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Kulturzelt Kassel: Konzerttipps Juli 2017

Eine der schönsten Konzertlocations in der Region ist das Kulturzelt in Kassel. Seit 30 Jahren ist dies ein fester Hot Spot für viele renommierte Bands. Pünktlicher und früher Konzertbeginn in der Fuldaaue ist garantiert.
Unsere Tipps:
02.07. Dub Fx (Australien) Benjamin Stanford gilt als Meister des Beatboxing. Er loopt seine eigene Stimme und imitiert mit Mund, Rachen und Nase die Instrumente.
14.07. Warpaint (USA) Als Königinnen des Underground wird dieses US-amerikanische Frauenquartett bezeichnet. Jetzt kommen sie mit ihrem neuen Album „Heads up“ nach Kassel. Tanzbarer als die Vorgänger haben sie sich ihre spezielle kalifornische Melancholie bewahrt.
15.07. Lee Fields & the Expressions (USA) Hier kann man gar nichts falsch machen. Deep Soul aus dem Haus Daptone Records. Lange war Lee Fields nur ein Insidertipp, bis er im Zuge der Retrosoul Bewegung zum begehrten Lifeact wurde.
Text: Ulf Engelmayer

Mary Gaitskill – Die Stute – Roman

Ginger und Paul leben in einer kleinen Stadt nördlich von New York. Er ist ordentlicher Professor an einem kleinen College. Ginger war Künstlerin und stellte in New Yorker Galerien aus. Das Leben als Malerin hatte sie in der Weltstadt zurückgelassen. Das Leben mit Drogen und Alkohol hatte ihr nur ein Gutes beschert, ihren Mann Paul. Sie lernten sich bei den Anonymen Alkoholikern kennen. Nach einem Jahr bei den Meetings hatte Ginger davon genug und ging nicht mehr hin. Paul suchte sie, er machte sich Sorgen. Die beiden lernten sich besser kennen, verließen New York und heirateten. Paul war geschieden und hatte eine Tochter. Er wünschte sich zusammen mit Ginger ein Kind, aber sie wurde nicht schwanger. Eine Adoption kam für ihn nicht in Frage. Paul erfuhr von einer Organisation die es sozial benachteiligten Stadtkindern ermöglicht für zwei Wochen in einer Familie auf dem Land zu leben. Velvet ist 11 Jahre alt. Ihre Familie stammt aus der Dominikanischen Republik. Sie lebt mit ihrer Mutter und dem jüngeren Bruder zusammen. Der Vater hat die Familie verlassen. Ihre Mutter spricht nur spanisch, wenn nötigt übersetzt Velvet für sie. Jetzt steht das Mädchen mit ihrem Koffer vor dem Reisebus, der sie für 2 Wochen in die „Friendly Town“ bringt. Als Ginger und Velvet sich das erste Mal sehen ist Sympathie vorhanden. Ginger ist gerührt über dieses schöne, dunkelhäutige Mädchen und Velvet sieht eine lächelnde blonde Frau in einem glitzernden Top vor sich. Gingers Nachbarin hat einen Reitstall und sie lädt Velvet ein sich die Pferde anzusehen. Aus Höflichkeit sagt das Mädchen zu, nicht ahnend, dass sie hier mit einer scheuen Stute eine Aufgabe erwartet, die ihr Leben stark beeinflussen wird. Velvet lernt reiten. Sie hat ein feines Gefühl und Verständnis für Pferde. Die schwierige Stute lehrt sie was Vertrauen bedeutet. Die Schriftstellerin Mary Gaitskill ist eine renommierte Autorin der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Ihre Kurzgeschichte „Secretary“ wurde von Steven Shainberg verfilmt und lief auf dem Sundance Filmfestival. „Die Stute“ ist ein gefühlvoller Roman über 2 Menschen die ein sehr belastetes Leben in ihre Bekanntschaft einbringen. Gedanken, Sehnsüchte und Ängste werden durch einen Perspektivwechsel zwischen Velvet und Ginger erzählerisch brillant dargestellt. Die Erzählweise driftet nie ins Kitschige ab. Der Leser lernt die Charaktere und ihre Handlungsmotivation kennen und bleibt doch in der Lage eigene Gedanken zu entwickeln und Fragen zu stellen. Ein bewegender Roman der sehr zu empfehlen ist.
Text: Jutta Engelmayer
Mary Gaitskill – Die Stute, geb, 25,00€
Klett-Cotta, April 2017, ISBN 978-3-608-98109-4

Ripper Street – Staffel 4

Dass die englische BBC zu den weltweit besten Serienproduzenten gehört ist allgemein bekannt. Aber auch hier gelten die Regeln der Einschaltquoten. Nur mit Hilfe eines großen Streamingportals konnte die Serie Ripper Street fortgesetzt werden. Jetzt ist die vierte Staffel erschienen. London im Jahr 1897. Großbritannien bereitet sich auf das Thronjubiläum von Königin Viktoria vor. In Whitechapel, einem Londoner Problembezirk, wird die Zentralwache in der Leman Street neu erbaut und auf den neuesten technischen Stand gebracht. Der Haudegen Drake ist weiterhin Inspektor und mittlerweile Vorsteher der Polizeiwache. Der Amerikaner Jackson arbeitet nur noch sporadisch als Rechtsmediziner für ihn und geht seinen eigenen, nicht immer legalen Interessen nach. Chefermittler Reid hat privatisiert und sich in einen kleinen Ort am Meer zurückgezogen. Erst als eine alte Freundin aus London auftaucht und ihn um Hilfe bittet, entschließt er sich zurück nach London zu gehen und sich seiner Vergangenheit zu stellen. Ganz klar: Die 4. Staffel von „Ripper Street“ ist die stärkste. Atmosphärisch sehr dicht, liefert diese Staffel eine spannende Geschichte in einem düsteren Stadtteil Londons. Dies ist kein sympathischer Ort, die Hauptakteure sind geprägt durch ihre Erfahrungen in diesem deprimierenden Milieu. Gerade die ersten Folgen sind dialogisch sehr stark, gespickt mit Anspielungen auf unsere Zeit. Dem Sog dieses Geschehens wird sich kaum ein Zuschauer entziehen können. Als Bonus auf der DVD gibt es eine 60 Minuten längere Uncut Version als in der zdf.neo Ausstrahlung. Darsteller: Matthew Macfadyen, Jerome Flynn, Adam Rothenberg

Text: Ulf Engelmayer
Ripper Street – 4 Staffel, 7 Folgen, 4 Discs, Spielzeit 413 Minuten
Polyband

Viveca Sten – Mörderisches Ufer

Sommerferien in Schweden. Auf der kleinen Insel Lökholmen nahe bei der Schäreninsel Sandhamn findet jedes Jahr ein Seglercamp für Kinder statt. Ein Traum für die Meisten. Freizeit ohne die Eltern, die Betreuer sind junge Männer und Frauen. Aber die Idylle trügt. Einige Kinder werden gemobbt. Eine Clique von Jungen sucht sich Schwächere raus und quälen sie. Die Betreuer sind zu unerfahren um dieses Verhalten zu erkennen. Ein Mädchen läuft weg. Die Polizei wird eingeschaltet. Bald darauf wird die Jugendliche zu Hause gefunden. Als kurz darauf ein kleiner Junge verschwindet, suchen die Betreuer die Insel ab. Die Polizei wird erst verzögert verständigt. Thomas Andreasson von der Stockholmer Polizei wird in den Fall eingeschaltet. Obwohl die Polizei die Umgebung konzentriert absucht, wird der kleine Benjamin nicht gefunden. Thomas gerät in einen persönlichen Konflikt. Seine Frau ist auf Dienstreise und er sollte eigentlich auf seine Tochter aufpassen. Durch den aktuellen Fall verhindert, muss er die Aufsicht über sein Kind der Familie überlassen. Seine Ehe steht vor einer Zerreisprobe. Auch Nora Linde, eine alte Freundin von Thomas, hat privaten und beruflichen Stress. Kurz vor ihrer Hochzeit sitzt ihr zukünftiger Mann, der als Pilot bei einer schwedischen Airline arbeitet, mit einem Flugzeugschaden in Asien fest. Nora muss sich um die Hochzeitsvorbereitungen alleine kümmern. Als Staatsanwältin hat sie gleichzeitig einen schwierigen Prozess vor sich. Der Ausgang ist von der Aussage eines Zeugen abhängig. Nora und Thomas sind privat abgelenkt und übersehen wichtige Fakten. Benjamin bleibt verschwunden und die Zeit wird knapp. Die schwedische Schriftstellerin Viveca Sten stellt mit „Mörderisches Ufer“ den 8. Fall für Kommissar Thomas Andreasson vor. Mobbing unter Kindern ist ein sensibles und brisantes Thema. Einfühlsam beschreibt die Autorin die Angst und den Stress der gemobbten Opfer. Dabei ist sie so dicht am Thema, das der Leser am liebsten hilfreich eingreifen möchte. d die Geschichte dieser

Text: Jutta Engelmayer
Viveca Sten – Mörderisches Ufer, HC, 14,99 €
Kiwi, 06.04.2017, ISBN 978-3-462-04737-0

The Young Pope – TV Serie von Paolo Sorrentino

Ein Papst der raucht, Billiard spielt und morgens auf seiner Cherry Coke Zero besteht. Ist das möglich? Zumindest in der TV Serie „The Young Pope“ des erfolgreichen italienischen Autorenfilmers Pado Sorrentino. Diese für einige renommierte Pay-TV Kanäle produzierte Serie zeigt die Tage nach der sensationellen Wahl des jungen amerikanischen Kardinals Lenny Belardo zum Papst. Gutaussehend, unkonventionell und machtbewusst, stellt er vom ersten Tag an die bewährten Rituale im Vatikan in Frage. Er legt sich mit der mächtigen und erfahrenen Vatikanbürokratie an, engagiert seine Ziehmutter Schwester Mary als persönliche Beraterin und verfolgt eine sehr persönliche Agenda. Der Ursprung dafür liegt tief in seiner Vergangenheit verborgen. Man könnte nun meinen, dass dieser Papst schnell mit Reformen im verkrusteten Vatikanapparat beginnt, aber seine erste öffentliche Rede ist auch für den Fernsehzuschauer, dessen Erwartungshaltung hier ziemlich in Frage gestellt wird, ein ziemlicher Schock. Wenn auch zum Schluss diese Serie etwas verflacht, ist dies doch eine grandiose Satire über kirchliche Machtspiele. Großartig die Charaktere, die sehr differenziert und wenig klischeehaft dargestellt werden. Dies liegt sicher zum großen Teil an dem hohen Aufgebot von sehr routinierten und professionellen Schauspielern. Jude Law in der Hauptrolle als „Young Pope“, Diane Keaton als seine Ziehmutter, dazu Ludivine Sagnier und der Almodovar-Star Javier Cámara. Bei dieser Serie gilt für den Zuschauer bereits nach der ersten Folge, alle Wahrscheinlichkeiten über den Verlauf abzulegen und sich einzulassen.

Text: Ulf Engelmayer
The Young Pope – Staffel 1, 10 Folgen plus Extras, 4 Discs, Spielzeit 553 Minuten
Polyband

Agatha Raisin – Staffel 1

Agatha Raisin ist PR-Beraterin, lebt in London und hat die Stadt satt. Mit ihrem etwas schrillen Großstadtflair zieht sie aufs Land. Carsley heißt ihr neues Traumziel. Aber auf das Land zu ziehen und auf dem Land ankommen ist ein großer Unterschied. Nur langsam gewinnt die unkonventionelle Agatha Freunde. Sie ist bereit sich den kleinstädtischen Begebenheiten anzupassen. Kaum angekommen nimmt sie an einem Kochwettbewerb teil, bei dem der Preisrichter durch ihre Quiche vergiftet wird. Schon ist sie tatverdächtig. Entschlossen geht Agatha daran ihre Unschuld zu beweisen. In weiteren 8 Folgen stellt sie unter Beweis, dass eine Detektivin in ihr steckt. Dabei stößt sie mit ihrer spontanen Art einige Menschen vor den Kopf. Stets perfekt geschminkt und stilvoll gekleidet, schreckt sie nicht davor zurück in High Heels über Mauern zu klettern um Beweise zu sammeln. Die Stories basieren auf den Kriminalromanen von M.C. Beaton. Die schottische Schauspielerin Ashley Jensen spielt die Hauptrolle der Agatha Raisin bravourös: humorvoll, skurril und liebenswürdig. Wer britischen Humor liebt, wird bei dieser Krimikomödie bestens unterhalten.

Text: Jutta Engelmayer
Agatha Raisin – Staffel 1, DVD Pilotfilm und 8 Folgen, 3 Discs, Spielzeit 450 Minuten
Polyband

Lorenz Jäger – Walter Benjamin – Das Leben eines Unvollendeten

Den Namen Walter Benjamin werden viele kennen, über das Wirken dieses Kunstkritikers, Philosophen und Essayisten herrschen in der breiten Kulturöffentlichkeit nur rudimentäre Vorstellungen. Jetzt nimmt sich der ehemalige FAZ-Redakteur und Adorno Biograf Lorenz Jäger dieses Themas an. Walter Benjamin, im Jahr 1892 in Berlin als Sohn eines Antiquitäten- und Kunsthändlers geboren, machte sich nach seinem Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte schnell einen Namen als deutscher Übersetzter von Baudelaire Gedichten. Zeitgleich erregte sein Assay „Zur Kritik der Gewalt“ ziemliches Aufsehen unter den Fachleuten. Dem Biographen Lorenz Jäger gelingt es in seinem Buch, dem Leser ein Gefühl für diese Epoche des geistigen Auf- und Umbruchs zu vermitteln. Walter Benjamin war fester Bestandteil der intellektuellen Mitteleuropäischen Bohème zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zudem stark geprägt durch seine jüdische Herkunft und den Umgang mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Von den Schweizer Dadaisten, den französischen Surrealisten um Luis Aragon, bis hin zu den Köpfen der deutschen und osteuropäischen Linken, wie Berthold Brecht und Hannah Ahrendt. Eine weitere prägende Rolle in seinem Leben nahmen starke Frauen und oft glücklose Liebschaften ein. Durch den aufkommenden Faschismus musste Benjamin emigrieren. Die Flucht endete mit seinem tragischen Selbstmord an der französisch spanischen Grenze im Juli 1940. Der deutsche Soziologe Jürgen Habermas hat Benjamin „zu jenen unübersichtlichen Autoren“ gezählt „deren Werk auf eine disparate – also widersprüchliche – Wirkungsgeschichte angelegt ist“. Dies ist auch das Handicap der Biografie von Lorenz Jäger. Wirkliche Klarheit gewinnt man nicht. Im Gegenteil: manche Passagen erschließen sich dem Leser ohne eine gewisse Kennerschaft definitiv nicht. Ein Trost: diesen Eindruck gewannen auch die Gutachter von Benjamins Habilitationsarbeit, die abgelehnt wurde. Der Philosoph Hans Cornelius merkte dazu an: „Ich bin … teils überhaupt nicht im Stande, den Sinn der Arbeit wiederzugeben…, dass ich für die Richtigkeit der Wiedergabe einstehen könnte.“ Um diese schmerzliche Lücke zum Verständnis Walter Benjamins zu füllen, wäre eine Ausgabe mit ausgewählten und kommentierten Texten der richtige Schritt, damit dieser großartige Essayist und Kritiker nicht in Vergessenheit gerät. Zu den stärksten Kapiteln dieses Buchs gehört zweifelsohne die sensible Schilderung vom letzten Lebensjahr Benjamins. Interniert in der Nähe von Paris, desillusioniert vom Stalinismus, dennoch ein radikaler Vertreter marxistischer Positionen, bleibt nach dem Einmarsch der Deutschen nur der Weg in die Ausweglosigkeit – „Die letzte Passage“ – der Freitod. Hier erschließt sich der Titel des Buches „Walter Benjamin – Das Leben eines Unvollendeten“. Was hätte er wohl über die Nachkriegszeit geschrieben?
Text: Ulf Engelmayer
Lorenz Jäger – Walter Benjamin – Das Leben eines Unvollendeten, geb, 26,95€
Rowohlt, 17.02.2017, ISBN 978-3871348211

Alex Beer – Der zweite Reiter – Der erste Fall für August Emmerich

Wien 1919. Der 1. Weltkrieg ist verloren, die Monarchie abgeschafft. Hinter den Fassaden der einst prächtigen Metropole herrscht Armut und bittere Not. Nur wenige Menschen können noch im Wohlstand leben. Viele Soldaten kehren verletzt an Leib und Seele von den Schlachtfeldern zurück. Es herrscht Arbeitslosigkeit und die Grundversorgung für die Bevölkerung leidet. Selbst Menschen mit Arbeit können nur schwer den Unterhalt für Wohnung, Lebensmittel und Heizmaterial aufbringen. Der Polizeiagent August Emmerich wurde im Krieg von einem Granatsplitter verwundet. Starke Schmerzen unterdrückt er mit gestohlenem Heroin. Sein Chef und seine Kollegen wissen nichts von seiner Invalidität. Emmerich wird mit seinem neuen Assistenten Ferdinand Winter, der aus einem vormals gutsituierten Haushalt stammt, auf den Anführer eines Schleichhändlerrings angesetzt. Veit Kolja organisiert Vorräte, versteckt sie an geheimen Plätzen und tauscht die Ware gegen Wertgegenstände ein. Damit hat er und seine gut organisierte Bande bereits ein Vermögen ergaunert. Emmerichs Chef will unbedingt Erfolge sehen. Bei der Verfolgung entdeckt Winter eine Leiche. Zunächst wird der Tote für einen Selbstmörder gehalten, aber Emmerich ist misstrauisch. Als weitere tote Männer auftauchen beginnt Emmerich zusammen mit Ferdinand Winter die Todesfälle zu untersuchen. Die beiden Ermittler entdecken Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen, alle waren im Krieg als Soldaten in Galizien in einer Einheit eingesetzt. Eines nachts wird Emmerich überfallen und seine Dienstwaffe gestohlen. Mit dieser Pistole wird ein weiterer Mord begangen und Emmerich wird als Tatverdächtiger festgenommen. Dem Polizeiagenten gelingt die Flucht und ausgerechnet Veit Kolja, der Kopf der Schieberbande kann ihm helfen.
Die Autorin Alex Beer hat Archäologie studiert und lebt in Wien. „Der zweite Reiter“ ist der erste Krimi mit dem Polizisten August Emmerich. Ein sarkastischer, hartnäckiger Ermittler der sehr eigenständig arbeitet. Die düstere Atmosphäre der Nachkriegszeit ist gut recherchiert und lebendig erzählt. Die Charaktere sind prägnant gezeichnet. Von der ersten Seite an wird der Leser in die Story gezogen. Eine Fortsetzung ist in Planung. Alex Beer ist mit diesem Krimi ein Roman gelungen der bei richtiger Besetzung verfilmt werden könnte.

Text: Jutta Engelmayer
Alex Beer – Der zweite Reiter, geb, 19,99€
Limes, 27.03.2017, ISBN 978-3-8090-2675-4

Gareth Murphy – Cowboys & Indies

Das Pop mittlerweile Geschichte ist bzw. einen fast hundert Jahre alten historischen Kern hat, gewinnt man sehr schnell nach den ersten Kapiteln des Buches Cowboys & Indies. Hier werden im Gegensatz zum üblichen Veröffentlichungsgebaren nicht Legenden über Popstars gestrickt, sondern es werden die Personen hinter den Musikern portraitiert. Es sind diese Record Men, denen zu verdanken ist, dass so mancher Song überhaupt die breiten Massen erreicht hat. Diese Leute, die ständigen technischen Innovationen und viele Zufälle bewirkten den kometenhaften Aufstieg der Musikindustrie. Gareth Murphy schlägt in seinem Buch einen weiten historischen Bogen. Von den ersten „sprechenden Maschinen“ Mitte des 19. Jahrhunderts, über die Phonografen und die verschiedenen Vertriebsformate wie Schellack, Vinyl und CD. Die Entwicklung des Musikbusiness – so viel wird beim Lesen klar – war und ist immer geprägt von Boomzeiten und schweren Krisen. Das Aufkommen des Radios und später der elektronischen Tauschbörsen sind typische Beispiele. Dennoch: die Geschichte der Popmusik wurde von großen Persönlichkeiten geschrieben, die eine tiefe Begeisterung für Musik hatten und die richtige Nase für Hits. Es ist der Verdienst von Gareth Murphy in Cowboys & Indies diesen Leuten ein Gesicht gegeben zu haben. Den Elvis Entdecker Sam Phillips, der mit seinem legendären Label Sun Records zahllosen Rock n` Roll Größen zum Durchbruch verhalf. Oder Paul Morley, der englische Musikguru und Communication Director von ZTT, ohne den es den gigantischen Erfolg von „Frankie goes to Hollywood“ wohl nicht gegeben hätte. Ebenso David Manusco, laut Village Voice der „Guru of the club underground“, einer der entscheidenden Impulsgeber der Disco/Clubszene. Cowboys & Indies ist ein unverzichtbares Kompendium zum Verständnis der Geschichte der Popmusik, des Kampfes von Mayor und Indielabels um die Künstler, der Macher hinter den Kulissen. Wahrlich eine Reise ins Herz der Musikindustrie. Eine Hardcover Ausgabe hätte diesem fast 500 Seiten starken Buch noch besser zu Gesicht gestanden.

Text: Ulf Engelmayer
Gareth Murphy – Cowboys & Indies, Broschur, 16,99€
Heyne Hardcore, Feb. 2017, ISBN 978-3-453-67704-3

Joachim Meyerhoff – Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Nach „Amerika“ und „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ ist dies der dritte Teil, der auf sechs Zyklen aufgebauten Erzählung „Alle Toten fliegen hoch“. Mit 20 Jahren muss der Erzähler sich entscheiden. Zivildienst im Krankenhaus rechts der Isar, leben im Schwesternwohnheim oder eine drei Jahre dauernde Ausbildung an der Schauspielschule und wohnen bei den Großeltern in München. Ein unerklärlicher Zufall, dass sich beide Wege auftaten. Die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule stand zunächst unter keinem guten Stern. Von drei für die Aufnahmeprüfung geforderten Rollen konnte er nur eine vorstellen. Danton aus Georg Büchners Danton`s Tod. Diese eine Darstellung hinterließ bei ausreichend vielen Prüfern den Eindruck, diesen großen, jungen Sportler zu einem Schauspieler ausbilden zu können. So zog der Erzähler bei seinen Großeltern in eine alte Münchner Villa ein. Ein Haus in dem die Zeit stehengeblieben zu sein schien. Die Großmutter war eine bekannte Theaterschauspielerin, hatte die Bühne aber Mitter der 60er Jahre verlassen. Ihre darstellende Kunst übertrug sie oft auf ihren Alltag. Der Stiefgroßvater war ein emeritierter Professor der Philosophie. Die Villa war ihr Refugium das sie nur zwei Mal im Jahr verließen um Urlaub zu machen. Der junge Schauspielschüler zog in das rosa Zimmer der Großmutter ein und wohnte dort drei Jahre lang. Dazwischen lag die Ausbildung, die ihm die unmöglichsten Dinge abverlangten, „Du musst lernen mit den Brustwarzen zu lächeln“ und die sich täglich wiederholenden Rituale der Großeltern. Dazu gehörte ein fester Ablauf von Trinkgewohnheiten: Champagner zum Frühstück und am frühen Abend ein Whisky. Der Weinkeller war gut bestückt und zum Einschlafen gab es eine Auswahl von Tabletten.
Auch in diesem Buch sind Leben und Tod dicht miteinander verwoben. Vergangenheit und Gegenwart prägen den jungen Mann für seinen weiteren Weg. Diese drei Münchener Jahre, die selbst schon wie ein Theaterstück erscheinen, werden wunderbar formuliert erzählt. Die Worte erzeugen Bilder im Kopf, der Leser sitzt im Theater und schaut dem Protagonisten bei seinem Leben zu – mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Text: Jutta Engelmayer
Joachim Meyerhoff – Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, TB, 10,99€
Kiwi, 09.03.2017, ISBN 978-3-462-05034-9

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