Ulf Engelmayer http://radiolounge.radiolounge.online Wed, 18 Jun 2025 10:41:15 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.2 http://radiolounge.radiolounge.online/wp-content/uploads/2019/08/cropped-D29CE3C1-BECD-409B-B54D-D65F3F37549C-1-32x32.png Ulf Engelmayer http://radiolounge.radiolounge.online 32 32 Pier Paolo Pasolini – Petrolio http://radiolounge.radiolounge.online/pier-paolo-pasolini-petrolio/ http://radiolounge.radiolounge.online/pier-paolo-pasolini-petrolio/#respond Tue, 13 Jan 2026 13:38:20 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2783 Pier Paolo Pasolini war ein Intellektueller, der sich nie geschützt hat. Er suchte die Öffentlichkeit, den Konflikt, den Widerspruch. Kommunist und Katholik, Dichter und Filmemacher, Homosexueller in einer zutiefst konservativen Gesellschaft – Pasolini war immer zugleich Teil und Gegner seiner Zeit. Und er wusste, dass diese Haltung gefährlich war.

Als er 1975 ermordet wurde, hinterließ er ein unvollendetes Manuskript: Petrolio. Kein Roman im klassischen Sinn, sondern ein offenes Gefüge aus Notizen, Erzählfragmenten, Essays und bewussten Brüchen. Pasolini arbeitete bis zuletzt an diesem Text – wissend, dass er literarisch wie politisch eine Grenzüberschreitung war.

Im Zentrum steht die Figur Carlo, ein Ingenieur im Machtfeld der italienischen Erdölindustrie. Doch Carlo ist keine stabile Figur. Er spaltet sich, verliert Identität, wird zum Träger widersprüchlicher Rollen. Pasolini nutzt diese Figur, um ein System zu beschreiben, in dem Macht anonym, verschleiert und strukturell wirkt.

Petrolio ist ein Roman über Korruption, über sexuelle Gewalt, über politische Netzwerke – und über das Verhältnis von Körper und Kapital. Erdöl wird zur Metapher für eine Gesellschaft, die von Interessen gesteuert wird, die sich der Kontrolle entziehen. Pasolini deutet Verbindungen zwischen Industrie, Politik und Geheimdiensten an. Er nennt keine Namen. Aber er schreibt so, dass sie lesbar werden.

Diese Andeutungen machten den Text hochbrisant. Schon kurz nach der Veröffentlichung wurde Petrolio nicht nur literarisch, sondern politisch gelesen. Viele sahen darin einen Schlüsseltext zur sogenannten „Strategie der Spannung“ im Italien der Nachkriegszeit – einer Phase, in der Terror, staatliche Akteure und wirtschaftliche Interessen ineinandergreifen.

Pasolini selbst hatte sich in seinen letzten Lebensjahren zunehmend radikalisiert. Er sah im Konsumkapitalismus eine neue Form des Faschismus – subtiler, totaler, zerstörerischer als der alte. Seine Texte wurden direkter, seine Warnungen schärfer. Petrolio ist das literarische Dokument dieser Zuspitzung.

Die Rezeption des Romans war lange gespalten. Viele hielten ihn für unlesbar, obszön, überfrachtet. Heute wird gerade seine Fragmenthaftigkeit als Stärke gesehen. Petrolio bildet eine Welt ab, die selbst zerrissen ist. Macht erscheint nicht als klarer Gegner, sondern als Geflecht. Und der Körper wird zum politischen Schauplatz.

Petrolio bleibt ein offenes Werk. Ein Text, der misstrauisch macht. Gegenüber Systemen, gegenüber Ideologien, gegenüber scheinbarer Ordnung. Und er erinnert an einen Autor, der Literatur nicht als Schutzraum verstand, sondern als Risiko.

Das Buch ist als Paperback bei Wagenbach erschienen hat 700 Seiten und kostet 20 €

Text: Ulf Engelmayer
Pier Paolo Pasolini – Petrolio, PB,20€
Wagenbach, 978 3 803127426

 

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„Der Tag vor der Revolution“ – Ursula K. Le Guins Vermächtnis an die Utopie http://radiolounge.radiolounge.online/der-tag-vor-der-revolution-ursula-k-le-guins-vermaechtnis-an-die-utopie/ http://radiolounge.radiolounge.online/der-tag-vor-der-revolution-ursula-k-le-guins-vermaechtnis-an-die-utopie/#respond Tue, 09 Dec 2025 16:15:59 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2769 Ursula K. Le Guin zählt zu den wichtigsten Stimmen der modernen Science-Fiction und zu den Autorinnen, die das Genre zu einem Ort politischer Ideen gemacht haben. Die neu aufgelegte Ausgabe von „Der Tag vor der Revolution“ führt das eindrucksvoll vor Augen. Es handelt sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten, die auf den ersten Blick sehr verschieden wirken: mal futuristisch, mal poetisch, mal fast schon mythologisch. Doch ein genauer Blick zeigt, dass sie alle von einem gemeinsamen Gedankenkern durchdrungen sind. Le Guin fragt darin immer wieder: Wie leben wir eigentlich zusammen? Und wie könnten wir anders leben? Fragen, die in den Zeiten dystopischer Science-Fiction Literatur immer seltener gestellt werden.

Im Mittelpunkt der titelgebenden Geschichte steht Laia Asieo Odo, die geistige Mutter einer anarchistischen Bewegung. Sie hat Gedanken formuliert, die eine Welt verändern – und steht nun als alte Frau am Ende ihres eigenen Weges. Ursula K. Le Guin zeichnet sie nicht als gefeierte Heldin, sondern als verletzlichen Menschen. Schmerz, Erinnerungen, Zweifel begleiten sie an einem Tag, der vielleicht der letzte ihres Lebens sein könnte – oder der erste einer Revolution. Die Erzählung ist leise, aber voller Kraft. Sie zeigt, dass politisches Denken immer im Inneren beginnt, in den alltäglichen Fragen nach Gerechtigkeit, Nähe und Freiheit.

All das macht deutlich, warum Le Guin der sogenannten „Soft Science-Fiction“ zugerechnet wird. Ihre Literatur ist nicht von Technik angetrieben, sondern von anthropologischer und ethnologischer Neugier. Sie erforscht Gesellschaft, Sprache und kulturelle Vorstellungen. Die Kurzgeschichten dieses Bandes bilden zusammen ein Mosaik ihrer wichtigsten Ideen. Manche davon sind eng mit ihren bekannten Romanwelten verknüpft, etwa mit dem „Planet der Habenichtse“. Andere öffnen neue Räume oder erzählen kleine, intime Lebensmomente. In dieser Vielfalt bleibt immer der Blick auf die Menschen spürbar – auf all jene, die träumen, zweifeln, scheitern und dennoch weiterdenken. Insbesondere der teilweise originelle Blickwinkel macht viele der Kurzgeschichten zu einem interessanten und erkenntnisreichen Vergnügen.

Zur Person:

Ursula K. Le Guin wurde 1929 in Kalifornien geboren und verstarb 2018 in Portland, Oregon. Ihre Laufbahn ist geprägt von ihrem wissenschaftlichen Hintergrund: Als Tochter eines Anthropologen hinterfragte sie stets gesellschaftliche Normen und entwickelte literarische Visionen für gerechtere Zukünfte. Werke wie „Die linke Hand der Dunkelheit“ oder die Erdsee-Romane machten sie weltberühmt und trugen wesentlich dazu bei, Science-Fiction und Fantasy als ernstzunehmende Weltliteratur zu etablieren.

„Der Tag vor der Revolution“ vereint nun noch einmal, was Le Guin ausmacht: die politische Überzeugung, dass eine bessere Welt denkbar ist, und die tiefe Menschlichkeit, mit der sie ihren Figuren begegnet. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass jede Veränderung im Kleinen beginnt – vielleicht in einem einzigen Gedanken, der die Zukunft schon in sich trägt.

Ursula K. Le Guin – Der Tag vor der Revolution ist bei Fischer Tor als Hardcover erschienen (784 Seiten mit Lesebändchen) und kostet 36€.
ISBN 978-3-596-71087-4

Text: Ulf Engelmayer

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Natalie Amiri – Der Nahost-Komplex http://radiolounge.radiolounge.online/natalie-amiri-der-nahost-komplex/ http://radiolounge.radiolounge.online/natalie-amiri-der-nahost-komplex/#respond Tue, 18 Nov 2025 14:14:26 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2763 Ein Buch, das aufrüttelt: Warum „Der Nahost-Komplex“ jetzt wichtiger ist denn je
Ob Israel, die palästinensischen Gebiete im Westjordanland und in Gaza, die aktuellen Entwicklungen in Syrien, Libanon und im Iran: Natalie Amiris Buch „Der Nahost-Komplex“ geht dahin, wo es schmerzt. Der Untertitel ihrer Reportage „Von Menschen, Träumen und Zerstörung“ gibt die Richtung vor. Es geht um die Menschen in dieser von Kriegen, Vertreibung und Vernichtung geprägten Region. Einer Region, in der Generationen aufgewachsen sind, die den Begriff Frieden nur abstrakt kennen. Deswegen ist das Buch mehr als eine Analyse politischer Konflikte. Es ist eine eindringliche Einladung, unseren Blick auf eine Region zu schärfen, die in Europa meist nur durch besagte Krisen, Schlagzeilen und vereinfachte Narrative wahrgenommen wird. Amiri – erfahrene Journalistin, langjährige Iran-Expertin und Nahost-Korrespondentin – führt ihre Leser*innen nah an die Menschen, ihre Geschichten, ihre Hoffnungen und die Strukturen, die sie prägen.

Mit beeindruckender Sachkenntnis und erzählerischer Tiefe zeigt sie, wie eng Europa und der Nahe Osten miteinander verwoben sind – kulturell, politisch und wirtschaftlich. Das Buch bietet sowohl fundiertes Hintergrundwissen als auch persönliche Einblicke, die komplexe Zusammenhänge verständlich, berührend und nachvollziehbar machen.

Warum sollten Menschen dieses Buch lesen?

  • Um Komplexität zu begreifen: Amiri räumt mit Schwarz-Weiß-Denken auf und zeigt die vielen Grautöne, die politische und gesellschaftliche Dynamiken im Nahen Osten bestimmen.
  • Um besser informiert zu sein: Wer Medienberichte kritischer einordnen möchte, erhält hier wertvolle Hintergründe und historische Kontexte.
  • Um Empathie zu entwickeln: Die persönlichen Eindrücke und Begegnungen machen das Buch menschlich und nah – und schaffen Verständnis für die Lebensrealitäten vor Ort.
  • Um globale Zusammenhänge zu verstehen: Amiri zeigt, wie sehr europäische Politik, Migration und globale Machtverhältnisse mit den Entwicklungen im Nahen Osten verknüpft sind.

„Der Nahost-Komplex“ ist daher ein wichtiges Buch für alle, die unsere Welt – und die Krisen darin – wirklich verstehen wollen. Geschrieben von einer Journalistin, die sich vor Ort ein umfangreiches Bild über den Nahost Komplex verschafft hat.

Das Buch ist erschienen im Penguin Verlag, 416 Seiten und kostet als Hardcover Ausgabe 25 €.
ISBN 978-3-328-60452-5

Text: Ulf Engelmayer
Bewertung ****

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Heinz Bude – Abschied von den Boomern http://radiolounge.radiolounge.online/heinz-bude-abschied-von-den-boomern/ http://radiolounge.radiolounge.online/heinz-bude-abschied-von-den-boomern/#respond Tue, 16 Sep 2025 13:25:11 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2724 Zeit zu gehen – Heinz Budes spannender Essay über das Ende der Ära der Boomer

Sie haben den Wohlstand geerbt, die Debatten geprägt und jahrzehntelang den Ton angegeben: die Boomer-Generation. Doch nun naht der Abschied. Der Soziologe Heinz Bude zieht Bilanz – schonungslos, analytisch und mit einem Blick in die Zukunft. In seinem neuen Buch „Abschied von den Boomern“ entwirft er ein Gesellschaftsporträt zwischen Epochenbruch und Generationenwechsel. Eine kritische, originelle, aber auch verständnisvolle Lektüre über das Ende eines Lebensgefühls.
In „Abschied von den Boomern“ nimmt der Soziologe Heinz Bude seine eigene Generation unter die Lupe – jene, die zwischen 1955 und 1965 geboren wurde und in einem Westdeutschland aufwuchs, das von Wirtschaftswunder, Bildungsaufstieg und kultureller Revolte geprägt war. Eine Zeit, geprägt durch demokratischen Aufbruch, Kampf um die Selbstbestimmung der Frauen, gegen Aufrüstung und Atomkraft. Aber auch geprägt durch den Terrorismus der Rote-Armee-Fraktion, Aids und Tschernobyl. Doch Bude bleibt nicht bei nostalgischer Rückschau. Ihn interessiert: Was bleibt von dieser Generation, wenn sie abtritt?
Mit gewohnter analytischer Schärfe zeigt Bude, wie die Boomer lange den Diskurs dominierten – politisch, moralisch und medial. Doch mit Klimakrise, digitaler Transformation und globaler Unsicherheit geraten ihre Selbstgewissheiten ins Wanken. Der Autor beschreibt nicht nur die Macht dieser Generation, sondern auch ihre blinden Flecken: Besitzstandswahrung, Selbstgerechtigkeit, Angst vor Veränderung. Dies alles nicht in einem anklagenden Ton, sondern klug beobachtend. Er spricht auch über die Verdienste der Boomergeneration – Demokratisierung, Bildungsexpansion, Liberalität –, stellt aber die zentrale Frage: sind die Boomer bereit, loszulassen?

Ein Buch, das nicht nur für Soziologie-Interessierte lesenswert ist, sondern auch für alle, die wissen wollen, wie Gesellschaft sich verändert – und wer dabei auf der Bremse oder auf dem Gas steht. Und natürlich für die Boomergeneration selbst! Bude gelingt ein feinsinniger Abgesang auf eine Ära, über eine Generation, die langsam verstummt.  Das Buch ist auch ein Aufruf zur Verantwortung für die Gesellschaft, zum Dialog der Generationen. Denn: wie man Freiheiten verteidigt, bzw. erreicht und wie man sich im Diskurs behauptet, dies sind Eigenschaften der Boomer, die gerade heute wichtiger denn je sind.

Der Essay „Abschied von den Boomern“ von Heinz Bude ist jetzt in einer günstigenTaschenbuchausgabe im Ullstein Verlag erschienen und kostet 14,99€, ISBN 978-3-548-07030-8

Text: Ulf Engelmayer

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„Wildnis“ von Hinrich von Haaren http://radiolounge.radiolounge.online/wildnis-von-hinrich-von-haaren/ http://radiolounge.radiolounge.online/wildnis-von-hinrich-von-haaren/#respond Tue, 09 Sep 2025 11:39:07 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2713 Das Buch Wildnis ist die Geschichte des Historikers Gottfried Schult, der an der Universität Cambridge ein eher wissenschaftliches Schattendasein führt. In der Universitätsstadt verdrängt er seine Homosexualität, unternimmt regelmassige Reisen nach London und mietet sich dort eine Wohnung. Er beginnt eine Affäre mit einem jugendlichen Außenseiter. Schulte wird seine Vergangenheit nicht los.  Die Kriegserinnerungen an den Hamburger Feuersturm lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er beschließt, zu diesem Thema ein Buch zu schreiben und fängt an in England über die Geschichte des Bombenkriegs zu recherchieren. Der Jahrzehnte jüngere Ely ist fasziniert und schwankt zwischen persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Erwartungen.
Schulte hingegen, wortkarg und mit dunkler Vergangenheit, hat sich aus freien Stücken in die Abgeschiedenheit zurückgezogen. Die Beziehung entwickelt sich kompliziert, auch langjährige Freunde aus Cambridge stehen den weiteren Entwicklungen hilflos gegenüber. Durch eine Reise nach Hamburg zu seiner Mutter erhofft sich Schult weitere Aufklärung   der Geschehnisse in der Bombennacht. Doch seine Erwartungen werden enttäuscht.

Zugegeben, der Roman „Wildnis“ ist keine leichte Kost. Er beschreibt ein gescheitertes Leben, einen von Intrigen und Karrieretum getriebenen Universitätsalltag sowie die Abwesenheit einer befriedigenden sozialen Existenz. Zudem ist der Protagonist streckenweise ein schwieriger Charakter – freundlich ausgedrückt. Bisweilen ist die drastisch beschriebene Trostlosigkeit nur schwer erträglich. Das Schweigen, Verdrängen und damit Scheitern sind ein zentrales Thema der Kriegsgeneration, das Aufarbeiten scheint erst nach Jahrzehnten möglich. Und das ist nicht immer nett. Hinrich von Haaren hat mit „Wildnis“ ein erschütterndes Buch geschrieben, dass dem Leser viel abverlangt. Sich der „inneren Wildnis“ zu stellen ist eine heroische Aufgabe. Zudem ist dem Autor gelungen, eine derart intensive Beschreibung des englischen Luftangriffs „Operation Gomorrha“ zu Papier zu bringen, die man so wohl noch nicht gelesen hat. Große Literatur!

Hinrich von Haaren „Wildnis“ ist erschienen im Wallstein Verlag und kostet 24.-€
ISBN: 978-3-8353-5913-0

Text Ulf Engelmayer

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Alfons Kaiser und Simon Schwartz – Lagerfeld http://radiolounge.radiolounge.online/alfons-kaiser-und-simon-schwartz-lagerfeld/ http://radiolounge.radiolounge.online/alfons-kaiser-und-simon-schwartz-lagerfeld/#respond Tue, 22 Jul 2025 20:01:20 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2688 Mode, Mythos, Ikone – Lagerfeld als Comic

Biografien im Graphic Novel Format sind im Trend. Wie gut das funktioniert, zeigen u.a. Comics über Thomas Mann und den Stararchitekten Mies van der Rohe. Jetzt neu erschienen „Lagerfeld“ vom F.A.Z. Redakteur Alfons Kaiser und dem vielfach ausgezeichneten deutschen Comiczeichner Simon Schwartz.
Vom Jugenddasein in Hamburg über die ersten Couture-Schritte in Paris bis zum ikonischen Schwarz-Weiß-Look und dem Aufstieg zum absoluten Popstar der Modewelt – mit distanziertem Blick fängt das Buch zentrale Ereignisse von Lagerfelds Leben ein. Das alles ungeschönt, auch die Konflikte und Schattenseiten werden nüchtern erzählt. Mit einer klaren stilistischen Bildsprache, sehr statisch zwar, aber dem Protagonisten angemessen. Auf den 100 Seiten erfährt der Leser einige unbekannte Details über die Familie Lagerfeld und die Kindheit und Jugend von Karl. Die Kontrolle über sein Leben, seine Biografie, sein Stilbewußtsein prägte ihn schon früh.
Was die Graphic Novel leistet, ist mehr als bloße Biografie: Sie macht Lagerfelds Welt lesbar – auch für jene, die mit Haute Couture wenig anfangen können. Und: die Marke „Lagerfeld“ wird sichtbar, prägnant durch die großzügigen Panels von Simon Schwartz. Trotzdem bleibt dem Leser das rätselhafte am Wesen von Karl Lagerfeld erhalten.
Wir wissen nicht, ob der Buchfreund Lagerfeld eine Sicht auf die Comickultur hatte, vermutlich hätte ihm diese Graphic Novel gefallen.
Fazit:*
Ein eleganter Einstieg in das Leben eines Menschen, der sich selbst zur Marke machte – und dabei stets ein Rätsel blieb.

„Lagerfeld“ von Alfons Kaiser und Simon Schwartz ist im C.H.Beck Verlag erschienen und kostet als Hardcoverband 22 €.

Text: Ulf Engelmayer

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Bernhard Pörksen – Zuhören – Die Kunst, sich der Welt zu öffnen http://radiolounge.radiolounge.online/bernhard-poerksen-zuhoeren-die-kunst-sich-der-welt-zu-oeffnen/ http://radiolounge.radiolounge.online/bernhard-poerksen-zuhoeren-die-kunst-sich-der-welt-zu-oeffnen/#respond Tue, 15 Jul 2025 16:40:53 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2683 Zuhören oder scheitern – Pörksens Warnung an die Politik

Was wissen wir noch über den Missbrauchsskandal an der reformpädagogischen Odenwaldschule? Wie kommunizieren wir mit Freunden in der Ukraine? Wie kann wertschätzende Kommunikation in den Zeiten der sozialen Medien gelingen? Wie verhalten sich Kritiker im Silikonvalley zu dieser Thematik? Und: wie Umgehen mit der unbequemen Wahrheit der Klimakrise?

Bernhard Pörksen hat sich diesen Fragen in seinem Buch „Zuhören – Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ auf originelle Weise genähert. Immer mit einer sehr persönlichen Sicht auf die Dinge. Er hat mit dem Thema Zuhören gerungen und wäre fast mit dem Buch gescheitert, wie er auf einer bemerkenswerten Lesung gemeinsam mit Svenja Flasspöhler im Literarischen Zentrum in Göttingen zugab.

Zentrales Thema im Buch sind die Geschehnisse an der Odenwaldschule. Der massenhafte sexuelle Missbrauch durch eine Gruppe von Lehrkräften und dem schulischen Leiter Gerold Becker machen auch den Leser fassungslos. Was hat das Alles mit dem Thema „zuhören“ zu tun? Ganz einfach. Man hat den missbrauchten Schülern nicht zugehört, mehr noch man hat die Opfer-Schuld Frage umgedreht. Ein Kartell aus Pädagogen, Anhängern der Reformpädagogik und einflussreichen Medienleuten hat jahrelang eine Aufklärung durch Relativierungen, Verdrängung und Weghören verhindert. Erst eine neue Schulleiterin hat den Prozess der Aufklärung vorangetrieben und den Opfern zugehört. Für den Journalismus gilt laut Pörksen: eine immer neuauszutarierende Mischung aus Berührbarkeit, Offenheit und Härte immer um das Wissen um die Bequemlichkeit des menschlichen Geistes und die Gefahr allzu großer Nähe. Hier gelte es zudem Wahrnehmungsbarrieren und -blockaden zurückzudrängen.

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, legt mit „Zuhören – Die Kunst, sich der Welt zu öffnen“ ein eindringliches Plädoyer für die Rückbesinnung auf eine oft unterschätzte Fähigkeit vor: das wirkliche, aufmerksame, empathische Zuhören.
Das Buch ist klug strukturiert, sprachlich präzise und voller aktueller Bezüge – von der Talkshow bis zur politischen Debattenkultur. Pörksen argumentiert, dass Zuhören nicht nur eine höfliche Geste sei, sondern eine demokratische Grundkompetenz. Gerade in einer Zeit der Aufmerksamkeitsökonomie, des Empörungsklicks und der algorithmisch gefilterten Echokammern gewinnt seine These an Schärfe: Zuhören ist Widerstand gegen die Verrohung der Kommunikation.
Die Verbindung von wissenschaftlicher Reflexion, journalistischer Erfahrung und konkreten Beispielen. Pörksen bleibt nicht abstrakt – er zeigt, wie Zuhören misslingt, instrumentalisiert oder verhindert wird, aber auch, was es bewirken kann. Ein notwendiges Buch in einer kommunikationsgestörten Welt. Definitiv keine Wohlfühllektüre, sondern ein Weckruf für alle, die kommunizieren – beruflich wie privat.
Ein umfangreicher Anmerkungsteil schließt das Buch ab. Ein wichtiger Beitrag für:

– Alle, die im Dialog arbeiten
– Menschen, die wieder mehr verstehen als urteilen wollen
– Pflichtlektüre für Journalist*innen, Lehrer*innen, Mediator*innen, Politiker*innen

Bernhard Pörksen – Zuhören ist im Hanser Verlag erschienen und kostet als Hardcover Ausgabe 24 €
ISBN: 978-3-446-28138-7

Text: Ulf Engelmayer
Bewertung *****

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Jake Tapper und Alex Thompson – Hybris http://radiolounge.radiolounge.online/jake-tapper-und-alex-thompson-hybris/ http://radiolounge.radiolounge.online/jake-tapper-und-alex-thompson-hybris/#respond Tue, 08 Jul 2025 12:16:40 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2717 Verfall, Vertuschung und Joe Bidens Verhängnisvolle Entscheidung

Die Amerikanische Tragödie: Wie die Demokraten Trump den Teppich ausgerollt haben

dtv, TB, ISBN 978-3-423-26443-3

Beitrag: Ulf Engelmayer

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Die Milliarden-Lobby von Susanne Götze und Annika Joeres http://radiolounge.radiolounge.online/die-milliarden-lobby-von-susanne-goetze-und-annika-joeres/ http://radiolounge.radiolounge.online/die-milliarden-lobby-von-susanne-goetze-und-annika-joeres/#respond Tue, 17 Jun 2025 10:37:20 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2666 In ihrem neuen Sachbuch „Die Milliarden-Lobby“ nehmen die renommierten Investigativ-Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres die fossile Energiepolitik Deutschlands unter die Lupe. Sie decken auf, wie politische und wirtschaftliche Akteure durch lukrative Deals mit autoritären Regimen die Abhängigkeit von Öl und Gas aufrechterhalten und damit sowohl die Klimakrise verschärfen als auch die nationale Sicherheit gefährden. Die Abkehr von der günstigen Gasversorgung aus Russland habe nicht zu einer grundsätzlichen Energiewende  geführt, so die beiden Autorinnen. Es sind neue Abhängigkeiten entstanden, beispielsweise vom Flüssiggas. Zudem schaden fossile Brennstoffe nicht nur durch die Fördertechnologien der Umwelt, sondern auch durch den Transport. Der Komplex Wasserstofftechnologie wird in einem gesonderten Kapitel sehr umfangreich behandelt. Scheinlösungen und falsche Erwartungen in diese Technologie machen nicht viel Hoffnung auf eine schnelle Alternative zu fossilen Brennstoffen.
Das Buch basiert auf umfangreichen Recherchen und benennt konkret, wer von der fortgesetzten Nutzung fossiler Brennstoffe profitiert. Die Autorinnen zeigen, wie alternative Energiekonzepte aus Profitinteressen bekämpft werden und wie Deutschland durch Verträge mit autoritären Staaten in eine gefährliche Abhängigkeit gerät. Die Autorinnen belassen es nicht dabei, nur die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen der fossilen Lobby darzustellen. Übrigens mit einigen überraschenden Erkenntnissen. Das Buch bietet auch einen Ausblick auf mögliche Perspektiven und Wege zu einer neuen Energie- und Industriepolitik. Auch wenn das Thema zurzeit nicht auf der politischen Agenda steht.
„Die Milliarden-Lobby“ ist eine eindringliche Analyse der Verflechtungen zwischen Politik und fossiler Industrie. Götze und Joeres gelingt es, komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen und die Dringlichkeit eines Wandels in der Energiepolitik zu unterstreichen. Das Buch ist eine wichtige Lektüre für alle, die sich für Klimaschutz und politische Transparenz interessieren und ist gut als Einstiegslektüre geeignet.

Das Buch ist erschienen im Piper Verlag und kostet 22 €. ISBN 978-3-492-07331-8
Text: Ulf Engelmayer
Bewertung ****

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Heinz Strunk – Zauberberg 2 http://radiolounge.radiolounge.online/heinz-strunk-zauberberg-2/ http://radiolounge.radiolounge.online/heinz-strunk-zauberberg-2/#respond Tue, 18 Mar 2025 16:32:34 +0000 http://radiolounge.radiolounge.online/?p=2641 Heinz Strunk ist ein Garant für humorvolle, oft skurrile Romane wie „Fleisch ist mein Gemüse“ oder „Der goldene Handschuh“. Dies in einem Zusammenspiel von schwarzem Humor und gesellschaftlicher Beobachtung. In seinem neuesten Werk, „Zauberberg 2“ widmet er sich einem neuen Terrain: der Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz, Krankheit und dem Leben in die Moderne.
„Zauberberg 2“ entführt den Leser in eine eher surreale und auf den ersten Blick absurde Welt. Die Geschichte folgt einem Erzähler, der, auf der Suche nach einer Art Heilung für seine existenziellen Krisen und körperlichen Beschwerden, in ein abgelegenes Wellness-Resort reist. Dort begegnet er einer skurrilen Mischung von Charakteren, die alle ihre eigenen, teils grotesken, teils tragischen Geschichten haben. Im Lauf der Erzählung treten die Befindlichkeiten des Protagonisten hinter den Alltagsabläufen in der Klinik zurück. Monotonie und Einbrüche in den täglichen Trott wechseln sich ab. Hier verbindet Strunk geschickt Elemente des klassischen Sanatoriums Romans (inspiriert von Thomas Manns „Der Zauberberg“) mit einer modernen, oft satirischen Betrachtung von Gesundheitskult, Selbstoptimierung und Selbstmitleid.
„Therapie ist nichts anderes als die Korrektur von Erinnerungen“
Das Wellness-Resort, bzw. die Kureinrichtung in dem sich die Protagonisten aufhalten, ist gleichzeitig ein Ort der physischen und geistigen Heilung – oder vielmehr eine Parodie dieser Heilungsversprechen. Hier stimmt eigentlich nur die hohe Tagespauschale, die den zahlungskräftigen Patienten aus der Tasche gezogen wird. Irgendwann läuft es nicht mehr rund, die Klinik scheint in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu geraten.
Gebäudeschließungen stehen an, Personal wird reduziert, in der Küche werden nur noch Standardgerichte aufgewärmt. Seltsame Dinge passieren in den umliegenden Sümpfen.

Strunk hat in „Zauberberg 2“ wieder einmal genau hingeschaut. Originelle und überraschende Charaktere tauchen auf, diese aber ganz aus dem wahren Leben. Durch die oft skizzenhafte Erzählweise erscheinen die Ereignisse und Beobachtungen des Protagonisten fragmentarisch, was den Eindruck einer Entfremdung verstärkt. Trotzdem entsteht so ein Kaleidoskop aus menschlichen Schwächen, die in der oft unbarmherzigen Welt der Selbstoptimierung und der scheinbaren Heilung noch stärker hervortreten.
In „Zauberberg 2“, wird nicht nur der Gesundheitswahn und die ständige Suche nach dem richtigen Weg in einer konsumgeprägten Gesellschaft thematisiert, sondern auch die Rolle des Individuums in einer sich immer mehr beschleunigenden Welt hinterfragt. Strunk zeigt wie sehr der Wellness- und Gesundheitsmarkt die Sehnsüchte und Ängste der Menschen ausnutzt und sie in eine Illusion von Kontrolle über ihr Leben führt. Doch wie bei vielen von Strunks Figuren bleibt auch der Protagonist auf seiner Suche nach dem echten „Heilmittel“ ohne klare Antwort. Wer Strunks Bücher und seine distanziert humorvolle Sicht auf den Alltag und die Abgründe des Individuums liebt, wird in diesem Buch auf seine Kosten kommen.

Heinz Strunk liest im Rahmen der Göttinger Frühjahrslese aus Zauberberg 2 und zwar am kommenden Samstag um 19 Uhr in der Sheddachhalle. Es gibt noch Karten.

Heinz Strunk – Zauberberg 2 ist bei Rowohlt erschienen und kostet 25€ (Hardcover mit goldenem Lesebändchen)
ISBN 978-3-498-00711-9

Text: Ulf Engelmayer
Bewertung ****

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