken, den Film zu sehen und einige seiner Theaterstücke anzuschauen.
Die Zentrierung Breloers auf bestimmte Zeitabschnitte, hat das Erleben Brechts deutlich verdichtet und intensiviert. Daher erscheint ein Weglassen der Emigrationszeit folgerichtig.

Text: Ulf Engelmayer
Heinrich Breloer – Brecht, HC, 26€
Kiwi, 978-3-462-05198-8

Christoph Keese –Disrupt youself

Digitaler Wandel ist in aller Munde: Arbeit 4.0, Internet der Dinge,Streamingdienste, Künstliche Intelligenz, Dienstleistungsplattformen. Dazu das neudeutsche Wort Disruption, was so viel wie Zerschlagung, Zerstörung bedeutet. In der Technologie bedeutet dieser Begriff eine Innovation, die ein bestehendes Produkt, eine Dienstleistung, fast vollständig verdrängt. Als Beispiel wären hier der Streamingdienst Netflix und digitale Kameras zu nennen.
Wo bleibt in diesem Spiel das Individuum, bzw. wie soll es agieren? Christoph Keese, einer der führenden Digitalisierungsexperten Deutschlands, hat in seinem Buch „Disrupt yourself“, überraschende Antworten gefunden. Sein Apell ist klar: Nehmt den digitalen Wandel an. Natürlich werden sich Berufsfelder verändern, sogar ziemlich schnell und Schicht übergreifend. Gerade aber Berufe, die auf Empathie und sozialer Interaktion basieren, sind davon eher unberührt.Verunsicherung entsteht vor allem dort, wo menschliche Grundbedürfnisse in Gefahrgeraten oder nicht mehr abgedeckt werden können. Dies führt oft zu Angst und Abwehr von Veränderungen. Christoph Keese hat für sein Buch viele Gespräche geführt und zwar mit „Angreifern“ und „Bedrohten“ des digitalen Wandels. Ein Muster wird hierbei schnell klar: Angreifer suchen in der Regel nach Möglichkeiten, Abläufe radikal zu vereinfachen. Dies funktioniert oft über die Ausschaltung von Zwischenebenen oder über die reine Dienstleistung ohne kapitalintensive Infrastruktur. Ebenso ist die Vernachlässigung von Kundendurch traditionelle Firmen ein klassisches Einfallstor von Disruptoren.
Die Nebenwirkungen für die Bedrohten kommen bei Keese jedoch deutlich zu kurz. Keine Rede von Entgrenzung der Arbeitszeiten, Arbeitsverdichtung, prekäre Arbeitsverhältnisse. Allerdings wird im Buch ein radikaler Wandel in der Führungskultur eingefordert, um die digitale Transformation in den Unternehmen voran zu bringen. Ohne eine gesellschaftliche Diskussion und die aktive Mitwirkung von Politik und Gesellschaft, wohl eher ein Wunschdenken.
Trotz inhaltlicher Schwächen und Ausklammerung wichtiger Aspekte (wie z.B. wem gehören gesammelte Daten), ein Buch mit interessanten und überraschenden Standpunkten zum Thema digitale Welt. Fortsetzung und lebhafte Diskussion erwünscht!

Text: Ulf Engelmayer
Christoph Keese – Disrupt youself, HC, 22€
Penguin Verlag, 978-3-328-60033-6

Nicola Förg –Wütende Wölfe

Kommissarin Irmi Mangold hat sich ein Sabbatical gegönnt. Ihr letzter Fall ging ihr nah. Auch privat stehen Änderungen an. Irmi lebt zusammen mit ihrem Bruder auf dem von den Eltern übernommenen Bauernhof. Nach 50-jährigem Junggesellendasein hat er geheiratet. Irmi kommt sich wie ein fünftes Rad am Wagen vor. Ihr 60. Geburtstag fiel mit der Hochzeit zusammen. Ihr verheirateter Teilzeitliebhaber Jens ist extra angereist, aber es entwickelt sich eine Distanz zwischen ihnen. Alles Grund genug für eine Auszeit. Als waschechte Bayerin geht Irmi nicht auf Weltreise, dazu ist sie zu bodenständig. Sie hat sich für eine Projektalm entschieden. Zusammen mit einer zweiten Sennerin und einem Doktoranden der bayrischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflegesollen zwei Fragestellungen untersucht werden. Gibt es Qualitätsunterschiede der Milch bei Kühen mit oder ohne Hörner und wie kommen Kühe aus der Laufstallhaltung im Freigang auf einer Alm zurecht? Die Tätigkeiten einer Sennerin haben nichts mit Mord und Todschlag zu tun – denkt Irmi, doch es kommt anders.
Luise, die zweite Sennerin war in ihrem früheren Leben Landrätin. Die beiden Frauen verstehen sich von Anfang an gut. Luise hat eigene Tiere mit auf die Almgebracht, zwei Esel und zwei Maultiere. Verstärkt wird die Gruppe noch durch Irmis zwei Kater und einen zugelaufenen Spitz. Bereits in der ersten Nacht ist in den frühen Morgenstunden der Teufel los. Irgendetwas hat die Tiere in Panik versetzt. Ein Muli ist völlig verstört. Als es hell wird entdecken die Frauen Pfoten Abdrücke, die von einem großen Hund stammen könnten. Der Doktorrand Tobias sieht sich die Abdrücke genauer an. Er glaubt das die Spur auch von einem Wolf stammen könnte.
Endlich treffen die beiden Kuhherden auf der Alm ein und die eigentliche Arbeit kann beginnen. Die Frauen müssen die Herden überwachen, die Weiden prüfen, melken und Käse herstellen. Irmi hatte extra einen Kurs fürs Käsen belegt. Morgens um vier Uhr schlug plötzlich der Spitz an. Auch die Esel und Maultiere warenunruhig. Die Almbewohner eilten nach draußen und hörten ein Geräusch wie aus einem Film. Ein langgezogenes Heulen hallte durch die Berge. Am Waldrand glauben die Frauen die Silhouette eines Wolfs zu erkennen. Kurz darauf ist der Spuk vorbei.
In den folgenden Tagen überschlagen sich die Ereignisse. Wanderer kommen auf die Alm gelaufen und melden einen schweren Unfall. Eine Frau ist von einer der beiden Kuhherden überrannt worden und ist schwer verletzt. Als Irmi und Luise zum Unfallort kommen, entdecken sie einen Hund, der die Kühe jagt. Immer wieder passieren solche Unfälle. Touristen laufen über die Weiden, lassen Gatter offen und führen Hunde nicht and er Leine. Irmi befürchtet nachfolgende Untersuchungen. Steht vielleicht der Wolf im Zusammenhang mit dem Unfall?
Kurze Zeit später findet Irmi beim Gang über die Weiden einen Toten. Der Mann war in eine aufgestellte Wolfsfalle getreten. In seinem Gesicht steht das Entsetzen. Was hatte er gesehen? Irmi bleibt nichts anderes übrig, als mit ihren Kollegen Kontakt aufzunehmen. Das ganze Team, einschließlich der Spurensicherung, muss antreten. Die Ermittlungen laufen. Es wird ein Zusammenhang zwischen dem Toten und der Verletzten gefunden. Beide kannten sich. Ein neuer Fall und Irmi kann sich nicht heraushalten.
Nicola Förg ist Journalistin und erfolgreiche Autorin von Kriminalromanen. „Wütende Wölfe“ ist der 10. Band aus der Alpenkrimireihe mit der Kommissarin Irmgard Mangold.
Die Autorin ist im Tier- und Umweltschutz engagiert. Das merkt man den Handlungen in ihren Büchern an. Im aktuellen Band geht es um die Ökologie in den Alpen. Die moderne Viehhaltung passt im 21. Jahrhundert nicht mehr zu der traditionellen Weidehaltung auf einer Alm. Dies führt immer mehr zum Verfall der Almen. Damit sind nicht nur die Gebäude gemeint. Auch der Bewuchs ändert sich radikal. Der zweite Part im Roman befasst sich mit Wölfen. Von einigen romantisiert, von anderen als der Feind betrachtet, wird die Rückkehr dieses Wildtiers Deutschlandweit heiß diskutiert. Vor diesem Hintergrund hat die Autorin ihren Roman angesiedelt. Geschickt lässt Nicola Förg ihre wunderbar ausgearbeiteten Charaktere in dieser Kulisse agieren. Dabei lernt der Leser so einiges über Tiere und Menschen. Nicola Förgs Krimis sind immer wieder ein lehrreiches und unterhaltendes Vergnügen.
Alle 10 bislang erschienen Krimis gibt es auch als Hörbuch, gelesen von der Schauspielerin Michaela May. Dies ist mein persönlicher Einstieg in die Welt der Hörbücher. Ich wählte mir bewusst eins der Bücher aus, die ich sehr gern gelesen habe. Ein ganzes Buch vorgelesen zu bekommen, empfand ich als Herausforderung. Bereits nach kurzer Zeit war ich überzeugt. Das liegt sicher auch an der passenden Stimme von Michaela May. Die Schauspielerin spricht mit verschiedenen Dialekten und gibt den Hauptpersonen eine eigene Stimme. Die Kombination Nicola Förg (Wort)und Michaela May (Stimme) hat sich hier zu einer wunderbaren Symbiose gefunden.

Text: Jutta Engelmayer
Nicola Förg – Wütende Wölfe, Klappenbroschur, 16,00€
Pendo, 978-3-8661242002

Hörbuch: 5 CDs, 402 Minuten Laufzeit; 
ISBN 978-3-86952-414-6; Osterwoldaudio, Hörbuch Hamburg; 
gekürzte Lesung mit Michaela May

Rita Mae Brown – Die Maus zum Gärtner machen

Ein Sturm zieht über den Blue Ridge Mountains auf. Mary Minor Harristeen ist mit ihrem alten Pickup auf einer Landstraße unterwegs. Sie fährt an einem alten Friedhof vorbei. Dort wacht ein Racheengel über einem monumentalen Grabmal. Harry erschaudert, bereits als Kind fühlte sie sich hier unwohl. Harry will vordem Beginn des Sturms zu Hause sein. Mit an Bord sind ihre Corgihündin Tee Tucker und die Katzen Mrs. Murphy und Pewter. Plötzlich sieht Harry einen Wagen, der viel zu schnell auf der kurvenreichen Strecke unterwegs ist. Harry schafft es knapp auszuweichen. Das entgegenkommende Fahrzeuglandet im Graben. Harry springt aus ihrem Pickup und läuft zur Unfallstelle. Im Unfallfahrzeug erkennt sie Barbara Leader. Sie ist die Krankenpflegerin des ehemaligen Gouverneurs Samuel Holloway. Der alte Mann ist der Großvater von Harrys bester Freundin Susan Tucker. Harry öffnet die Autotür. Die Fahrerin ist tot. Harry benachrichtigt Deputy Cynthia Cooper, Nachbarin und Freundin von Harry. Als die Polizistin den Unfallort erreicht, bestätigt sie den Tod von Barbara Leader. Cynthia rät Harry so schnell wie möglich nach Hause zu fahren. Der Sturm droht schlimm zu werden. Harry hat sich schon immer in Todesfälle eingemischt und so manchen Mordaufgeklärt. Auch dieses Mal macht sie sich Gedanken. Barbara ist jünger als sie und wirkte nicht krank. Ein Herzinfarkt im Alter von Anfang vierzig wäre erschreckend. Harrys alte Spürnase sollte recht behalten. Barbaras Mann wünscht eine Obduktion. Es wird keine natürliche Todesursache bescheinigt. Wer wollte den Tod der Krankenpflegerin? Sie betreute den alten Gouverneur, der an Leukämie erkrankt war. Sam Holloway war dabei sein Leben aufschreiben zulassen.
Einige Tage nach dem Unfall wird der Gouverneur tot auf dem Friedhof gefunden. Er liegt vor dem Grabmal mit dem Racheengel. Hier liegt der im 18. Jahrhundertermordete Francisco Sellise. Ihm gehörte das Anwesen, auf dem heute der Gouverneur und seine Familie leben. Liegt die Wahrheit in der Vergangenheit begraben?
Rita Mae Brown erzählt im 24. Fall der Katzendetektivin Mrs. Murphy und ihren Freunden, dass manche Geschichten aus der Vergangenheit besser nicht ans Tageslicht geholt werden dürfen. Es gibt in der Gegenwart Menschen, deren Existenz durch die Wahrheit gefährdet ist. Sie versuchen alles, damit Geheimnisse nicht entdeckt werden. Aber sie haben nicht mit Harry und ihren tierischen Detektiven gerechnet.
Der aktuelle Krimi der amerikanischen Autorin gehört nicht zu ihren stärksten Büchern. Die Story der Gegenwart ist schleppend und wenig inspirierend. Die Erzählung in der Vergangenheit hat die glaubwürdigeren Charaktere und die spannendere Handlung.

Text: Jutta Engelmayer
Rita Mae Brown – Die Maus zum Gärtnermachen, HC, 19,99€
List, 978-3-471-35176-5�

Michel Houellebecq- Serotonin

Über kaum einen zeitgenössischen Autor gehen die Meinungen so auseinander wie über den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq. Das ist kein Wunder. Er ist hochprovokant, definitiv politisch unkorrekt und gilt als Frauenhasser. Ihm eher freundlich zugeneigte Zeitgenossen würden ihn zumindest als verschroben bezeichnen. Wer die spannungsgeladene Folge „Durch die Nacht mit Hoellebecq und dem katalanischen Opernregisseur Calixto Bieito gesehen hat, kann das nur bestätigen. Aber seine Bücher greifen aktuelle Befindlichkeiten auf und zeichnen oft ein sehr genaues Bild der französischen Gesellschaft.
Jetzt „Serotonin“, einen Roman über den 46jährigen Florent-Claude Labrouste.Der schwer Depressive wird mit einem Medikament namens „Captorix“ behandelt. Einebelastende Nebenwirkung ist der Verlust der Libido. Frustriert von seinen Beziehungen, beschließt er alle engen sozialen Brücken abzubrechen und in ein Hotelzimmer zu ziehen. Dort räsoniert er über sein Leben, verfällt in völlige Apathie und Selbstmitleid. Erst durch den Besuch bei seinem alten Studienfreund Aymeric, der in der Landwirtschaft zu überleben versucht, wird ihm klar, dass auch sein Beruf im Landwirtschaftsministerium wenig mit dem realen Leben zu tun hat.
Beim Lesen passiert es, dass Labrousts lamentieren, seine Frauenklischees und sein Endzeitgerede nerven. Das ändert sich in der zweiten Hälfte des Romans. Seine eindrücklichen Schilderungen über den wirtschaftlichen Absturz der Provinz und die innere Verfasstheit ihrer Bewohner, ist bedrückend intensiv und erklärt wahrscheinlich die aktuellen Entwicklungen in Frankreich. Damit gelingt dem Provokateur Houllebecq wieder ein pointiertes Sittenbild unserer Jetztzeit. Mit einer Ausschüttung des Glückshormons Serotonin ist beim Leser allerdings nicht zu rechnen.

Text: Ulf Engelmayer
Michel Houellebecq – Serotonin, HC, 24€
Dumont, 978-3-8321-8388-2

Kristen Roupenian – Cat Person

Kristen Roupenian ist die amerikanische Autorin der Stunde. Ihre 2017 im New Yorker veröffentlichte Kurzgeschichte „Cat Person“, traf den Nerv der jungen Generation und wurde im Netz über 2,5 Millionenmal geteilt. Jetzt ist in Deutschland im Blumenbar Verlag eine Sammlung von 12 Kurzgeschichtenerschienen.
Roupenian leuchtet ohne Tabus die Beziehungslagen zwischen den Geschlechtern, Freund und Freundin, der Mutter und der Tochter aus. Sind die Verhältnisse in den Zeiten der ständigen Erreichbarkeit, der sozialen Medien, einfacher und übersichtlicher geworden? Eher nicht. Erwartungshaltungen prägen das Bewusstsein, Beziehungen nehmen Warencharakter an und gewinnen eine nicht kontrollierte Eigendynamik. Wo das enden kann zeigt die Eingangsgeschichte „Böser Junge“. Ein junges Paarnimmt einen Freund, der sich von seiner schrecklichen Freundin getrennt hat, vorrübergehend in ihre kleine Wohnung auf. Der Verlust der Intimität des Paares birgt jedoch einige angenehme Überraschungen für die Beiden, bis die Dinge völlig aus dem Ruder laufen.
Die Kurzgeschichten zeigen, dass Kirsten Roupenian eine genaue Beobachterin ihrer Generation ist. Das ist nicht alles nett zu lesen. Die netten Typen habeneinen veritablen Schaden. Dies führt in den Geschichten oft nicht zu dem, was man einvernehmlichen Sex nennt, vom Spaß einmal völlig abgesehen. Nicht jede Kurzgeschichtezündet, vieles ist völlig humorfrei geschrieben. Dennoch ist „Cat Person“ eine der aufregendsten Bestandsaufnahmen menschlicher Beziehungszustände im 21.Jahrhundert, die Titelgeschichte eingeschlossen. Für gute Träume wird dieses Buch allerdings nicht sorgen.

Text: Ulf Engelmayer  
Kristen Roupenian – Cat Person, HC, 20€
Blumenbar Verlag, 978-3-351-05057-3

Linus Geschke – Tannenstein

Krimis sind, wenn sie gut geschrieben sind, immer Beschreibungen gesellschaftlicher Zu- und Missstände. Ist dies der Fall, erhält der Leser neben der Spannung, noch einen nicht unerheblichen Erkenntnisgewinn. Der Krimi „Tannenstein“ von Linus Geschke fällt in diese Kategorie. Der Auftakt ist knallhart und wirft viele Fragen auf. Ein Unbekannter, der „Wanderer“ genannt, lässt sich in Tannenstein nieder, einem abgelegenem Dorf 30km südlich von Dresden. Wochenlanglebt er neben den Einwohnern her. Er wird Teil des Dorfes, aber nicht der Gemeinschaft. Eines Abends betritt er den Dorfgasthof und erschießt alle Gäste, bis auf den Wirt. Das Verbrechen wird nie aufgeklärt. In den nächsten Monaten fallen ein Tankwart im Harz und eine Immobilienmaklerin im Allgäu dem Wanderer zum Opfer. Erst der Expolizist Alexander Born, dessen Geliebte ebenfalls durch den Wanderer umgebracht worden ist, beginnt mit neuen Nachforschungen. Aufgrund seiner guten Kontakte zur Russenmafia, gelingt es ihm auf die Spur des Wanderers zu kommen. Allerdings verlaufen die Dinge anders als geplant.
Linus Geschke ist mit „Tannenstein“ ein grandioser Thriller gelungen. Er führt den Leser in die Welt des organisierten Verbrechens. Hier gibt es kein Entrinnen. Brutal und gnadenlos, mit wenig Hoffnung auf ein gutes Ende. Gerade weil moralische Erwägungen nicht im Vordergrund stehen, entfaltet dieser Thriller so eine enorme Wirkung.

Text: Ulf Engelmayer  
Linus Geschke – Tannenstein, PB, 15,90,-€
dtv, 978-3-423-26218-73;\l

Robert Galbraith – Weisser Tod


Cormoran Strike ist als Privatdetektiv berühmt geworden, dass könnte gut fürs Geschäft sein. Der Kriegsveteran ist allerdings zu bekannt geworden, um selbst zu ermitteln. Um weiterzuarbeiten benötigt er Personal. Das Geld dafür muss erst einmal verdient werden. Seine Assistentin Robin Ellacott hat er nachihrem Rausschmiss wiedereingestellt. Nach ihrer Hochzeit mit ihrem Jugendfreund Matthew, ist sich Robin bewusst geworden wie viel ihr an ihrem Job als Ermittlerin liegt. Strike ist froh, sie zurück zu haben. Robins Ehe ist nicht glücklich. Sie will aus dieser Beziehung raus. Strike hat nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Charlotte eine neue Liaison. Unter der Oberfläche brodelt es zwischen Cormoran und Robin. Ist da mehr als berufliches Interessevorhanden?
Ein neuer Fall kommt auf das Team in Form eines jungen Mannes zu. Billy wirkt sehr konfus und verstört auf Cormoran Strike, als er in seinem Büro auftaucht. Er erzählt eine verworrene Geschichte aus seiner Kindheit. Er glaubt ein Verbrechen beobachtet zu haben. Eine Leiche wurde auf dem Grundstück seines Vaters begraben. Plötzlich flüchtet Billy aus dem Büro. Strike ist sich nicht klar darüber, was diese Story zu bedeuten hat. Ist die Beobachtung von dem verwirrten Billy nur eine Fantasie? Trotzdem versucht Cormoran Strike derGeschichte auf den Grund zu gehen. Dabei stößt er auf Jimmy, den älteren Bruder von Billy. Strike besucht eine Veranstaltung des politisch linksradikalen Aktivisten. Dort wird er von einem Ermittler erkannt. Kurz darauf klingelt in Strikes Büro das Telefon. Der Politiker Jasper Chiswell will ihn sprechen. Der Minister hat einen Auftrag für ihn. Er weiß von Strikes Interesse an Jimmy und fragt den Detektiv nach seinen bisher gesammelten Informationen über den Linksaktivisten. Chiswell wird erpresst und Strike soll für den Politikerermitteln. Dieses lukrative Angebot kann Strike, dessen Detektei immer am Rande des Ruins arbeitet, schlecht ablehnen. Er nimmt den Auftrag an, obwohl Chiswell ihm den Grund für die Erpressung nicht nennt. Eines Tages finden Robin und Cormoran den Politiker tot in seinem Londoner Haus. Mord oder Selbstmord ist die Frage. Die Suche nach der Antwort führt Robin und Cormoran in der Welt der hohen Politik und die komplizierte Familienstruktur von Jasper Chiswell.
Robert Galbraith neuer Fall für Cormoran Strike und Robin Ellacott dockt nahtlos an den Vorgänger „Die Ernte des Bösen“ an. Der Einstieg zeigt die Hochzeitsszene von Robin und Matthew. Ein schönes Paar, aber es zeigt sich hier schon, dass Robin sich falsch entschieden hat. Nach ihrem Rausschmiss bei Cormoran Strike ist sie unglücklich. Sie will wieder als Ermittlerin arbeiten. Galbraith führt das Team wieder zusammen, zeigt dabei die Befindlichkeiten ihrer Protagonisten. Arbeit und Privates werden beschrieben, immer wieder verknüpft und in Frage gestellt. Ein kompliziertes Paar, dass eigentlich perfekt zusammenpassen würde.
Die Handlung und die Vielschichtigkeit der Charaktere sind gut konstruiert. Abgrundtief schlechte Eigenschaften, Verzweiflung und Vorbelastung der Figurenwerden gekonnt in die Story verwoben und münden in die Auflösung des Falls. Galbraith erzählt realistisch, pessimistisch, aber spannend. Streckenweise ist die Geschichte etwas langatmig, aber durchhalten lohnt sich.

Text: Jutta Engelmayer  
Robert Galbraith – Weisser Tod, HC, 26,-€
blanvalet, 978-3-764-50698-8


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