Dörthe Binkert – Vergiss kein einziges Wort

Die Familie Strebel lebt im schlesischen Gleiwitz. 1921 wird Luise, das sechste Kind der Familie geboren. Ein für Schlesien schicksalsträchtiges Jahr, denn das Land wird geteilt. Das Kohlevorkommen und die Industrieanlagen in Südost Schlesien fallen an Polen. Weder Polen noch Deutschland sind mit der Teilung einverstanden. Während der Friedensverhandlungen von Versailles hat Deutschland auch im Osten Gebietsabtretungen hinzunehmen. Polen hat ganz Oberschlesien für sich beansprucht. Es kommt zu Aufständen zwischen Polen und Deutschen. Die Bevölkerung in den Grenzregionen wird zerrissen. Wer denkt und fühlt deutsch, wer polnisch?

In dieser Zeit wächst Luise in Gleiwitz bei ihren Eltern und fünf älteren Geschwistern auf. Sie findet ihn Magda, der Tochter einer Gemischtwarenladenbesitzerin eine beste Freundin. Die beiden werden in einer immer schwerer werdenden Epoche junge Erwachsene. Sie lieben, leben und überleben in einer Zeit, in der plötzlich der altvertraute Nachbar als Abschaum oder Feind angesehen werden soll. Die deutsche Elite und die als minderwertig bezeichneten Polen. Aber am Ende des Zweiten Weltkriegs wendet sich das Blatt und Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht. In diese Zeit, voller Hass, Denunziation und Gewalt ist die Geschichte der Familie Strebel eingebettet.

Dörte Binkert arbeitete als Lektorin und Programmleiterin für große deutsche Publikumsverlage. Im vorliegenden Roman „Vergiss kein einziges Wort“ beschreibt sie die Geschichte Schlesiens und seiner Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Charaktere der Familie Strebel sind vielschichtig. Dadurch kann die Autorin die Einzelschicksale der Menschen in dieser Epoche gut beschreiben. Auch das soziale und lokale Umfeld in diesem Roman unterstützt die gelebte Geschichte der Menschen vortrefflich. Der Begriff Heimat ist eng mit dem Frieden verknüpft und wird durch den Verlust im Krieg und die Vertreibung als etwas Kostbares erkannt. Gleichzeitig zeigt sich die Vorstellung von Heimat in Grenzgebieten als Staatenunabhängig. Mit der Verschiebung von Grenzlinien wechselt die Staatsangehörigkeit, aber das Heimatgefühl bleibt.

Eine einfühlsam erzählte Geschichte, die auch heute noch in vielen Teilen der Welt traurige Aktualität besitzt.

 

Text: Jutta Engelmayer
Dörthe Binkert – Vergiss kein einziges Wort, HC, 22,00€
dtv, 978-3-423-28964-1

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.